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Berck, Marga (Pseudonym), Magdalene Pauli, geb. Melchers

4.11.1875 in Bremen – 5.8.1970 in Hamburg

Magdalene (Matti) war die Tochter von Luise Adelgunde (geb. Struve 1841-1921) und Carl Theodor Melchers (1839 -1923). Sie hatten 1864 in Dresden geheiratet. Luise S. war die Tochter eines Dresdener Stadtrates und Mineralwasserfabrikanten, ihr Großvater war Arzt und Erfinder des künstlichen Mineralwassers. Namhafte Wissenschaftler und Geschäftsleute aus aller Welt gingen in Luises Elternhaus ein und aus, so dass Carl Theodor Melchers mit ihr eine hervorragende Partie machte. Er selbst war 1865 in die Firma seines Vaters – Melchers und Co. – eingetreten. Aus dem täglichen Geschäftsleben hat sich Magdalenes Vater eher herausgehalten. Die Hauptentscheidungen wurden nach wie vor von seinem Vater und dessen Mitinhabern getroffen, während sich Carl Theodor darauf verstand, den Schein des emsigen Geschäftsmannes zu wahren.

Magalenes Mutter hat sich in Bremen nicht wohl gefühlt, zumal sie als Sächsin von der hanseatischen Verwandtschaft nicht angenommen wurde. Deshalb animierte sie ihren Mann häufig, statt ins Kontor mit ihr auf Reisen zu gehen – Geld spielte keine Rolle! Ihre Eltern ließen sich ein Jahr vor ihrer Geburt an der Contrescarpe 111 nieder, direkt neben der hochherrschaftlichen Villa ihrer Großeltern. Ihr Vater hatte zwei benachbarte Häuser gekauft, eins wurde zunächst vermietet. 1890 wurden sie zusammengelegt, so dass 30 Räume zur Verfügung standen – sie bewohnte mit ihrem Kindermädchen die oberste Etage. In unmittelbarer Nachbarschaft wohnte ihre Cousine Bertha Schellhass (Bertha).

In ihrem Buch „Aus meiner Kinderzeit – Bremer Erinnerungen 1881-1891“, das sie unter ihrem Pseudonym Marga Berck 1957 veröffentlichte, lässt sie uns an ihren unbeschwerten Kindertagen teilnehmen. „Wir lebten damals in einer Zeit der größten Sorglosigkeit. Es war das Aufblühen der achtziger Jahre. Keine unter uns hatte eine Ahnung von dem Kampf um das tägliche Brot.“ Marga und Bertha waren unzertrennliche Freundinnen. Sie gingen zusammen in die ‚Höhere-Töchter-Schule‘ bei der Rembertikirche, liefen Schlittschuh in den Wallanlagen und im Blockland, gingen zum Freimarkt, hatten zusammen Reitstunden und gingen zum Konfirmandenunterricht zu Pastor Portig in die Ansgarikirche, in der ihre Familien seit Generationen eine eigene Bank hatten. „Wir waren wie Schwestern ohne die Reibungen, die bei Schwestern unvermeidlich sind.“2

Zwischen 1893 und 1896 schrieb sie Briefe an Bertha, die 1951 in Hamburg unter dem Titel ‚Sommer in Lesmona‘ erschienen. Der Veröffentlichung der Briefe hat Marga nur auf vielfaches Drängen zugestimmt. Alle Namen wurden verändert, die fiktiven sind in diesem Text in Klammem wiedergegeben. Die Ortsnamen jedoch blieben unverändert, wodurch in Bremen auch ziemlich schnell klar war, um welche Familie es sich handelte. Das Buch war ein großer Erfolg, bereits nach drei Jahren erschien die vierte Auflage – inzwischen sind über 200.000 Exemplare verkauft worden. 1986 wurde es von Peter Beauvais verfilmt.

Ihre Briefe geben einen Einblick in die großbürgerliche Welt der stets behüteten 15jährigen. Für sie waren diese Jugendjahre durch ausgedehnte Reisen mit ihren Eltern und durch die Frage bestimmt, welcher Mann für sie der Richtige sein würde. Den Annäherungsversuchen verschiedener Bewerber gegenüber zeigte sie sich sehr distanziert. Sie äußerte auch die Befürchtung, dass sie gar nicht lieben könne.

