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Engelbrechten, Sophie von, gen. Sonny, geb. Leisewitz

22.5.1874 in Bremen – 29.3.1969 in Bremen

Die allseits als Sonny v. Engelbrechten bekannte Dame der Bremer Gesellschaft entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Ihr Vater, Lambert Leisewitz, war Teilhaber einer Tabakfirma und kam durch Heirat mit Helene Rutenberg in den Genuss von deren Erbe. Das bestand aus einem Anteil an der Kaiserbrauerei Beck und Co, die der Schwiegervater, der Baumeister Lüder Rutenberg 1873 gegründet hatte, nachdem er schwerpunktmäßig vom Bauen aufs Brauen[1] umgestiegen war. Die drei weiteren Anteile gingen an Helenes drei Schwestern. Leisewitz modernisierte und erweiterte die Brauerei, die schließlich hohe Gewinne abwarf. Tochter Sophie wuchs also im Wohlstand auf, bekam wohl auch durch ihren Vater, der als Brauereichef an führender Stelle an der großen Nordwestdeutschen Gewerbe- und Industrieausstellung von 1890 beteiligt und Mitglied der Handelskammer und der Bürgerschaft war, einiges von dem mit, was und wer in Bremen damals wichtig war.

1897 heiratete die 23jährige den 27jährigen Berufsoffizier Arnold von Engelbrechten aus Hannover, der, versetzt nach Bremen, als Leutnant Dienst im Hanseatischen Infanterieregiment Nr.75 tat. Das Paar zog zunächst an den Körnerwall; spätestens ab 1910 wohnten sie in der Mathildenstraße 95 in der östlichen Vorstadt. Diese Straße hatte Großvater Rutenberg, gelernter Maurer und äußerst erfolgreicher Bauunternehmer, der Häuser in der gesamten östlichen Vorstadt baute und verkaufte, als größtes geschlossenes Straßenensemble in den 1870er Jahren konzipiert, bauen und nach seiner Frau benennen lassen. 1922 kaufte die Familie mit Sonnys ererbtem Geld eine Villa in Oberneuland, in der Rockwinkler Landstraße 33. Als Sommersitz, wohin sie, wie damals unter wohlhabenden Bremer Familien üblich, im Frühling mit dem ganzen Hausstand zogen, hatten sie schon länger den dortigen Lür-Kropp-Hof genutzt. Sonny und Arnold von Engelbrechten bekamen vier Kinder: Tochter Helene, war die Älteste, die Söhne Arnold, Hans und Lambert folgten in den nächsten Jahren. Helene heiratete später nach Hamburg, Arnold wurde Anteilseigner der Beckschen Brauerei, Hans wanderte Anfang der 30er Jahre in die USA aus, Lambert wurde Landwirt in Brandenburg. Es war also ein großer Haushalt, dem Sonny als junge Frau vorstand, und doch fand sie Zeit, sich außerhäuslich in Vereinen zu engagieren. Das war nur möglich, weil es eine tüchtige Haushälterin gab, die jahrzehntelang in der Familie Dienst tat.

Da war zum einen der 1907 gegründete Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft (FDKG), dessen Bremer Zweig sie leitete. Der Bremer FDKG unterhielt wie alle anderen Zweigvereine Kontakt zu Familien in den deutschen Kolonien in Ost- und Südwestafrika, ließ Büchersammlungen dorthin verschiffen und unterstützte einige Familien im 1.Weltkrieg finanziell. Eine wichtige Aufgabe sah der FDKG darin, deutsche Frauen für die Ansiedlung in den Kolonien anzuwerben, um der drohenden „Verkafferung“[2] der dortigen Siedlergemeinschaft entgegenzuwirken. Denn aus Mangel an deutschen Frauen lebten 90% der männlichen Siedler dort in Konkubinaten mit indigenen Frauen. Der FDKG bestand auch nach 1920 noch weiter, um den kolonialen Gedanken aufrechtzuerhalten, obgleich Deutschland im Versailler Vertrag auf seine Kolonien hatte verzichten müssen,

Zum anderen gab es den 1866 von der preußischen Königin Augusta, der späteren Kaiserin Augusta, gegründeten Vaterländischen Frauenverein,[3] in dessen 1871 gegründeten Bremer Zweigverein Sonny v.E. – lange als Vorsitzende – eine große Rolle spielte. Die Mitgliedschaft beider Vereine bestand aus konservativen, national gesinnten Frauen des gehobenen Bürgertums, zu denen sie gehörte. Die Verehrung der Kaiserin war den Mitgliedern wichtig. Der Verein war ein Kind des Krieges – gegründet 1866 im Norddeutschen Bund nach dem preußisch-österreichischem Krieg, 1871 in Bremen nach dem deutsch-französischen Krieg. In beiden Kriegen hatten Frauen die Pflege der Verwundeten als ihre nationale Pflicht empfunden. Der Vaterländische Frauenverein war eingebunden in das Centralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz: im Kriegsfall unterstand er ihm, im Frieden war er relativ autonom. Er sah seine Aufgabe in der Krankenpflege und in karitativer Arbeit nicht nur in Kriegs-, sondern auch in Friedenszeiten.

