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Emma, Gräfin von Lesum

Geburtsdatum nicht ermittelbar – 3.12.1038 in Bremen

Emma ist die erste Frau aus Bremen, die sich bisher historisch nachweisen lässt. Allerdings ist über ihr reales Leben außer ihrer Herkunft so gut wie nichts überliefert. Sie stammte aus dem Geschlecht der begüterten sächsischen Immedinger, war die Schwester des Bischofs Meinwerk von Paderborn (gest. 1036), die Cousine von Bremens Erzbischof Unwan (gest. 1029) und verheiratet mit dem „Grafen Luidger von Liestmona“ (gest. 1011), einem Sohn des Herzogs Hermann Billung (gest. 973). Lesum war zweifelsfrei eine von vielen Besitzungen der Billunger, aber keinesfalls der Haupthof, so dass von einem „Grafen von Lesum“ oder einer „Gräfin von Lesum“ nicht gesprochen werden kann, obwohl sich diese Titulierung bis heute hält. Kaiser Konrad II. (gest. 1039) zog nach dem Tode Emmas diesen Lesumer Hof ein und überwies ihn seiner Gemahlin Kaiserin Gisela (gest. 1043). Später gehörte er Kaiserin Agnes (gest. 1077), der Gemahlin Heinrich III. (1056). Heinrich IV. (gest. 1106) schenkte ihn 1063 der Bremer Kirche unter Erzbischof Adalbert I. (gest.1072).

Emmas Berühmtheit in Bremen beruht auf Sagen über die Schenkung der Bürgerweide. Darin kam Emma, die kinderlose, fromme und vermögende Witwe, mit ihrem Schwager[1] und Erben, dem Herzog Benno von Sachsen, im Jahre 1032 nach Bremen. Als einige Abgeordnete der bremischen Bürger Emma um ein Stück Weideland baten, sagte sie ihnen ein Stück von der Größe zu, das ein Mann in einer Stunde umwandern könnte. Benno spottete verärgert, die Frist könnte man doch gleich auf einen ganzen Tag ausdehnen. Als die Gräfin seinem „Vorschlag“ sofort zustimmte, bat er in der Hoffnung, die Sache doch noch rückgängig machen zu können, den Mann für die Umwanderung selbst aussuchen zu dürfen. Heimtückisch wählte er einen armen Krüppel, der ohne fremde Hilfe gar nicht gehen konnte. Aber nach Gebet und Segen der Gräfin umkroch dieser, unter Aufbietung all seiner Kräfte auf seinen Händen kriechend, eine riesige Fläche. Aus Dankbarkeit ließen die Bürger das Bildnis des Krüppels zu Rolands Füßen in Stein meißeln.

Die früheste Sage entstand erst um 1420 und fand seither mehrere literarische Verarbeitungen. Die „Krüppelgeschichte“ nahm Johann Karl Musäus 1782 in die „Volksmärchen der Deutschen“ auf, erzählt hatte sie ihm seine Nichte Amalie Gildemeister (1759-1844), geb. Kotzebue. Die endgültige und heute populäre Fassung stammt vom Bremer Schriftsteller Friedrich Wagenfeld (1810-1846) aus dem Jahre 1845.

Die Sagen und Legenden schildern Emma als eine großzügige, fromme Frau, die nach dem Tod ihres Mannes die Kirche und die Armen mit reichlichen Schenkungen bedachte. Bereits im Mittelalter wurde ihr Bild verklärt und tatsächlich wurde sie sogar heiliggesprochen. Die von Emma gestiftete Abtei Werden an der Ruhr behauptete noch im 17. Jh., eine unverweste Hand der Gräfin zu besitzen. Die Zuwendungen an die bremische Kirche sind schwer zu belegen. So kann die Schenkung von zwei Kreuzen, einer Altartafel und einem goldenen Kelch anlässlich einer Predigt von Erzbischofs Libentius II. (gest. 1032) nicht bewiesen werden. Und es gibt auch keinen Beleg für die Schenkung der Bürgerweide an die bremische Bevölkerung. Denn faktisch war es Erzbischof Hartwig I. (gest. 1168), der 1159 in einem „Weidebrief“ den Bremern die Nutzung der Bürgerweide zusagte. Wie dem auch sei, die Sage über die Bürgerweidenschenkung durch Gräfin Emma gehört zum kollektiven Wissen der BremerInnen. Vermutlich liegt dies daran, weil die Sage eine starke moralische, tröstliche Botschaft beschreibt: Großzügigkeit, Mildtätigkeit und Verantwortungsgefühl siegen über Niedertracht, Habgier und Neid.

Fast unbekannt hingegen sind die diplomatischen Fähigkeiten Emmas. Der Bremer Stadtarchivar Wilhelm v. Bippen (1844-1923) verwies auf ein Friedensabkommen, das Emma „vornehmlich“ vermittelt hatte, und zu einer Zeit „ruhigen Gedeihens“ in Bremen führte. Diese Friedensstiftung wird symbolisch durch den Palmzweig dargestellt, den Gräfin Emma im Arm hält, zu sehen in einem Chor-Glasfenster in der St. Johannis-Kirche im Schnoor.

In Bremen erinnern u.a. Straßen, ein See, ein Café und Denkmäler an Gräfin Emma von Lesum. Seit 1988 befindet sich die Skulpturengruppe „Gräfin Emma mit Herzog Benno“ vom Bremer Künstler Thomas Recker (geb. 1946) an der Emmastraße und seit 2009 steht eine große Emma-Figur an der Lesumer Kirche, geschaffen von der Bildhauerin Christa Baumgärtel (geb. 1947).

Anmerkungen
[1] Die Sagen benennen Benno als Schwager. Namensähnlich kommt nur Bernhard I. in Frage, der aber bereits wie sein Bruder Luidger 1011 verstarb. So könnte mit Benno nur dessen Sohn Bernhard II. gemeint sein, und wäre somit ein Neffe von Emma.

Literatur und Quellen
Bippen, Wilhelm von: Geschichte der Stadt Bremen, S. 33.
Bürgerparkverein Bremen (Hrsg.): Hundert Jahre Bremer Bürgerpark.
Burg-Lesumer Heimatbuch, 1985.
Die Norddeutsche 27.06.2005.
Holzner-Rabe, Christine: Von Gräfin Emma und anderen Em(m)anzen.
Falkenberg, Oliver, Sundmaeker, Linda (Hrsg.): Die schönsten Sagen und Märchen aus Bremen.
Mindermann, Marie: Sagen der alten Brema.
Möhlmann, Günther: Der Güterbesitz des Bremer Domkapitel.
Peuckert, Will-Erich: Bremer Sagen.
Renner, Johann: Chronicon Der löfliche olden Stadt Bremen.
Schomburg, Dieter: Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Bremen.
Schwarzwälder, Herbert: Reise in Bremens Vergangenheit.
Torsy, Jakob: Der große Namenstag Kalender.
Wagenfeld, Friedrich: Bremens Volkssagen.

Christine Holzner-Rabe