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Berthold, Hermine, geb. Brühning

22.3.1896 in Bremen – 2.6.1990 in Bremen

Hermine war die uneheliche Tochter eines Dienstmädchens in Bremen-Hastedt, einer armen bremischen Landgemeinde, die noch nicht in das Stadtgebiet eingegliedert war, das geschah erst 1902. Durch die spätere Heirat ihrer Mutter mit einem kinderreichen Witwer, einem Arbeiter, wurde sie die Älteste von sieben Geschwistern. Nach Beendigung der Volksschule ging sie – wie seinerzeit ihre Mutter – „in Stellung“. Nach zwei Jahren nahm das blutjunge Mädchen eine Beschäftigung als ungelernte Arbeiterin bei der Bremer Jutespinnerei und –weberei in der Nordstraße in der Nähe des Hafens auf.

Die „Jute“ zählte damals zu den größten Industriebetrieben Bremens, 70% der Beschäftigten waren weiblich. Zwar war die Arbeitszeit in der Fabrik anders als in privaten Haushalten laut Gewerbeordnung geregelt – 10 Stunden täglich, keine Sonn- und Feiertagsarbeit – aber dafür war die Arbeit wegen der Hitze, der hohen Luftfeuchtigkeit und der starken Staubentwicklung sehr gesundheitsschädlich. Positiv waren werkseigene Betreuungseinrichtungen für Säuglinge und Kleinkinder. Hermine wird sie genutzt haben, denn 1915 wurde sie Mutter eines Sohnes. Den Vater, Seemann Hermann Berthold, heiratete sie erst drei Jahre später, als der zweite Sohn geboren wurde. Da der Lohn des Ehemanns, der sich inzwischen eine Arbeit an Land gesucht hatte, nicht reichte, um die vierköpfige Familie zu ernähren, musste Hermine weiter die Spinnmaschinen bedienen. Doch trotz Doppelbelastung fand sie die Energie, sich in der Textilarbeitergewerkschaft für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei der „Jute“ zu engagieren. Als Hermanns Lohn als Hafenarbeiter auskömmlicher wurde, kündigte sie; 1922 wurde der dritte Sohn geboren.

Aber Haus- und Erziehungsarbeit füllten sie nicht aus: Sie blieb in der Gewerkschaft und wurde auch politisch aktiv. Ihr Interesse für Politik war schon früh durch ihren Stiefvater, einen engagierten Sozialdemokraten, geweckt worden, 1919 trat sie in die USPD ein, die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte, weil sie deren kriegsunterstützende Politik nicht länger mitmachen wollte. Nach der „Wiedervereinigung“ des größten Teils der USPD-Mitglieder mit der Mehrheits-SPD baute die rührige Hermine B. in Bremen-Hastedt eine SPD-Frauengruppe auf und wurde auch bald Vorstandsmitglied in der gesamt bremischen Frauengruppe, die von Anna Stiegler geleitet wurde. Auch in ihrem Partei-Distrikt – so hießen früher die Ortsvereine – Hastedt war sie aktiv und wegen ihrer gradlinigen Art allseits geschätzt.

So war es nicht verwunderlich, dass man sie als Kandidatin für die Bürgerschaftswahl 1930 vorschlug. Sie, die Mutter von drei Kindern, zog mit 34 Jahren im Herbst 1930 als Abgeordnete in das Landesparlament ein und blieb es bis zur Selbstauflösung der Bürgerschaft am 15.3.1933.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die SPD und die ihr nahestehenden Organisationen verboten, aber sie ging nicht in die „innere Emigration“, sondern engagierte sich weiterhin im Vorstand der jetzt illegalen SPD-Frauengruppe und arbeitete dort eng mit Anna Stiegler zusammen. Die heimlichen Vorstandstreffen waren als gesellige Veranstaltungen wie Geburtstagsfeiern getarnt und dienten dem Informationsaustausch und Überlegungen, wie man die konspirative Arbeit effektiver gestalten könne. Illegales Material, von Kurieren aus dem Ausland geschmuggelt, musste gesichtet und verteilt werden. Neben der illegalen Parteiarbeit hielt Hermine Berthold Kontakt zu den Mitgliedern der Konsumgenossenschaft „Vorwärts“, in der sie seit den zwanziger Jahren mit arbeitete. Diese Organisation wurde im „Dritten Reich“ nicht vollständig aufgelöst, obgleich sie zu den sozialdemokratischen Vorfeldorganisationen gehörte. Der gesamte SPD-Widerstandskreis wurde verraten und Hermine Berthold wurde wie Anna Stiegler und eine ganze Reihe anderer SPD-Genossen und – Genossinnen im November 1934 verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein Jahr Untersuchungshaft saß Hermine B. in der Ostertorwache ab, und die nächsten drei Jahre im Frauenzuchthaus Lübeck, wo sie sich mit der ebenfalls dort einsitzenden Bremer Kommunistin Käthe Popall anfreundete. Ein Jahr nach ihrer Entlassung wurde sie erneut verhaftet, weil sie sich nicht an die Auflagen der Gestapo gehalten hatte, wurde aber überraschenderweise drei Monate später wieder entlassen, was möglicherweise damit zusammenhing, dass ihr Mann im Hafen einen tödlich Unfall erlitten hatte. Zwei ihrer Söhne fielen im Krieg. Sie versuchte sich und ihren Ältesten, der nicht ganz gesund war und bei ihr lebte, irgendwie über Wasser zu halten.

