Kunst in der Knochenhauerstrasse

Svenja Wetzenstein – lichter Augenblick

10.Mai. – 30.August 2017

Svenja Wetzenstein malt auf unbehandeltem Holzgrund. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind häufig Fotos, die eigene Erinnerungen oder auch Situationen aus dem Leben Anderer widerspiegeln. Die in wasserlöslichen Ölfarben in feinen Farbflecken aufgetragenen Personen, Tiere, Pflanzen sind scharf abgetrennt von ihrer Umgebung, der teilweise unbearbeiteten Holzfläche, und lassen Raum für Gedanken und innere Bilder des Betrachters.

Erinnerungen sind ihr Thema: Die Malerin Svenja Wetzenstein hält sie fest in Öl auf unbehandelten Holzplatten. Einblicke in ihre Arbeit bietet die Ausstellung des Bremer Frauenmuseums „lichter Augenblick“, die am Mittwoch, 10. Mai um 18 Uhr, im Rahmen der Reihe „Kunst in der Knochenhauerstraße“ in der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF), Knochenhauerstraße 20-25, eröffnet wurde. Die Künstlerin war anwesend und Kuratorin Anka Bolduan führte in die Werkschau ein.

Geboren in Kiel, lebt und arbeitet sie in Achim und ist seit 2003 als freie Künstlerin tätig.

Ausstellungseröffnung:

Eröffnungsrede

Unter dem Motto „Kunst in der Knochenhauerstraße“ wurde eine neue Ausstellung des Bremer Frauenmuseums: „lichter Augenblick“ mit Bildern der Künstlerin Svenja Wetzenstein eröffnet. Das Bremer Frauenmuseum ist ein mobiles Museum, das zu historischen, kulturellen und künstlerischen Themen forscht, veröffentlicht und Vorträge und Ausstellungen organisiert. Es ist von der ZGF beauftragt, viermal im Jahr Kunstausstellungen Bremer Künstlerinnen in den Fluren der ZGF zu organisieren.

Svenja Wetzenstein ist in Kiel geboren. Sie hat ihr Studium der Kunst und Kunstgeschichte an der Christian–Albrechts–Universität in Kiel bei Professor Barbara Camilla Tucholski absolviert und nach einem Studium der Freien Malerei an der Muthesius – Kunsthochschule in Kiel bei Professor Peter Nagel 2003 mit dem Diplom Freie Bildende Kunst abgeschlossen. Seitdem hat sie sich an zahlreichen Gruppenausstellungen und künstlerischen Projekten beteiligt und war in Einzelausstellungen vertreten. Sie ist Mitglied im BBK und der GEDOK Schleswig-Holstein und Bremen. Aktuell arbeitet Sie mit am Projekt „ReFORMation in der christlichen Bilderwelt“ der Kulturkirche St. Stephani, Bremen.

Svenja Wetzenstein malt auf unbehandeltem Holz mit wasserlöslichen Ölfarben, die sie mit weiß vermischt, damit sie nicht ganz vom unbehandelten Untergrund aufgenommen werden. Der Titel der Ausstellung „lichter Augenblick“ weist auch auf ihre Maltechnik hin. Mit feinen Pinselsetzungen werden Flächen erzeugt, für die die Künstlerin manchmal Stunden braucht. Die Grundfläche wird meist nicht ganz ausgemalt. Svenja Wetzenstein wählt die Ausschnitte ihrer Fotos sehr genau aus und bezieht beim Malen ihrer Motive je nach Gebrauch die Maserung des Birkenholzes mit ein. Beim Trocknen der wasserlöslichen Ölfarben entsteht eine zarte Aura, die Übergänge schafft zwischen dem unbearbeiteten Holzuntergrund und den bearbeiteten Stellen. Personen, Tiere, Landschaften, Interieur sind scharf abgetrennt von ihrer Umgebung, der teilweise unbearbeiteten Holzfläche, und lassen Raum für Gedanken und innere Bilder des Betrachters. Dieses formale Vorgehen entspricht auch dem Gelebten. Sie selbst sagt darüber: „Das Erinnerungsvermögen weist ‚scharfe‘ detailreiche Bilder auf, ebenso wie Wahrnehmungslücken, größere und kleinere Flächen. Daneben sind …verwischte Bruchstücke von Erinnerungen, von denen man häufig nicht weiß, ob man sie erlebt hat. Durch den Transfer des Mediums Foto in Malerei lade ich das Motiv mit Zeit auf, da ich viele Stunden brauche, um den Ausschnitt eines Fotos zu malen, das in Bruchteilen von Sekunden fotografiert wurde…“