Dies änderte sich schlagartig, als sie in Lesmona – dem Landsitz ihres Onkels Hermann (Herbert) – ihrem Halbvetter Gustav Rösing (Percy) aus London begegnete. Magdalene und Percy verliebten sich heftig ineinander, sie verbrachten vier unbeschwerte Wochen voller Glückseligkeit. Als der Onkel dahinter kam, versuchte er vergebens, ihr eine Verbindung mit Percy auszureden: der ein Jahr ältere sei zu jung und die Eltern würden sowieso gegen ihn sein. Percy hatte gerade seine Kaufmannslehre abgeschlossen und war im Angestelltenverhältnis – seiner beruflichen Karriere stand nichts im Wege. Beide Eltern waren früh gestorben und die Londoner Handelsfirma seines Vaters wurde mittlerweile von seinem 18 Jahre älteren Schwager geführt, dem früheren Teilhaber des Vaters, der Percy in seinem Testament eine Option für einen Eintritt in die Firma gegeben hatte. Bevor Percy nach London zurückkehren musste, machte er ihr einen Heiratsantrag und bat sie, fünf Jahre auf ihn zu warten – bis er eine eigene Existenz gegründet habe. Von Anfang an schien ihr diese Wartezeit zu lang – anscheinend fürchtete sie auch die Ablehnung ihrer Eltern.

Drei Wochen nach der schmerzlichen Trennung von Percy (brieflich war sie noch mit ihm in Kontakt), trat Gustav Pauli (Dr. Retberg) wieder in ihr Leben, der ihr bereits im Jahr zuvor Avancen gemacht hatte. Er wurde 1866 als Sohn des Bremer Bürgermeisters Alfred Pauli geboren, studierte Kunstgeschichte und erkrankte 1891 an einer schweren TBC, weshalb er vier Jahre in Schweizer Sanatorien zubrachte. An Bertha schrieb sie, dass von ihm eine „enorme Anziehungskraft“ ausginge. „Es ist fast wie ein Zwang. Er ist zehn Jahre älter als ich und dirigiert mich irgendwie.“3 Derart in seinen Bann gezogen, nahm sie den Heiratsantrag von Pauli an. Dennoch war sie bis zu ihrer Hochzeit im März 1896 von starken Zweifeln verunsichert.

Im April 1895 traf sie in London nochmals auf Percy, der wiederholt versuchte, sie zurückzugewinnen. In ihrer Zerrissenheit wünschte sie sich manches Mal, tot zu sein. Obwohl alles und alle dagegen sprachen, entschied sie sich schließlich doch für die Ehe mit Pauli, auch weil sie befürchtete, übrig zu bleiben. Ein Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern hatte sie nicht. Ihr Vater war sehr autoritär und ihre Mutter war ihr auch nicht so nahe, dass sie ihr Herz bei ihr hätte ausschütten können. Sie wollte sich von den Eltern lösen und ihr eigenes Leben aufbauen – die Ehe mit Pauli schien ihr die naheliegendste Lösung zu sein.

Für Pauli selbst, der gerade vier Jahre in Schweizer Sanatorien zugebracht hatte und dessen berufliche Aussichten unklar waren, war eine Ehe mit einer Frau aus bestem und vermögendem Hause eine Notwendigkeit – insofern handelte er mit kühler Berechnung. Pauli hatte zunächst eine Anstellung als Bibliothekar an der Kunstakademie in Dresden, später leitete er das Kupferstichkabinett und die Bibliothek des Königs. 1896 wurde ihr erster Sohn Alfred geboren, 1898 folgte ein Mädchen, das aber nicht überlebte. 1899 kehrten sie nach Bremen zurück, Pauli wurde Direktor der Kunsthalle, 1902 wurde die Tochter Liselotte geboren, 1914 Magdas jüngster Sohn Carl-Theodor.

Die Jahre in Bremen waren bestimmt durch ein abwechslungsreiches, luxuriöses Leben im Freundeskreis der „Goldenen Wolke.“4 Alfred Heymel, der Mitbesitzer des Insel-Verlages und Rudolf Alexander Schröder, anerkannter Schriftsteller, Architekt und Maler, hatten diesen Kreis 1903 ins Leben gerufen. Ihnen erschien die Bremer Gesellschaft bei dem Erfolg des Norddeutschen Lloyd und der wirtschaftlichen Entwicklung zum Welthandelsplatz zu selbstgefällig. Deshalb suchten sie sich Verbündete, „um das geistige Niveau der Gesellschaft zu heben.“5 Magdalene und Gustav Pauli, Agnes von Kapff und ihre Tante Aline, Georg Crüsemann, Gustava Tewes, Sigmund Gildemeister, Dorrel Seebeck und einige andere gehörten bald dazu. „Wir gaben keine Gesellschaften, wir waren eine.“6 Leseabende, Theater- und Konzertbesuche, eigene Darbietungen, Kunstfahrten, Bälle, Ausstellungen…und ihr Selbstbild als aktive Zuschauerinnen, standen im Mittelpunkt ihres Bremer Lebens bis zum Beginn des 1.Weltkriegs. Hier fand sie einen Ausgleich zu ihrer distanzierten Ehe mit Pauli: sie wurde anerkannt und gewürdigt, innige Freundschaften entstanden. Ihre Erinnerungen an diese schönen Jahre schrieb sie erst als 50jährige auf. Als Pauli 1911 von einer fünfwöchigen Spanienreise zurückkommt, schreibt sie noch am Abend seiner Heimkehr an Heymel einen Brief, den sie mit den Worten schließt: „Nun muß ich mit Gusti zu Bett. Da er fünf Wochen weg war, will ich ihn auch nicht warten lassen. Gute Nacht, lieber guter Alfi. In Treue Deine Magda.“7 In weiteren Briefen an ihn schildert sie immer wieder ihre Langeweile und ihre zahlreichen kleinen Beschwerden, die von ihrer Langweile zeugen.

