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Mindermann, Marie Christiane, geb. Flügger

9.12.1808 in Bremen – 25.3.1882 in Bremen

Marie Mindermann wird als Tochter des Drechslermeister Johann Mindermann und seiner Frau Elisabeth, geb. Flügger geboren. Sie wächst mit drei älteren Schwestern in der Ostertorstraße auf. Mit drei Jahren besucht sie eine Klippschule. Marie ist ein aufgewecktes Kind, bereits mit fünf Jahren kann sie klar und ordentlich schwere Texte der Bibel vorlesen. Sie hat Freude an der Tier- und Pflanzenwelt und sie beschäftigt sich auch ganz alleine, sie liest die Märchen der Gebrüder Grimm. Mit sechs Jahren wechselt sie in die Domschule. Dort erhält sie Religionsunterricht und sie wird in lesen, Schreiben, Rechnen und Stricken weiter unterwiesen; regulären Unterricht in der deutschen Sprache gibt es noch nicht. Hier fällt Marie einem jungen Unterlehrer auf. Er erteilt ihr einige Monate lang Deutschunterricht, den Vater Mindermann allerdings für überflüssig hält.

Mit dreizehn Jahren ist ihre Schulzeit zu Ende. Im Religionsunterricht des Dompredigers Dr. Kottmeier wird sie auf die Konfirmation vorbereitet. Sie verfasst ihre Aufsätze in Versform und erhält dafür die Anerkennung ihres Lehrers. In Marie wächst der Wunsch, Lehrerin zu werden. doch die zur Rate gezogene Freundin der Mutter, Betty Gleim und Kottmeier raten ab, sie weisen auf die hohen Kosten und schwache Gesundheit Maries hin. Ab jetzt versorgt sie den Haushalt ihrer Eltern, die wenige freie Zeit verbringt sie mit Lektüre, sie verfasst Gedichte, Erzählungen, Betrachtungen, Dramatisches.

Im Dezember 1939 stirbt Maries Mutter, im Mai 1840 der Vater. Marie lehnt die Möglichkeit ab, den Gesellen des Vaters zu heiraten und so den Meisterbetrieb fortzuführen. Sie zieht mit Caroline Lacroix in die Neustadt, Westerstr. 56 und lebt fortan mit ihr in Freundschaftsehe zusammen.

In der Revolution im März 1848 kam es in der Stadt zu Aufläufen und Ausschreitungen gegen die verhassten Torsperren, das Herdentor wurde beschädigt, Laternen und Fensterscheiben des Stadthause gingen zu Bruch. an die Fenster von Bürgermeister Smidt wurden Erdklumpen geworfen.

Am 7. März wurde im Krameramtshaus eine Petition verlesen, die von den Lehrern August Kotzenberg und Christian Feldmann verfasst waren und folgende Forderungen enthält: allgemeine und gleiche Wahlen, öffentliche Konventverhandlungen, Trennung von Justiz und Verwaltung, Geschworenengerichte, Eintreten für das Deutsche Parlament, Pressefreiheit, Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerichtsverfahren. 2.064 Bürger unterschrieben diese Petition.

Um der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen, hob der Senat noch am gleichen Tag die Zensur auf. Gegen den Ausschluss von Frauen vom Wahlrecht wandte sich eine unbekannte Bremerin: „In einer Versammlung, die gegenwärtig fasst in allen großen Orten täglich von den gewerbetreibenden gehalten werden, um die Staatswohlfahrt zu beraten…trat eine junge Frau von etwa zwanzig Jahren mit der Bitte, ihr auf einen Augenblick das Wort zu geben. Ihre Bitte fand Gehör: „Geehrte Männer….sie haben sich um das Wohl des Vaterlandes höchst verdient gemacht, da es Ihnen durch das tiefe Eindringen in Staatsachen gelungen ist, die einzige Art zu finden, wie ein Staat zum Wohl aller Staatsangehörigen, verwaltete werden muss….Trotz ihrer tiefen Ein- und Umsicht ist ihnen, geehrte Männer doch noch ein wesentliches Stück zu einer guten Regierung entgangen… Ihr wisst, dass auch wir Inwohner des Staates sind, dass ihr ohne uns Euer Dasein nicht hättet, sagt wie konntet ihr uns vergessen? Als Deputierte des weiblichen Geschlechts unseres Ortes, trete ich vor euch auf und verlange, dass ihr bewerkstelligt, dass auch wir zu Wählerinnen aufgefordert werden, damit wir uns auch des damit verbundenen Erwerbs zu erfreuen haben“ berichtete der Bremer Bürgerfreund am 22.6.1848.

