Artikel

Börschmann, Anna Auguste

6.7.1871 in Prökuls (Kreis Memel) – 18.11.1939 in Bad Harzburg

Anna war die zweitältestes von drei Kindern des Gerichtskassenrendants Robert Börschmann (geb. 4.11.1835) und seiner Ehefrau Antoinette Ottilie, (geb. Dultz, geb. 14.10.1834). Der 1970 geborene Bruder Friedrich Gustav Robert war Medizinalrat in Berlin, der jüngere Ernst Johann Robert (geboren 1873) Professor in Berlin und Hamburg, dann Regierungsbaurat.

Von 1889 bis 1897 arbeitete sie als Erzieherin in Privathäusern in Ostpreußen und Ungarn. Im Oktober 1898 legte sie in Memel die Prüfung für das Lehramt an Höheren Mädchenschulen ab. Danach war sie siebeneinhalb Jahre an der Stadtschule im ostpreußischen Marggabrowa angestellt, um anschließend – nach einem Studienaufenthalt in Paris – an der Universität in Königsberg Französisch, Geschichte und Philosophie zu studieren. Dort bestand sie im Januar 1905 die Oberlehrerinnenprüfung, arbeitete vom 1.April 1905 bis 1.März 1907 in Marienburg in Westpreußen an der städtischen Höheren Mädchenschule und dem angeschlossenen Lehrerinnen- Seminar und bestand am 7.März 1907 in Bremen die Prüfung zur Schulvorsteherin. Damit hatte sie für das Amt einer Direktorin, das sie bereits einen Tag nach ihrer Prüfung antrat, die besten Voraussetzungen, desgleichen mit der Höheren Mädchenschule in Vegesack, denn diese Schule war neben der Mädchenschule in Bremerhaven die erste städtische im Land Bremen (1901); die Stadt Bremen besaß zwar sechs, dann sieben städtische Höhere Jungenschulen, aber bis 1922 für die Höhere Mädchenbildung nur privat finanzierte Einrichtungen.

Sie leitete ihre Schule 25 Jahre und damit deutlich länger als ihre Vorgängerin, die „Schulvorsteherin“ Louise Eschholz (6J.) und die ihr nachfolgenden Direktorinnen Dr. August Frese (4J.), Dr. Martha Lindemann (9J.), Ida Maske (14J.) und Theda Heineken, in deren 13jährige Amtszeit 1965 der Umzug der seit 1961 gymnasialen Mädchenschule nach Lesum und deren gleichzeitige Umwandlung in eine koedukative Schule fiel.

Anna Börschmanns Pädagogik folgte von Anfang an einem „frauenemanzipatorischen Programm“[1]. Blieb die Preußische Mädchenschulreform von 1908, die die bis dahin nur praktizierte Höhere Mädchenbildung erstmalig auf eine rechtliche Basis stellte und 1912 von Bremen übernommen wurde, trotz verschiedener Neuerungen wie der Einführung von Mathematik und Naturwissenschaften auf die traditionelle Erziehung zur „‘weibliche(n) Eigenart‘“[2] beschränkt, verfolgte die neue Direktorin das Ziel, ihren Schülerinnen „die geistige Ausrüstung für den Beruf“ zu vermitteln, „sei es der verheirateten Frau in mittleren und höheren Bürgerkreisen, sei es als alleinstehende erwerbende Frau, in jedem Falle aber als sozial denkendes, schaffendes Mitglied der menschlichen Gesellschaft.“ Wie sie den Eltern schrieb, sollte „die Tochter nicht schlechter für die Erfüllung der Lebensaufgaben vorbereitet werden als der Sohn.“ Zu diesem Zweck legte sie besonderes Gewicht auf „Verstandesschulung“ und „Selbstbestimmung“. Erstere sollte vor allem „durch Mathematik-Unterricht auf der Oberstufe“ und Naturwissenschaft erreicht werden. Durch Mathematik werde „die Übung in…logischem Denken sowie in…präzisierter Ausdrucksweise unterstützt“; die „Bedeutung der Naturwissenschaften für das Leben“ mache es nötig, „diese wissenschaftlich vertiefend“ zu „behandeln.“[3] Für die Erziehung zur „Selbstbestimmung“ führte sie – in der Schule damals ein absolutes Novum – das Fach Psychologie für die letzten beiden Oberstufenklassen ein. Nach dem Kriegsende forderte sie Räume für den naturwissenschaftlichen Unterricht und schaffte es, dass 1929, also zur Zeit der Wirtschaftskrise, das 1902 in der Kirchenstraße 9 (später Kirchheide) errichtete Schulgebäude um einen zweigeschossigen Anbau mit fünf Räumen für den naturwissenschaftlichen Unterricht erweitert wurde.[4]

