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Brickenstein, Cecilie

10.12.1886 in Bremen – 19.11.1979 in Bremen

Cecilie war die Tochter des Kapitäns des Norddeutschen Lloyd Carl Wilhelm Eduard Brickenstein (1847-1926) und seiner Ehefrau Rosette Caroline Wilhelmine Cred (1847-1926). Die Vorfahren väterlicherseits waren über 100 Jahre der Herrenhuter Gemeinde sehr eng verbunden; die Ahnenreihe der Mutter weist französische Hugenotten und verschiedene Gelehrte auf.

Einen tiefen Einschnitt bedeutete es für die Familie, als die von Kapitän Brickenstein geführte „Deutschland“ im Dezember 1875 vor der Themsemündung unterging, wobei 64 Menschen ums Leben kamen. B.wurde vor das englische Seegericht geladen, was in Deutschland einen Sturm nationaler Empörung hervorrief. Nach den Gesetzen des Norddeutschen Lloyd durfte ein Kapitän, unter dessen Kommando ein Totalverlust eingetreten war, kein Schiff mehr führen. Carl B. wandte sich dem Kohlenhandel zu und wurde Teilhaber der Firma Pacius und Brickenstein.

Cecilie wuchs mit einer Schwester und vier Brüdern auf. Ihrem Wunsch, Lehrerin zu werden, stellte sich die Mutter entgegen; doch als 1912 eine Realklasse an der Anstalt von Professor Janson in Bremen eröffnet wurde, wurde Cecilie der Besuch gestattet. 1914 mussten drei ihrer Brüder ins Feld ziehen. Da erschien es ihr nicht angemessen, sich weiterhin nur geistig zu betätigen, während jene in Lebensgefahr waren. So kam sie in die soziale Jugendarbeit hinein und sehr bald in leitende Stellungen. „Es war selbstverständlich für Bremer, dass ihre Töchter sich sozial betätigten, aber bis zum Krieg eigentlich unmöglich, dass sie Geld verdienten. Erst die Inflation hat viele in den Beruf hineingeführt“, sagte sie in ihren Erinnerungen.[1] Schon mit 30 Jahren wurde sie 1916 in den Bundesvorstand des deutsch-evangelischen Frauenbundes berufen, 1918 zur zweiten Vorsitzenden des deutsch-evangelischen Verbandes sozialer Jugendgruppen gewählt und war von 1924 bis 1929 Vorsitzende und Geschäftsführerin.[2] Sie gab von 1921 bis 1932 die Zeitschrift des Verbandes „Werden und Wirken“ heraus; Vortragsreisen führten sie durch ganz Deutschland.

Die Deutsch Nationale Volkspartei (DNVP), der sie bald nach deren Konstituierung auf Veranlassung von Mathilde Plate beitrat, bezeichnet sie in ihren Erinnerungen als die einzige Partei „die bewußt für das Christentum eintrat.“ Als Vorsitzende der Frauengruppe organisierte sie einen Mittagstisch für Rentner, außerdem habe es einen sehr lebendigen Kreis von Arbeiterfrauen gegeben.[3] Sie trat als Wahlrednerin auf und publizierte in der Bremer Tagespresse. Eine Kandidatur für die Bürgerschaft hatte sie zuerst zurückgewiesen, dann aber doch akzeptiert. 1927 stand sie auf dem 33.Platz der Vereinten Liste, die als Bürgerblock DVP, DNVP und NSDAP umfasste, wurde aber nicht gewählt. Im November 1930 zog sie dann ins Bremer Parlament ein, dem sie bis zu seiner Auflösung angehörte.

Als Mitglied der Schuldeputation sprach sie häufig zu einschlägigen Themen, aber auch zu sozialen Fragen; immer sehr engagiert, gewandt und schlagfertig. Inwieweit ihre Äußerungen über die Nationalsozialisten der Taktik ihrer Partei oder eigener Überzeugung entsprachen, ist anhand der offiziellen Reden schwer einzuschätzen. Eine eigenwillige Distanz zur NS-Ideologie bleibt aber immer deutlich. Im nationalen Gedanken sah sie die Kraft, die über Parteigrenzen hinweg alle rechtdenkenden Deutschen im selbstlosen Dienst vereinen sollte. Für „Führerwünsche und Führerinteressen“ sei aber kein Platz, monierte sie 1932.[4] Wenn sie ausgerechnet in einem Artikel, in dem sie sich für die religiöse Erziehung einsetzte, „freudig als Kampfgenossen Stahlhelm und Nationalsozialisten“[5] begrüßte, so sollte diese Einschätzung durch ihre spätere bittere Lebenserfahrung Lügen gestraft werden. Auch in einem anderen Punkt sah sie sich an der Seite der Nationalsozialisten; allerdings war ihre Zustimmung zum Herausdrängen verheirateter Frauen aus Beamten- und Angestelltenpositionen frauenfreundlich als Kampf gegen die Doppelbelastung gemeint – die Ehe bedeute einen vollen Beruf. Aber schon wenige Monate später gab sie in den Bremer Nachrichten zu bedenken, dass die Nationalsozialisten keinen Finger rührten, um die Frauen von der ausbeuterischen Fabrikarbeit zu befreien, der Streit gehe immer nur um die besser dotierten Posten.[6]

Während des 3.Reichs wurde sie Diakonisse und 1938 als Oberin an das Mutterhaus Hermannswerder bei Potsdam berufen. Die folgenden Jahre waren geprägt durch ständige Auseinandersetzungen mit verschiedenen Parteiinstanzen, die in das Leben des Mutterhauses einzugreifen versuchten. Solche Vorstöße und auch die Absicht, noch im April 1945 die Gebäude zu beschlagnahmen, konnte sie abwehren. Ähnliche Kämpfe hatte sie gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht zu führen, aber auch in den ersten Nachkriegsjahren konnte sie mit Hilfe von Bischof Dibelius den Bestand des Mutterhauses wahren, bis sie 1948 in den Ruhestand trat.

1962 kehrte sie nach Bremen zurück, wo sie noch ein Jahr lang das ökumenische Heim der Anstalt Friedehorst leitete.

Sie wohnte in der Schönhausenstr.9 und vermietete dort auch eine Wohnung. Ihre leitenden Funktionen hatten aber offenbar auch Charaktereigenschaften ausgeprägt, die im alltäglichen Zusammenleben weniger erfreulich waren. So verlangte sie von den Kindern der Mieterfamilie, mit Frau Oberin angesprochen zu werden, übte die Tochter Klavier, warf sie schwere Töpfe auf den Boden und die Mutter der Kinder wurde wie ein Dienstmädchen behandelt.[7]

Sie wurde auf dem Riensberger Friedhof beerdigt.

Anmerkungen:
[1] Brickenstein Familiengeschichte S.9.
[2] Boberech, Hans: Handbuch der deutschen evangelischen Kirchen 1918-1949, Bd.1, S.376.
[3] ebda.
[4] BN 25.11.1932.
[5] ebda.
[6] BN 5.11.1931.
[7] Information von Frau R. Denter, die dort 17 Jahre wohnte.

Literatur und Quellen:
Bremer Nachrichten 16.4.1932, 25.11.1932
Brickenstein, Cecilie: Familiengeschichte, unveröff. Familiensbesitz
dies.: Herausgeberin der Zeitschrift „Wachsen und Werden“ des Verbandes evangelischer Jugendgruppen 1921-1932
Verhandlungen der Bremischen Nationalversammlung bzw. der Bürgerschaft von 1930 bis 1933

Elisabeth Hannover-Drück (mit Ergänzungen)