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Becker, Gesine

16.4.1888 in Meinershausen/Krs. Osterholz – 9.12.1968

Seit den Tagen der Räte Republik 1918/19 bis zu ihrem Weggang nach Berlin 1930 war Gesine Becker, geb. Bolte, eine der herausragenden weiblichen Aktivistinnen der radikalen Linken und später der Kommunistischen Partei in Bremen.

Gesine Bolte wurde am 16. April 1888 in Meinershausen/Krs. Osterholz bei Bremen geboren. Die Eltern waren Kleinbauern. Wie viele Mädchen vom Lande ging auch sie als Dienstmädchen „ in Stellung“ nach Bremen. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen. Hans Gottwerth Becker (*1. 2. 1884 – +22. 10.1956) war Tischler von Beruf. Das Ehepaar wohnte in den Jahren 1915 bis 1921 in der Langenstraße 116, in den Jahren 1922-1929 in der Delmestraße, ab 1929 wahrscheinlich in Walle.[1]

Als Gesine Becker 1910 Mitglied der Bremer SPD wurde, hatten in dieser Partei „die Linksradikalen im Kreis der aktiven Genossen seit Jahren das Übergewicht.“[2] Auch die Frauengruppe engagierte sich in den politischen Kämpfen. Sie gingen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg mit Demonstrationen auf die Straße, hielten Versammlungen für das Frauenwahlrecht ab. Nach Kriegsbeginn stellten sich die Bremer Sozialdemokratinnen gegen die Burgfriedenpolitik des Parteivorstandes und wurden politisch aktiv in der Antikriegsopposition. Gesine Becker gehörte zum engen Kreis der aktiven Parteifrauen. Mit anderen Genossinnen organisierte sie einen Protestmarsch gegen Lebensmittelknappheit und miserable Ernährungssituation der Arbeiterfrauen und ihrer Familien.[3]

Nach der Not und dem Leid des Krieges, den zermürbenden Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialdemokratie suchte Gesine Becker nach einer neuen politischen Alternative. Sie wurde zunächst Anhängerin der Bremer Linksradikalen. Als sich im Zuge der Deutschen Novemberrevolution dann am 23. November 1918 in Bremen die Internationale Kommunistische Partei (IKP) konstituierte, gehörten Gesine Becker und ihr Mann zu den Gründungsmitgliedern.

An den revolutionären Ereignissen der Bremer Räterepublik war sie aktiv beteiligt. Sie war eine der drei Frauen, die engagiert in die Debatten des Arbeiter- und Soldatenrates eingriffen. Gesine Becker machte sich zur Fürsprecherin von Frauen und Kindern aus der Arbeiterschaft und von Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt waren.[4]

Die revolutionären Ereignisse der Bremer Räterepublik blieben prägend für ihr zukünftiges politisches Engagement.

Von 1919 bis 1929 vertrat sie die Kommunistische Partei in der Bremischen Bürgerschaft und war Mitglied im Fraktionsvorstand der KPD.[5] Sie war Deputierte in der Kriegs- und Gesundheitsdeputation. Sie nutzte die Öffentlichkeit des Parlaments vor allem in zweierlei Hinsicht: Als Tribüne um auf Not und Elend der Fürsorgeempfänger und Erwerbslosen, der Zuchthäusler und Prostituierten aufmerksam zu machen. Immer wieder hob sie in ihren Reden hervor, dass es ihr darum gehe ‚Öffentlichkeit‘ herzustellen; die Fakten auf den Tisch zu legen; Geheimdiplomatie und Politik hinter verschlossenen Türen sollte es nicht mehr geben. Sie wollte – das Forum der Bürgerschat nutzend – die Arbeiterschaft Bremens informieren, aufklären und für die  – wie sie meinte – vor der Tür stehende Revolution mobilisieren.[6] Auch durch Zwischenrufe, Entrüstung und Gelächter war sie nicht zu beirren. In den zehn Jahren ihrer Abgeordnetentätigkeit ergriff sie 168 mal das Wort. Sie war damit die weibliche Abgeordnete mit den meisten Redebeiträgen.[7]

Auch als KPD-Funktionärin meldete sie sich öffentlich zu Wort. Seit 1920 war sie Leiterin der Frauenagitationskommission der KPD. Die Themen ihrer öffentlichen Vorträge waren weit gespannt: „Die Lage der Arbeiterschaft und die Frauen“ (11. 3. 1924 im Café Lehmkuhl) bis zu „Über hiesige Finanzverhältnisse und einige lokale Mißstände“ (3. 11. 1927).[8] Seit 1922 leitete sie zusammen mit dem Nieter A. Raschen die bremische Sektion der Roten Hilfe.[9]

Ein zentrales politisch gesellschaftliches Anliegen war für sie die Forderung nach der Abschaffung des § 218, den sie in einer Rede in der Bürgerschaft im Jahr 1923 als „Ausnahmebestimmung gegen das weibliche Geschlecht“[10] bezeichnete. Auf ihre Initiative hin organisierte die Frauenagitationskommission der KPD mehrfach ein Theaterstück gegen den Abtreibungsparagraphen, in dem sie selbst die Rolle der kommunistischen Agitatorin spielte. Am 15. September 1923 wurde das Stück vor 2000 Zuschauerinnen aufgeführt.[11] Nachdem sie 1926 Vorsitzende des Roten Frauen- und Mädchenbundes (RFMB)[12] geworden war, probte sie mit den Frauen des RFMB erneut das Agitationsstück „§ 218/219“. Am ersten Ostertag 1929 fand wieder eine sehr gut besuchte Aufführung statt.[13]

Im Dezember 1930 verzog sie mit ihrem Mann nach Berlin Lichtenberg. (Dieser war bis zum Machtantritt der Nazis als Akquisiteur für die gesamte KPD-Presse zuständig). Von 1934 bis 1936 führte Gesine Becker in Berlin Lichtenberg das Café „Derby“ in der Schlesischen Straße. Von 1939 bis 1944 war sie als Kontoristin dienstverpflichtet.