Nach Kriegsende wollte sie eigentlich mit der Politik nichts mehr zu tun haben. Aber sie war ein durch und durch politischer Mensch und konnte sich nicht heraushalten. So schloss sie sich der Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus an, einem Zusammenschluss von Antifaschisten jeglicher Couleur, der sich im Dezember 1945 wieder auflöste. Bedrängt von Genossinnen wie Helene Kaisen – „Wir brauchen dich. Mach wieder mit!“[1] – meldete sie sich auch wieder bei ihrer Partei. Sie gründete die Hastedter SPD-Frauengruppe neu und war auch im Vorstand der von Anna Stiegler neu gegründeten gesamt bremischen Frauengruppe wieder dabei. In Distrikts-Versammlungen warb sie um die Mitarbeit von Frauen: „Gerade jetzt, wo wir wieder vor einem Trümmerhaufen stehen, kann und darf die Frau im politischen Leben nicht beiseite stehen.“[2] Ebenfalls engagierte sie sich wieder in der Bremer Konsumgenossenschaft. Prompt stellte ihr Distrikt Hastedt sie zur ersten freien Bürgerschaftswahl nach 16 Jahren im Oktober 1946 auf, und so wurde sie wieder wie vor 1933 Abgeordnete und blieb es bis 1959. In ihrer Kandidatenbroschüre stellte sie sich als eine Frau vor, die als Fabrikarbeiterin die kapitalistischen Klassengegensätze hautnah erlebt hatte. Sie versprach, sich besonders für die arbeitende Bevölkerung einzusetzen.

Während ihrer dreizehnjährigen Abgeordnetentätigkeit nach dem Krieg war sie Mitglied der Deputationen Ernährungswesen und Landwirtschaft, für Arbeit[3] und für Wiedergutmachung[4]. Sie arbeitete nach Auskunft von Parlamentskolleginnen gründlich und zuverlässig, aber mehr in der Stille, den Auftritt im Plenum der Bürgerschaft liebte sie nicht, meldete sich selten zu Wort, hatte vielleicht auch Hemmungen, weil sie sich als Rednerin nicht sicher fühlte. Sie war eben keine gebildete Frau, sondern eine einfache Frau aus der Arbeiterschicht, die „nichts von sich her machte“, wie es hieß.

Neben ihrer Parlamentstätigkeit war sie im bremischen Verbraucherausschuss aktiv, die Arbeit hier wie auch beim „Konsum“ machte ihr Freude, weil sie Konkretes leisten konnte. Im Übrigen machte ihr die Politik auch Kummer: Kaisens Geringschätzung von Widerstandsarbeit gegen die Nazis empörte sie, und das rasche Zerbrechen der von ihr und Käthe Popall und anderen erhofften Einheit der Arbeiterbewegung bekümmerte sie. Auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament 1959 war sie noch bis 1967 als Deputierte tätig.

Von dem Geld, das sie nach dem Wiedergutmachungsgesetz für NS-Verfolgte erhielt, konnte sie sich Ende der 50er Jahre ein kleines Haus in dem neu erbauten Stadtteil Neue Vahr-Südost kaufen. 1977 verkaufte sie es, um mit dem Erlös einen Platz im Altenheim der AWO in der Dockstraße in Gröpelingen zu finanzieren. Dort starb sie 1990 im hohen Alter von 94 Jahren.

Im Stadtteil Peterswerder ist die Hermine-Berthold-Straße nach ihr benannt.

Anmerkungen:
[1] Interview der Autorin mit Hermine Berthold im Dezember 1986.
[2] Protokoll des Distrikts Huckelriede vom 30.1.1946 (Privatbesitz Meyer-Braun).
[3] Ab 1948.
[4] Von 1951-1955.

Literatur und Quellen
Meyer-Braun, Renate: Hermine Berthold. Eine ganz bescheidene, einfache Frau, in: Behrens, Verena/Menger, Gisela: Starke Frauen, Bremen 2014, S.199-219.
Interview der Autorin mit Hermine Berthold, 1986.

Renate Meyer-Braun