In der offiziellen Geschichtsschreibung wird die „Goldene Wolke“ nicht erwähnt, und doch hatte sie in den Kreisen, die es sich leisten konnten, sich mit den schönen Dingen des Lebens zu beschäftigen, großen Einfluss. „Diese glücklich geborgene Oberklasse der Vorkriegszeit lebte nun einmal im Überfluß und war von der Gottgegebenheit sozialer Unterschiede noch so überzeugt, daß sie sich auch durch den Mangel anderer nicht eingeschränkt fühlte.“8

1914 zog die Familie nach Hamburg, Pauli wurde die Leitung der Kunsthalle übertragen (ihr Sohn Carl-Theodor wurde kurz zuvor in Bremen geboren). In den folgenden Jahren musste sie viele persönliche Schicksalsschläge erleiden. Ihre Tochter Liselotte hatte mit 20 Jahren einen Unfall. Nach vielen schweren Operationen und der Teilamputation eines Beines nahm sie sich mit 31 Jahren das Leben, nachdem ihr Verlobter sie verlassen hatte. Magdas Vater beging 1923 Selbstmord. Er hatte durch die Inflation sehr viel Geld verloren. Ihre Mutter war 1921 gestorben. Pauli, den die Nazis 1933 aus dem Amt gedrängt hatten, starb 1938. Im gleichen Jahr brachte sich ihr erster Sohn Alfred um. Er wurde wegen „homosexueller Bündelei“ von den Nazis verhört. Obwohl ihm nichts nachgewiesen werden konnte, fuhr er nach Bremen und erhängte sich dort in einer Kunsthandlung. Carl-Theodor kehrte aus dem Krieg nicht zurück – das Flugzeug, mit dem er zum Weihnachtsfest nach Hause fliegen wollte, wurde 1944 abgeschossen; er war gerade 30 Jahre alt.

Magdalene Pauli überlebte ihren Mann und ihre Kinder um 30 Jahre. Sie blieb in Hamburg und führte ein geselliges Leben. Sie starb dort im Alter von 95 Jahren. Anlässlich ihres 90.Geburtstages fand im Focke-Museum ein großes Fest statt. Ihr Grab befindet sich auf dem Riensberger Friedhof.

Anmerkungen:
1. Berck, Marga: Aus meiner Kinderzeit. Bremer Erinnerungen 1881 – 1891, S.11.
2. Ebda.
3. Wie Anm.1, S.6.
4. Die „Goldene Wolke“ war ein auf Initiative von Gustav Pauli, Rudolf Alexander Schröder und Alfred Walter Heymel entstandener Lesekreis. Ihm gehörten an: Lina und Robert Voigt, Lina Segnitz, Dorrel Seebeck, Lisa Strube, Agnes von Kapff und Gustava Tewes. Der Lesekreis wird in Marga Bercks Buch „Die goldene Wolke – eine verklungene Bremer Melodie“ (Bremen 1954) beschrieben.
5. Berck, Marga: Die goldene Wolke, Bremen 1954, S. 11.
6. Ebda.
7. Seiler, Bernd W.: Es begann in Lesmona, Bremen 1993, S. 35.
8. Ebda. S.117.

Publikationen:
Die goldene Wolke, Bremen 1954
Sommer in Lesmona, Hamburg 1964
Aus meiner Kinderzeit 1881-1891, Bremen 1979

Literatur und Quellen:
Berck, Marga: Die goldene Wolke, Bremen 1954
Pauli, Magdalene (Hrsg.): In Memoriam Alfred Pauli
Seiler, Bernd W.: Es begann in Lesmona, Bremen 1993

Gesa Meisen (mit Ergänzungen)