Im 1.Weltkrieg saß sie. im Leitungsgremium des Zentralen Hilfsausschusses vom Roten Kreuz (ZHRK), dem wie überall im Reich so auch in Bremen die Organisation der Unterstützungsmaßnahmen in der Heimat oblag. Sie engagierte sich besonders in der Leitung der Abteilung Liebesgaben und in der Presseabteilung. In Briefen an ihren Sohn Arnold, der 1917 als knapp Neunzehnjähriger eingezogen worden war, beschreibt sie ihren aufreibenden und zeitaufwendigen Einsatz im Rahmen des ZHRK:„Der Tag könnte noch mal so lang sein“, heißt es einmal.[4]

Die Zusammenarbeit dieser konservativen bürgerlichen Damen mit den linken Frauen aus SPD und Gewerkschaft verlief nicht immer reibungslos.[5] Eine zusätzliche Aktion Sonny v.E.s bestand in der Einrichtung von Soldatenheimen in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten z.B. in der Stadt Riga. Das waren äußerst anstrengende, Mut und Organisationstalent erfordernde Unternehmen.

Als national eingestellte Frau, der Kritik an der Führung von Reich und Armee fern lag, litt sie nach Kriegsende 1918 unter der Schmach, die ihr geliebtes Vaterland erleiden musste. Aber zum Verzweifeln war sie zu praktisch veranlagt, machte Mann und Kindern Mut, und organisierte tatkräftig und zupackend nicht nur die häuslichen Angelegenheiten, sondern widmete sich aktiv der Wohlfahrtsarbeit im Rahmen ihres Vereins. Sie richtete Kaffeestuben und Wärmehallen für notleidende alte Leute ein, gründete eine Art Hilfe-durch-Selbsthilfe-Bewegung und schuf in einem Haus in der Rembertistraße, das der Frauenverein erworben hatte, eine Verkaufsstelle für nicht mehr benötigte Möbel und Kleidung, sowie Näh- und Flickstuben.[6]

Während sie sich karitativ betätigte, sorgte ihr Mann, Oberst a.D. Arnold v.E., nach der Niederschlagung der Räterepublik 1919 für ein knappes Jahr als Kommandant der Stadtwehr in Bremen für „Ruhe und Ordnung“.

Der republikanisch-demokratischen Weimarer Verfassung standen sie und ihr Mann wie auch der ganze Frauenverein sicherlich distanziert gegenüber.

Sie kümmerte sich in den 20er Jahren weiterhin intensiv um den Ausbau der Krankenpflege durch das Rote Kreuz. Das tat sie unter anderem, indem sie 1925 gemäß der Satzung ihres Vereins das Mutterhaus der Elisabethschwestern vom Roten Kreuz in der Lüder-von-Bentheim-Straße in Schwachhausen gründete, das eine Einrichtung des Vaterländischen Frauenvereins, Zweigverein Bremen, wurde. Die Vorsitzende, also Sonny v.E., wurde Vorstandsmitglied der Schwesternschaft. Sie nahm auch als Delegierte ihres Vereins mit beratender Stimme an den Vorstandssitzungen des Vereins zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen teil.[7] Die Elisabethschwestern seien immer zu ihrem Geburtstag nach Oberneuland gekommen, wo die Enkelkinder Kuchen servieren und musikalische Darbietungen zum Besten geben mussten. „Frau Oberst, so nannten wir die Großmutter unter uns manchmal, kommandierte uns Enkel ab zum Dienst.“[8] Weiterhin fällt in die zwanziger Jahre ihre Zusammenarbeit mit dem Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsverein (FEAV), der 1927 eine Mütterschule gegründet hatte. Sie sorgte dafür, dass im Haus des Vaterländischen Frauenvereins in der Rembertistraße ab 1927 Kurse über Pflege und Ernährung von Säuglingen abgehalten werden konnten.[9]

Mit der Einbindung des Roten Kreuzes und all seiner Vereine in das NS-Regime 1937 kam auch das Ende des Vaterländischen Frauenvereins. Sonny v. E. zog sich zurück, „arbeitete aber…unbeirrt im Dienste der privaten Fürsorge weiter.“[10] Im 2.Weltkrieg kümmerte sie sich wie im Ersten um Verwundete in Bremer Lazaretten. Der Sohn Arnold fiel gegen Kriegsende in Italien.

