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Aston, Louise Franziska, geb. Hoche, verh. Meier

26.11.1814 in Gröningen bei Halberstadt – 21.12.1871 in Wangen

Louise Franziska war das jüngste von fünf Kindern des Konsistorialrats und Superintendenten Dr. Johann Gottfried Hoche (1762-1830) und seiner Ehefrau Louise Charlotte geb. Berning (1792-1848).

1835 heiratete sie den 24 Jahre älteren englischen Industriellen Samuel Aston, der in Magdeburg eine Maschinenfabrik gegründet hatte, ließ sich aber 1838 scheiden. 1841 ging sie eine 2. Ehe mit Aston ein, die 1844 wieder geschieden wurde. Von ihrem Ehemann brachte sie drei Töchter zur Welt: am 16.12.1836 Jenny Louise, die am 30.6.1841 starb; am 8.5.1841 eine Tochter gleichen Namens, am 20.11.1842 Helene Martha Clara, die am 21.10.1844 ebenfalls starb.

Mit der verbliebenen Tochter lebte sie nach der 2.Scheidung bei einer Schwester in Züllichau und in Berlin. Von dort wurde sie 1845 ausgewiesen, 1847 zum 2.Mal. Eine 3. Ausweisung erfolgte nach ihrer Rückkehr aus einem Freicorps der deutschen Nationalbewegung, dem sie sich von April bis Juni 1848 angeschlossen hatte. Bei den Kämpfen gegen die dänische Vereinnahmung Schleswigs, in denen sie sich vor allem in der Verwundeten Pflege hervortat, erlitt sie einen Streifschuss.


Foto: Andreas Praefcke, dieses Bild wurde im Rahmen des Wettbewerbs Wiki Loves Monuments 2011 hochgeladen.

Louise Franziska war ein „schönes, reichbegabtes Kind“, das „im Elternaus…eine vorzügliche Erziehung und Ausbildung“1, erhielt. Ihre zweimalige Beendigung einer Ehe, von der sich ihre Eltern eine standesgemäße Versorgung ihrer Tochter versprochen hatten, ging auf die Folgen dieser Erziehung sowie die Tatsache zurück, dass ihr Mann autoritär und ausgesprochen eifersüchtig war. So schrieb sie in ihrer 1846 in Brüssel erschienenen Verteidigungsschrift „Meine Emancipation, Verweisung und Rechtfertigung“, dass sie „‚die Ehe (verwerfe), weil sie zum Eigentum macht, was nimmer Eigentum sein kann: die freie Persönlichkeit; weil sie ein Recht gibt auf Liebe, auf die es kein Recht geben kann'“, und in Anspielung auf die noch bis ins 20.Jahrhundert herrschende Kuratel bzw. Geschlechtsvormundschaft: „‚bei der jedes Recht zum brutalen Unrecht wird.2′“

Die auch Frauen provozierende Lebensweise der Louise A. war aber nur die einer politischen, scharfsinnigen und vor allem mutigen Frau, die sich darüber hinaus zum Sozialismus und Atheismus bekannte. In ihrem 1847 erschienenen Roman „Aus dem Leben einer Frau“, in dem u.a. das Elend des Fabrikproletariats geschildert wird, setzte sie gut gemeinter, aber unpolitischer Humanität die Überzeugung entgegen, dass eine soziale Umwälzung notwendig sei, „‚der gegenüber die Französische Revolution nur ein politisches Kegelschieben'“6 gewesen wäre. Dem Vorwurf des preußischen Innenministers, dass sie nicht an Gott glaube, entgegnete sie mit ihrer Ablehnung einer „‚Religion nur zu Staatszwecken'“ und ihrem „‚Anspruch, ‚auf meine Facon‘ selig zu werden'“ und „‚mich auf meine Art dem Weltall zu vermitteln'“7 , und auf seine Drohung, sie „‚an einen kleinern Ort'“ zu „‚verweisen,…um wahrhaft für ihr Seelenheil zu sorgen'“8 , reagierte sie mit der spöttischen Bemerkung: „‚Nun, Excellenz, wenn sich erst der preußische Staat vor einer Frau fürchtet, dann ist es weit genug mit ihm gekommen!'“9