In der Revolutionszeit engagierte sich Marie Mindermann für die demokratische Sache. Sie wird begeisterte Parteigängerin von Pastor Dulon und unterstützt ihn bei seinen Auseinandersetzungen mit seinen pietistischen Amtskollegen, der Liebfrauengemeinde und dem Senat mit mehreren anonym veröffentlichten Schriften, die durch Witz, Ironie und genaue Bibel- und Kirchenrechtskenntnisse viel Aufsehen erregen. auf einer Reise nach Hannover wird Dulon im Oktober 1851 festgenommen und in Hoya inhaftiert. Es wird gegen ihn wegen „Umsturzversuchs“ ermittelt…  am 1. März wird er suspendiert.

Am 10. Oktober wird Bürgermeister Smidt in seinem Wohnhaus eine Petition überreicht, die 5.356 Frauen unterzeichnet haben. Marie Mindermann hat sie höchstwahrscheinlich verfasst, die die Rücknahme der Suspendierung fordert. Nach der Entlassung Dulons greift Marie Mindermann in den „Briefen über bremische Zustände“ den Senat an. Der Senat fühlt sich verunglimpft. Er setzt den Polizeiapparat in Bewegung, um den Autor zu ermitteln. Dem Drucker wird die Presse versiegelt, dem Verleger Geisler mit der Schließung des Geschäfts und einem neuen Gerichtsverfahren gedroht. Er gibt Johanne Meyer als Mittelsperson an, die das Manuskript überbracht habe. Die wiederum sagt im Polizeiverhör aus, sie habe das Honorar für das Manuskript Marie Mindermann gegeben. Nun erscheint der Polizeikommissar bei Marie Mindermann und als sie leugnet, die Autorin zu sein, ordnet er eine Hausdurchsuchung an. Ein der Broschüre „Briefe über Bremische Zustände“ vergleichbares, in Arbeit befindliches Manuskript, das auf dem Tisch liegt, bestätigt den Verdacht gegen Marie Mindermann: doch erst als der Kommissär erklärt, man halte allgemein Dulon für den Verfasser, gibt sie zu, die Autorin zu sein. Sie wird zur Polizei, ins Stadthaus am Domshof bestellt. Marie Mindermann wird ins „Detentionshaus“ am Ostertor gebracht, wo sie eine Nacht bleiben muss. Wegen Beleidigung des Senats wird sie zu einer Geldstrafe von 20 Talern bzw. acht Tagen Haft verurteilt. Sie wählt die Haft.

Danach aber sieht sie sich gezwungen, ihre schriftstellerische Tätigkeit in Zukunft auf „harmlosere“ Themen aus der Natur und dem menschlichen Leben zu beschränken. Das „Freie Deutsche Hochstift zur Pflege der Wissenschaft, Kunst und Bildung“ in Frankfurt/Main (Goethehaus) ernennt Marie Mindermann 1865 zum Mitglied, 1975 zur Meisterin. Marie Mindermann fühlt sich den Bestrebungen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ADF zur Hebung der Frauenbildung verbunden. Auf Initiative von Louise Otto wirbt sie in Bremen für die Gründung eines Zweigvereins und berichtete darüber in den „neuen Bahnen“, dem Vereinsorgan de ADF. Sie gewinnt Ottilie Hoffmann für die Frauenbewegung.

1867 gründen Marie Mindermann und Ottilie Hoffmann den „Verein zur Erweiterung des weiblichen Arbeitsgebiets“, den späteren „Frauen-Erwerbs-und Ausbildungsverein“. Damit wird Frauen erstmals die Möglichkeit gegeben, eine gewerbliche, kaufmännische oder hauswirtschaftliche Ausbildung zu erhalten. Der Verein existiert bis heute noch in der Carl-Ronning-Str. 2. 1870 rufen Marie Mindermann, Henny Sattler und Metta Meinken den „Frauen-Bildungsverein“ ins Leben, der im Unterschied zum Frauen-Erwerbs-Verein auch den unteren Schichten offen stehen soll. In den sehr beliebten „Sonntagsabendunterhaltungen“ bietet der Verein künstlerische Darbietungen und wissenschaftliche Vorträge an. Doch er kann nicht genügend Mitglieder gewinnen und löst sich 1873 wieder auf. Die Sonntagabendunterhaltungen werden aber später erneut mit großem Erfolg aufgenommen.