Ihre Themen entstammen ihrem Alltag, der Natur oder auch der Geschichte. Häufig scheinen es banale Situationen des Alltags zu sein, die aber dann doch durch angedeutete Details in der Stimmung brechen können oder doppeldeutig sind. Sie selbst spricht auch von Erinnerungsfetzen, die sie thematisch in ihren Bildern umsetzt. Fotos dienen als Erinnerungsstütze für längst vergangene Situationen, oft sind es Schnappschüsse. Dabei ist es immer der Augenblick, den sie festhält, eine Situation wie eingefroren, aber in der Malerei frei interpretiert. Der Betrachter hat die Möglichkeit, das Vorher und Nachher mitzudenken.

Im Malprozess werden Bezüge zur Kunstgeschichte wie zum Beispiel im Bild „Kind mit Frettchen“ unterstrichen bzw. verstärkt. Wer das Bild genauer betrachtet, wird vielleicht Bezüge zu dem Bild Dame mit Hermelin von Leonardo da Vinci erkennen.

In zwei Bildern „Haus Dehmel in Hamburg-Rissen“ und „Ida nach einem Bildnis von Julie Wolf Thorn von 1868“ bezieht sie sich auf frauenpolitische und historische Ereignisse. Sie greift das Leben von Ida Dehmel auf, die 1916 mit der Kunsthistorikerin Rosa Schapire den Frauenbund zur Förderung deutscher bildender Kunst gründete. 1926 gründete sie die Vereinigung Hamburger Künstlerinnen. Ebenso 1926 gründete sie die GEDOK (Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen aller Kunstgattungen).

Auf Grund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1933 zum Rücktritt aus dem Vorstand gezwungen und später aus der GEDOK ausgeschlossen. Als Jüdin verfolgt, vereinsamt und von schwerer Krankheit geplagt, nahm sie sich 1942 nach dem Beginn der Deportation der Hamburger Juden ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Svenja Wetzenstein wählt entsprechend der dargestellten Situation formal ein rundes Bildformat wie ein Metallion, in dem Erinnerungen festgehalten werden. Bei beiden Bildern besteht der Bildträger aber aus zwei Halbkreisen wie zwei Hälften einer Tablette. Damit weist sie subtil auf das furchtbare Ende des Lebens von Ida Dehmel hin.

In der Serie Dr. Schnabel setzt sie sich mit einem anderen historischen Thema auseinander, der Pest, und verarbeitet dabei ihre eigenen Erfahrungen in der Rolle der Pestärztin Dr. Schnabel bei einer historischen Führung in Achim. Hier zeigt sich auch ihr Faible für Verkleidungen, das wir auch in anderen Bildern wiederfinden.

Verletzlichkeit ist ein durchgehendes Thema in den Bildern von Svenja Wetzenstein. Sei es in den Bildern des Neugeborenen, in dem Bild „EKG“ oder in dem Bild hier in diesem Vortragsraum. Beim Übertragen der Schnappschüsse in Malerei entsteht ein äußerst lebendiges Bild, was beim Betrachter eigene Erinnerungsfetzen hervorruft an höchst emotionale Situationen. Das Fragmentarische in Ihren Bildern, die Setzungen von Ausschnitten und die vorsichtig getupften Farbsetzungen und die Unschärfe in den Darstellungen unterstreichen ihre Absichten.

Svenja Wetzensteins Malerei ist eine feine Kunst, die uns ohne grelle Farben und starkem Gestus in die Stimmung des Bilds hineinzieht, unsere Erinnerung und Emotionen berührt und uns anregt zum genaueren Hinschauen.

Dazu möchte ich Sie einladen.

Anka Bolduan

Künstlerinnengespräch: 15. Juni 2017 – 17.00 Uhr in der ZGF, Knochenhauer Str. 20 – 25, 2. Etage, 28195 Bremen.

www.svenja-wetzenstein.de

Dauer der Ausstellung: 11. Mai bis 30. August 2017