Zu ihrem „emanzipatorischem Programm“ gehörte auch die Ausstattung der Lehrerinnenbibliothek; dort befanden sich nicht nur die „Vorträge, gehalten in Cassel“ auf dem „Frauenkongreß 1907“, sondern auch zahlreiche Zeitschriften der damaligen Frauen-, vor allem Lehrerinnenbewegung wie „Die Lehrerin“, „Die Frau“ „Frauenbildung“, „Frauenstudium“ und das Organ des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins: „Neue Bahnen.“[5] Ebenso veröffentlichte sie in einem ihrer schuljährlichen Berichte einen Vortrag der bedeutenden Pädagogin Agnes Heineken über „Die Frage der Mädchenschulreform.“[6]

Agnes Heineken war nach ihrer öffentlichen Kritik an der stadtbremischen Mädchenschulbildung vom Direktor der privaten A.M.Janson Schule fristlos entlassen, vom Stadtrat Vegesack der Schule von Anna B. zugewiesen und dort mit Freude aufgenommen worden.

Bei ihrer Verabschiedung 1932 wurde Anna B. für ihre Leistungen gewürdigt und geehrt. Nach ihrem Tod 1939 schrieb ihr jüngerer Bruder Professor Ernst Johann Robert B. dem Bürgermeister von Vegesack, dass seine Schwester „in dem Bewußtsein gestorben“ sei, „dass sie…aus eigener Initiative wichtige Maßnahmen im Geiste der neuen Zeit durchsetzen konnte“. Aber der Bitte des Bruders, „im Hinblick auf die Verdienste der Verstorbenen eine entsprechende Notiz in der Vegesacker Zeitung“ zu bringen[7], wurde nur knapp und ohne jede Anerkennung entsprochen.[8] Der seit März 1933 amtierende Lothar Westphal war ein „Nationalsozialist…von echtem Schrot und Korn“[9] und das fortschrittliche Lyzeum Anna B.s war inzwischen eine „Oberschule für Mädchen Hauswirtschaftliche Form“. Die erfolgreiche Direktorin befand sich im Alter – bedingt durch die Kosten für zahlreiche Operationen und einen 1931/33 gegen die Stadt Vegesack geführten Prozess „in einer ausgesprochen schlechten pekuniären Lage“, so dass ihr Bruder den Bürgermeister um „Beihilfe für die Bestattung meiner Schwester“ angehen musste.[10]

Sie starb in einer Klinik in Bad Harzburg im Alter von 68 Jahren an Krebs.

Publikationen:
Börschmann, Anna: Bericht über das Schuljahr 1907/08, Vegesack 1909 StAB 4,39/40 6
Dies.: Bericht über das Schuljahr 1909/10, Vegesack 1911 StAB 4,39/40 6

Anmerkungen:
[1] Tauke, o.S. StAB Af-692.
[2] Lange, S.330-341; S.334.
[3] Börschmann, Anna: Bericht über das Schuljahr 1907/08 Vegesack 1909 StAB 4,39/40 6.
[4] Norddeutsche Volkszeitung Nr. 272, 3.Bl. o.D.; Ausschnitt in: Zur Geschichte der Anstalt 1907-1957 StAB 4,39/40 1.
[5] Wie Anm. 3.
[6] In: Börschmann, Anna: Bericht über das Schuljahr 1909/10, S.25-31 StAB 4,39/40 6.
[7] Brief von Professor Ernst Börschmann vom 22.11.1939 an den Bürgermeister von Vegesack, StAB 4,14-96.
[8] Norddeutsche Volkszeitung 24.11.1939.
[9] Norddeutsche Volkszeitung 27.11.1939.
[10] Brief von Professor Ernst Böschmann vom 05.12.1939 an den Bürgermeister von Vegesack, StAB 4,14-96.

Literatur und Quellen:
Brief von Professor Ernst Börschmann vom 22.11.1939 an den Bürgermeister von Vegesack, StAB 4,14-96
Ders.: Brief vom 5.12.1939 an den Bürgermeister von Vegesack, StAB 4,14-96
Norddeutsche Volkszeitung 24.11.1939; 27.11.1939
Tauke, Werner: Wege und Wandel einer Höheren Schule in Bremen. Von der Töchterschule zur Gymnasialen Oberstufe, Lesum 2001

Romina Schmitter