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Eggers-Smidt, Marie Julie Charlotte, geb. Smidt

6.8.1844 in Bremen – 29.12.1923 in Bremen

Maries Eltern waren der Richter Dr. Hermann Smidt (1804-1879) und seine Frau Gesche Catherine Wilhelmine (geb. Noltenius, 1816-1846). Sie heiratete den Kaufmann Gerhard Hermann Eggers (1836 –1874),[1] der nach wenigen Jahren der Ehe starb. Doch erst durch Senatsbeschluss vom 6.2.1906 wurde ihr die ausschließliche Führung des Familiennamens Eggers-Smidt gestattet.[2]

Sie engagierte sich in einer Vielzahl von wohltätigen Einrichtungen und Vereinen, so auch im Deutsch-Evangelischen Frauenbund (D.E.F.B.), der zum besonders sittenstrengen Flügel der Sittlichkeitsbewegung gehörte. Ihr besonderes Interesse galt Frauen und Mädchen in Not. Sie verband dabei persönliche Betreuung mit organisatorischen Tätigkeiten.

Aus ihrer praktischen Arbeit in der bremischen „Auskunftstelle für Wohltätigkeit“, die sich 1897 im Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsverein als eigener Verein konstituierte, erkannte sie die Notwendigkeit, nicht nur zu beraten oder Hilfsangebote zu vernetzen, sondern auch über Arbeitsangebote die Existenzabsicherung der in Not geratenen Frauen zu gewährleisten. So richtete sie mit ihren Kolleginnen Abbes, Migault und Taaks einen Verein „Frauenarbeit“ ein, der bedürftigen Frauen Näh- und Flickarbeiten von großen Firmen aber auch von Privatleuten verschaffte. Seit 1897 im Vorstand des Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsvereins (FEAV) tätig, leitete sie ab 1899 mit Lucie Lindhorn, der langjährigen Vorsitzenden des Vereins, dessen Nähschule.

Ihr zentrales Interesse galt jedoch der „Sittlichkeitsfrage“, die in der Frauenbewegung von links bis rechts intensiv diskutiert wurde, und in enger Verbindung dazu, der „Gefangenenfürsorge“, die sie nicht nur propagierte, sondern auch selbst betrieb.

Sie betreute junge Frauen, die als Prostituierte aufgegriffen, arretiert, als krank befunden und ins Krankenhaus verbracht worden waren. Hier lernte sie aus eigener Anschauung das Leben und das Schicksal der als „gefallen“ eingestuften Frauen kennen. Sie selbst bezeichnete viele von ihnen als „Anfängerinnen“, die erst durch die Internierung zu Prostituierten gemacht würden. Insbesondere für diese Gruppe forderte sie staatliche Fürsorge, Angebote für Arbeit und schulischen Unterricht. Außerdem wollte sie in Gefängnissen und Krankenhäusern Fürsorgerinnen eingesetzt wissen. Von ausschlaggebender Bedeutung für die Rückführung in die Gesellschaft hielt sie die Betreuung der Frauen durch eine mütterliche Freundin.

1900 hatte sie auch den Verein Jugendschutz gegründet, der sich fürsorgerischer Prophylaxe widmen sollte. Sie übernahm den Vorsitz des Vereins und erarbeitete mit den Mitgliedern ein umfangreiches, aus elf Arbeitsschwerpunkten bestehendes Hilfsprogramm. Es umfasste die Einrichtung von Mädchenhorten, Flickschulen, die Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels ebenso wie die Übernahme von Pflegschaften, Ferienpflege und persönlicher Arbeit mit Jugendlichen.[3] Für den Erfolg des Vereins sprach, dass es bis zum 1.Weltkrieg acht Mädchenhorte gab, die Mädchen vor dem Herumstreifen und vor der Prostitution bewahren sollten.

1902 organisierten Bremer Lehrerinnen eine Veranstaltung gegen den geplanten § 316,6 des Strafgesetzbuches, „der es der Polizei ermöglichte, jede ihr verdächtig erscheinende Frau zu verhaften und zwangsweise auf Geschlechtskrankheiten untersuchen zu lassen. Die Empörung war so groß, dass sich der Bremer Zweigverein der Internationalen Föderation zur Bekämpfung der staatlichen Reglementierung der Prostitution gründete, dem sich 102 Personen anschlossen. Madga Böttner wurde Vorsitzende.

1905 gab sie Briefe heraus, „die sie von den von ihr betreuten Mädchen erhalten hatte. Sie wollte damit die Lehren Lombrosos von der angeborenen „moralischer Inferiorität“ infrage stellen und Sozialisationsbedingungen und wirtschaftliche Nöte als mitverantwortlich herausarbeiten. Damit wollte sie das Vorurteil korrigieren, dass Prostituierte zu einem ehrlichen und anständigen Leben nicht mehr fähig seien.“[4]

Marie E.-S. starb im St.Joseph-Stift, sie ist auf dem Riensberger Friedhof in einem Urnengrab beigesetzt.

Publikationen:
Prostituiertenbriefe, in: Zeitschrift zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, Leipzig, Jg. 1905
Soziale Arbeit und Alkoholismus, In: Der Alkoholgegner. Monatsschrift zur Bekämpfung der Trinksitte, Reichenberg 11. Jg. 1905 Nr. 8, S. 3 und Nr. 9, S. 2-4

Anmerkungen:
[1] http://gedbas.genealogy.net/person/show/1142691675, Zugriff 13.6.2015.
[2] http://www.die-maus-bremen.de/nofb/ofb/bremen_vegesack/index.php?id=zeig&ia=9074, Zugriff 4.1.2015.
[3] Meyer-Renschhausen, Elisabeth, S.290.
[4] ebda.S.286.

Literatur und Quellen:
Meyer-Renschhausen, Elisabeth: Weibliche Kultur und soziale Arbeit, Köln/Wien 1989, S.336-350
StAB Familiengeschichtliche Sammlung (Maus)

Hannelore Cyrus