Ihren Lebensabend verbrachten Marie Mindermann und Caroline Lacroix im Rembertistift, in das sie sich durch den Erwerb eines Wohnanrechts (Pröven) eingekauft hatten. Marie Mindermann stirbt am 25. März 1882 in Bremen und wird auf dem Riensberger Friedhof nahe der Kapelle beigesetzt. Das Grab existiert nicht mehr. In Bremen wurde eine Straße in Obervieland nach ihr benannt.

Publikationen:

An die 320 Streiter – Worte der Anerkennung und der Bewunderung von einem Gläubigen, Bremen 1851
Die Politik auf der Kanzel. Ein Wort zur Berichtigung. An die Gebildeten aller Stände, Bremen 1851
Aufruf zum Kampf gegen die destruktiven Ideen der Gegenwart. Hervorgerufen durch die neuste Schrift Dulons „Der Tag ist angebrochen“, von einem Anti-Duluniaer Bremen 1852 (anonym)
Materialia – gesammelt in feierlichen Abendstunden in der Kirche Sanct Wimmerius Simp,mit bescheidenen Anfragen und Bemerkungen versehen von einem aufmerksamen Zuhörer, Bremen 1852
Eigentümlichkeiten der Bremer Neuzeit, In Briefen von Marie Mindermann, Bremen 1852;
Briefe über Bremische Zustände von M***, Bremen 1852
Heide und Moos, Märchen und Erzählungen, Lübeck 1854
Feldblumen, Erzählungen und Lebensbilder für die reiferen Jugend, Bremen 1860
Plattdeutsche Gedichte nebst einer Sammlung plattdeutscher Gedichte un Redeweisen, Bremen 1860
Buntes Laub, Sagen, Arabesken und Märchen für die Sprichwörter und Redeweisen, Bremen 1863
Sagen der alten Brema, Bremen 1867
Dramatische Kleinigkeiten, Bremen 1867
Sagen der alten Brema, Bremen 1867
Ranken, Sammlung von Erzählungen für die reifere Jugend, Bremen 1867
Blumen am Wege, Bremen 1873
Bis zum Senator, Bremen 1877
Der Achatschleifer, Oswald-Lebensbilder für die reifere Jugend, Glogau 1879
Eine Tante, Glogau 1879
Spruchschatz, Bremen 1879
Aus dem Leben, Bremen 1880

Literatur und Quellen:
Biebusch, Werner: Revolution und Staatsstreich, Bremen 1973
Bremisches Gesetzblatt 1849, 1981, 1854
Dulon, Rudolph; Vom Kampf um Völkerfreiheit, Bremen 1849 ders.: Unsere Zeit hält Gericht, Bremen 1851, Der Tag ist angebrochen, Bremen 1852
Gerhard, Ute, Hannover-Drück, Elisabeth; Schmitter, Romina: Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen, Die Frauenzeitung von Louise Otto, Frankfurt /M 1979
König, Johann-Günter: Die streitbaren Bremerinnen, S. 13-54, Bremen 1981
Meinken, Metta: Ein „Bremer Frauenzimmer“ im Kampf um Wahrheit und Glauben, Bremen o.J.
Tardel, Hermann: Marie Mindermann, in: Bremische Biographien des 19. Jahrhunderts,Seiten 339-340, Bremen 1912
siehe auch: Knierim, Truxi: Die Revolution von Fräulein Mindermann, Ein historischer Roman, Bremen 1998

Elisabeth Hannover-Drück, Christine Holzner-Rabe

Dieses Porträt ist eine gekürzter Fassung aus der Dokumentation der Ausstellung des Bremer Frauenmuseum e.V. „Marie Mindermann und die Revolution 1848“, gezeigt im Staatsarchiv Bremen 1998