Nach der Befreiung wurde sie 1946 Mitglied der SED. Sie hat in der Partei keinen wichtigen Funktionen mehr ausgeübt. Bis 1955 arbeitete sie als Angestellte im VEB Schrott Berlin Lichtenberg, danach als Sachbearbeiterin der Kaderabteilung der Humboldt-Universität Berlin. [14]

Auch wenn Gesine Becker in der DDR keine politischen Leitungsfunktionen mehr übernahm, so war ihr Name und ihr politische Engagement in der Bremer Zeit bekannt und anerkannt. So hat sie ihre „Erinnerungen an Ernst Thälmann“ am 3. November 1959 auf Band gesprochen.[15] Und anlässlich ihres Todes erschien im Neuen Deutschland ein Nachruf der SED Kreisleitung Lichtenberg:

„Am 9. Dezember starb nach langer schwerer, Krankheit Genossin Gesine Becker im 81. Lebensjahr. Seit 1910 stand sie in den Reihen der Partei der Arbeiterklasse und hat ihre ganze Kraft für die Ziele der Partei eingesetzt. Genossin Gesine Becker war Trägerin der Medaille: „Für Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse 1918/23″ und wurde mit der Ehrennadel und Urkunde für 50jährige Parteizugehörigkeit geehrt.

Ihr Leben und ihr Kampf werden unvergessen sein. [16]

Anmerkungen:
[1] Staatsarchiv Bremen; StAB 4,65-1294-216 Akte „Roter Frauen- und Mädchenbund“.
Die politische Arbeit von Gesine Becker wurde von Polizeispitzeln ständig beobachtet. Den im Staatsarchiv vorhandenen Polizeiberichten konnten so wichtige Information über ihre politischen Aktivitäten entnommen werden.
[2] Schwarzwälder, Herbert, 1976, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. 2, Röver, Bremen, S. 605.
[3] Kachulle, Doris, 2006, Die Pöhlands im Krieg, PapyRossa, Köln, S. 142.
[4] Protokoll der Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrates in Bremen, 20. 12. 1918, S. 57.
[5] Staatsarchiv Bremen;  StAB 4,65-372, Akte „KPD-Parlamentsfraktion“.
[6] Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft; VBB 5. 6. 1923, S. 466-470 und 15. 2. 1929, S. 30.
[7] Hannover-Drück, Elisabeth, 1991, Die Ausübung des Frauenwahlrechts in Bremen 1918 – 1933, Staatsarchiv Bremen, S. 148.
[8] Nordwestdeutsches Echo vom 3. 11. 1927.
[9] Staatsarchiv Bremen; StAB 4,65-436 Akte „Rote Hilfe“.
[10] Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft; VBB 5. 6. 1923, S. 466.
[11] Nordwestdeutsches Echo vom 19. 9. 1923.
[12] Staatsarchiv Bremen; STAB 4,65-69/13 I B 6a2.
[13] Arbeiterzeitung vom 28. 3. und 3. 4. 1929.
[14] Vgl. Weber, Hermann / Herbst, Andreas, 2004, Deutsche Kommunisten, Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Dietz, Berlin, S. 81-82.
[15]Bundesarchiv;  BArch SgY 30/0046.
[16] Neues Deutschland vom 18. 12. 1968.

Literatur und Quellen:
Arbeiterzeitung vom 28.3. und 3.4.1929.
Bremischen Bürgerschaft, Verhandlungen; VBB 5.6.1923, S.466-470 und 15.2. 1929, S.30.
Bundesarchiv; BArch SgY 30/0046.
Hannover-Drück, Elisabeth: 1991, Die Ausübung des Frauenwahlrechts in Bremen 1918 – 1933, Staatsarchiv Bremen, S. 148.
Kachulle, Doris: Die Pöhlands im Krieg, Köln 2006, S.142.
Neues Deutschland vom 18.12.1968.
Nordwestdeutsches Echo vom 19.9.1923; 3.11.1927.
Schwarzwälder, Herbert, 1976, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd.2, Bremen, S.605.
Staatsarchiv Bremen; StAB 4,65-436 Akte „Rote Hilfe“.
Staatsarchiv Bremen; StAB 4,65-1294-216 Akte „Roter Frauen- und Mädchenbund“.
Staatsarchiv Bremen; STAB 4,65-69/13 I B 6a2.
Staatsarchiv Bremen; StAB 4,65-372, Akte „KPD-Parlamentsfraktion“.
Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft; VBB 5.6.1923, S.466.
Weber, Hermann / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten, Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S.81-82.

Dagmar Stuckmann