Das Ehepaar lebte nach 1945 zurückgezogen in der Oberneuländer Villa, die sie sich bis in die 50er Jahre mit Flüchtlingen und Ausgebombten teilten. Dank des Rutenbergschen Erbes waren sie finanziell gut versorgt. Sie überlebte ihren 1953 gestorbenen Mann um fast 16 Jahre, lange Zeit noch rüstig und sozial engagiert. Sie lebte nicht allein in dem großen Haus, sondern hatte stets zwei dienstbare Geister um sich, eine Hausdame und eine Haushaltshilfe.

Obwohl sie eine wohlhabende Frau war, blieb ihr häuslicher Lebensstil lange Zeit von Sparsamkeit und Disziplin geprägt;[11] erst im Alter gönnte sie sich etwa mehr Luxus. Sie war voller Tatendrang und Verantwortungsbewusstsein für andere – natürlich alles im Rahmen ihres konservativen Milieus und Weltbildes.

Sie starb im hohen Alter von fast 95 Jahren im eigenen Haus, zum Schluss betreut von einer Krankenpflegerin.

Anmerkungen:
[1] vgl. Uwe Martin, Bauen und Brauen.
[2] Carstens, Cornelia/Vollherbst, Gerhild:„Deutsche Frauen nach Südwest“. Der Frauenbund der deutschen Kolonialgesellschaft. http:/ www./berlin-postkolonial.de. Zugriff 25.8.2015.
[3] Hänger, Politisch oder vaterländisch? Vgl. auch Laudowicz,: Organisierte Müttterlichkeit S.139f.
[4] Briefe von Sonny v.E. an ihren Sohn Arnold, der als Fähnrich in der Ukraine stationiert war, aus den Jahren 1917/1918 (Privatbesitz).
[5] Vgl. Meyer-Braun, Kriegsalltag.
[6] „Sonny von Engelbrechten 90 Jahre“, BN 16.5.1964.
[7] 100 Jahre Bremische Schwesternschaft S.59f.
[8] So eine Enkelin zur Verfasserin.
[9]Uhlenhaut, Hilda: Frauen- Erwerbs- und Ausbildungsverein Bremen.
[10] „Abschied von Sonny von Engelbrechten“ BN 4.4.1969.
[11] Die Enkel durften sich z.B. beim Essen die Teller nicht zum zweiten Mal füllen.

Literatur und Quellen:
100 Jahre Bremische Schwesternschaft vom Roten Kreuz 1876-1976, Broschüre o.O., o.J.
Auskünfte von zwei Enkelinnen, der Archivarin der Schwesternschaft vom Roten Kreuz Bremen und einer Studentin, die sich mit konservativen Frauen von 1890-1933 beschäftigt.
BN 16.5.1964, „Sonny von Engelbrechten 90 Jahre“
BN 4.4.1969, „Abschied von Sonny von Engelbrechten“
Briefe Sonny von Engelbrechtens an ihren Sohn im Felde 1917/1918 (Privatbesitz)
Hänger, Andrea: Politisch oder vaterländisch? Der Vaterländische Frauenverein zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, in: Schöck-Quinteros, Eva/Streubel, Christiane (Hrsg.): „Ihrem Volk verantwortlich“. Frauen der politischen Rechten (1890-1933), Organisationen-Agitationen-Ideologien. Schriften des Hedwig-Hintze-Instituts Bremen, Band 9, Berlin 2007, S.57-86
Laudowicz, Edith: Organisierte Mütterlichkeit – bremische Frauenverbände im Einsatz an der „Heimatfront“, in: Scholl, Lars U.(Hrsg.): Bremen und der Erste Weltkrieg. Jahrbuch der Wittheit 2012/2013, Bremen 2014, S.124-145
Martin, Uwe: Bauen und Brauen. Der Bauunternehmer Lüder Rutenberg (1816-1890), in: Östliche Vorstadt. Zur Entstehung eines Stadtteils im 19.Jahrhundert, in: Beitrage zur Sozialgeschichte Bremens, Heft 9, Bremen (o.J.) S.157-197
Meyer-Braun, Renate: Zum Kriegsalltag Bremer Frauen, in: Scholl, Lars U. (Hrsg.): Bremen und der Erste Weltkrieg, S.99-123
Uhlenhaut, Hilda: Frauen-, Erwerbs- und Ausbildungsverein Bremen. 125 Jahre Frauenbildung 1867 bis heute. Eine Chronik, Bremen 1992, S.83 und
StAB, 9, S-3 Zeitungsausschnittssammler Sonny von Engelbrechten und Arnold von Engelbrechten

Renate Meyer-Braun