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Bosse, Auguste Friederike Caroline, geb. Grote

13.6.1862 in Zellerfeld – nach 1943 in Magdeburg

Augustes Vater, ein Postillion, starb ein Jahr nach ihrer Geburt. Ihre Biografin Gisela Menger vermutet, dass sie – nach Abschluss einer Bürgertöchterschule – im Textilbereich tätig wurde, denn als sie 1883 nach Braunschweig umzog, meldete sie sich dort als „‘Strickerin‘“ an.[1] Im Mai 1884 heiratete sie den Bremer Tischler Johann Diedrich Bosse, zog mit ihm in die Hansestadt und bekam 1884 ein Mädchen.

Nach den Akten der Bremer Polizeidirektion wurde sie bereits Ende des nächsten Jahres politisch aktiv, und zwar als Vorsitzende des im November 1885 gegründeten Vereins zur Vertretung der gewerblichen Interessen der Frauen und Mädchen Bremens. Sie übte dieses Amt bis 1887 aus, war dann eine der drei Revisorinnen, konzentrierte sich aber bald auf die politische Arbeit in der Sozialdemokratie. Auf dem Erfurter Parteitag der SPD (14.-20.10.1891) war sie eine der sechs weiblichen Delegierten (=2,48%) und unter den 63 Teilnehmern des SPD-Parteitags am 31.1.1892 in Bremen die einzige Frau. Aber auch hier galt ihr eigentliches Interesse der wirtschaftlichen und politischen Gleichberechtigung der Arbeiterinnen. So forderte sie auf dem Bremer Parteitag „die Parteigenossen auf,…für die Rechte der Arbeiterinnen mehr als bisher einzutreten, die Organisation derselben zu fördern und ihre politische Gleichstellung mit den Arbeitern zu erstreben“, und setzte den Beschluss einer entsprechenden Resolution durch.[2] Auf der 3.Sozialdemokratischen Frauenkonferenz vom 17.-18.9.1904 saß sie neben Clara Zetkin (1857-1933) und Luise Zietz (1865-1922), den Führerinnen der proletarischen Frauenbewegung, im Leitungsgremium, und auf einer Volksversammlung der Bremer SPD wies sie vor 2500 Anwesenden darauf hin, dass „auch Frauen…das Wahlrecht haben müßten“.[3] Das Frauenwahlrecht forderte sie auch auf dem 1.Internationalen Frauentag, der in Bremen am 19.3.1911 im Casino Auf den Häfen stattfand. Mit dieser Forderung trat sie sogar als Hauptrednerin auf. Eine führende Rolle spielte sie auch bei der Gründung des Bremer Dienstmädchenvereins im Januar 1907. Einmal berichtete sie über die Versammlungen sowohl in der von Clara Zetkin redigierten Zeitschrift „Die Gleichheit“ als auch der Bremer Tagespresse; dann ließ sie sich auf der konstituierenden Versammlung zur 1.Vorsitzenden wählen.[4]

Dass die Polizei ihre politische Arbeit zwar beobachtete, aber nicht verhindern konnte, hing damit zusammen, dass das Vereinsgesetz, das Frauen in den meisten Ländern Deutschlands von 1850 bis 1908 jede vereinspolitische Tätigkeit verbot, in Bremen nur kurzfristig (1855-1871) galt.[5] Deshalb kamen Bremer Sozialdemokraten Frauen, die in die Partei eintreten wollten, solidarischer entgegen als die Genossen in Sachsen, Bayern oder gar in Preußen. So lobte Auguste B. auf der sozialdemokratischen Frauenkonferenz 1904 in Bremen die „männlichen Parteigenossen…, die es sich von Anfang an gelegen haben sein lassen, die Frauenbewegung zu unterstützen“.[6]

Ihr frauenpolitisches Engagement kam auch darin zum Ausdruck, dass sie um 1900 in den Verband der Graphischen Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeiter eintrat, der 1898 in Berlin gegründet worden war und dessen Bremer Zweigverein nach den Recherchen von Gisela Menger 1908 aus 44 Männern und 123 Frauen bestand.[7] Auguste B. trat hier als Vorstandsmitglied und Referentin auf und übernahm zeitweise die Kassenführung. Der persönliche Kontakt zur Verbandschefin Paula Thiede aus Magdeburg, vor allem aber ihre Redegabe, mögen dazu geführt haben, dass Auguste, die inzwischen von ihrem Mann getrennt lebte, Anfang 1912 nach Magdeburg umzog. Sie übernahm zunächst die Leitung des dortigen Zweigvereins, dann die Kassenführung und dies mit so großem Erfolg, dass nicht nur die Finanzen saniert wurden, sondern auch die Mitgliederzahl anstieg. Zu ihrem 60.Geburtstag 1922 wurde sie in der Verbandszeitung Solidarität entsprechend gewürdigt: „‘Und wenn dann nach dem Kriege unsere Organisation…in ungeahnter Weise einen Aufschwung nahm, so ist dies in erster Linie ein Verdienst der Kollegin Bosse.‘“[8]

Ab 1933 gehörte sie einer Magdeburger Widerstandsgruppe an, „deren Mitglieder sich wöchentlich…trafen und kein Risiko scheuten, politische Informationen unter die Bevölkerung zu bringen…Befürchtungen, dass sie in Polizei- oder Lagerhaft gekommen sein könnte, haben sich nicht bestätigt. Als ihre Tochter 1950 als Witwe von Magdeburg nach Bremen zurückkehrte, war Auguste sehr wahrscheinlich nicht mehr am Leben.“[9]

In Bremen Hemelingen ist die Auguste-Bosse-Straße nach ihr benannt.

Anmerkungen:
[1] Zit. Menger, S.162.
[2] StAB 4,14/1-XII.A.3.a.l.
[3] StAB 4,14/1-XII.A.3.b.2.
[4] BBZ 16.1.1907
[5] Schmitter, Der lange Weg, S.46, 184.
[6] StAB 4,14/1-XII.C.2.e.l.
[7] Menger, S.170.
[8] Zit. Menger, S.172.
[9] Ebda. S.175.

Literatur und Quellen:
Akten der Bremer Polizeidirektion StAB 4,14/1-XII.A.3.a.1.
Bremer Bürgerzeitung 11.1. und 16.1.1907
Bremer Nachrichten 14.1.1907
Die Gleichheit Nr.4 1907, S.31
Menger, Gisela: Auguste Bosse (23.6.1862 bis nach 1943), Die Stimme der Arbeiterinnen, in: Behrens, Verena/Menger, Gisela (Hrsg.): Starke Frauen, radikal sozial und demokratisch. Ein Dialog mit 150 Jahren Bremer Geschichte, Bremen 2014, S.157-177
Schmitter, Romina: Bosse, Auguste; in: Cyrus, Hannelore u.a. (Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, Bremen 1991, S.286-289
Dies.: Der lange Weg zur politischen Gleichberechtigung, Bremen 1991, S.46, 184
StAB 4,14/1-XII.A.3.b.2.-StAB 4,14/1-XII.C.2.e.1.

Romina Schmitter