Spätestens seit dem Juni 1849 lebte sie aufgrund ihrer Beziehung zu Dr. Meier, der aus einer angesehenen Bremer Familie stammte, in der Hansestadt. Dr. Meier hatte eine Karriere als leitender Arzt an den „Neuen Krankenanstalten“ in Aussicht, zu deren Gründung er mit seiner Veröffentlichung „Die neue Krankenanstalt in Bremen“ wesentlich beitrug. Aber schon sein Verlöbnis mit ihr führte zu Hausdurchsuchungen. Hinzu kamen die Mitgliedschaft des Paares im Demokratischen Verein, der im Juli 1848 gegründet wurde und die republikanische Staatsform anstrebte, und beider Kontakte zum 1850 in London gegründeten Central-Comité für europäische Demokratie sowie zum freireligiösen Pastor der Liebfrauenkirche, Rudolph Dulon. Da Dr. Meier sich weigerte, sein Verlöbnis rückgängig zu machen, und sich am 25.11.1850 in Braunschweig von einem freireligiösen Geistlichen mit Louise A. trauen ließ, wurde ihm am 1.11.1854 zum 1.5.1855 vom Bremer Senat gekündigt. Die Folge waren jahrelanger Wohn- und Arbeitswechsel des Paares und nach mehr als 20 Jahren beider Tod außerhalb des damaligen „Deutschen“, seit 1866 „Norddeutschen Bundes“. Zwei Jahre nach ihrem Tod in Wangen im Allgäu starb ihr Mann am 5.9.1873 in einer Nervenheilanstalt in Kreuzlingen.

Auf der Grabtafel Daniel Eduard Meiers, der beinamputiert war, stand:
„Der mitleidsvolle Tod gönnt Ruh und Rasten
Dem mitleidslos gehetzten Einfuß
Meier-Aston.“ 10
Darunter: Med. Dr. Daniel Eduard Meier
geboren in Bremen 15. Jan. 1812/ verheiratet 25. Novbr.1850
verbannt 1. Novbr. 1854 + 5. Sept. 1873,
und – wie gleichfalls testamentarisch verfügt – in hebräischer Schrift:
„Wem ein Weib gab Gott
dem gab er ein Kleinod.“ 11
Auf ihrer Grabtafel war zu lesen:
„Louise Aston-Meier
Nach Kampf Frieden.“ 12

Anmerkungen:
1. Goetzinger, S.23
2. ebda. S.78
3. ebda. S.24
4. ebd. zit. S.33
5. eba. zit. S.36
6. ebd. zit. S.105
7. ebd. zit. S.80
8. ebd. zit. S.69
9.ebd. zit. S.70
10. Sichtermann, S. 32
11. Goetzinger, ebda.
12. wie Anm. 10

Publikationen:
Wilde Rosen, Zwölf Gedichte, Berlin 1846
Meine Emancipation, Verweisung und Rechtfertigung, Brüssel 1846
Aus dem Leben einer Frau, Hamburg 1847
Lydia, Magdeburg 1848
Revolution und Contrerevolution, 2. Bd. Mannheim 1849
Freischärler-Reminiszenzen, 12 Gedichte, Leipzig 1850
Der Freischärler. Für Kunst und sociales Leben, Jg. 1, 1848, Nr. 1 vom 1.11. bis Nr. 7 vom 16. 12.1848 Aston, Louise: Gedichte. Die Deutsche Gedichte-Bibliothek

Literatur und Quellen:
Cyrus, Hannelore: Aston, Louise. In: Dies. u.a. (Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z (1991), S.17-21
Goetzinger, Germaine: Für die Selbstverwirklichung der Frau, Frankfurt am Main 1983
Möhrmann, Renate: Die andere Frau, Stuttgart 1977
Sichtermann, Barbara: Ich rauche Zigarren und glaube nicht an Gott, Berlin 2014
StAB 4,14/1-XII.A.2.c.2. (Pol. Polizei)

Romina Schmitter