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Flechtmann, Johanna Lucie Henriette, geb. Hartig, gen. Fisch-Lucie

9.3.1850 in Bremen – 10.8.1921 in Bremen

Lucie entstammte einer Fischhändlerfamilie, die nachweislich mehr als 200 Jahre im Fischhandel tätig war. Sie konnte noch als Kind erleben, wie auf dem Marktplatz große Lachse verkauft oder die Händler einen in der Weser gefangenen Stör von vier Metern Länge schlachteten.[1]

In zweiter Ehe mit dem Schlossermeister Dietrich Flechtmann verheiratet, hatte sie aus beiden Ehen zusammen 17 Kinder. Ihr Leben ist ein Beispiel dafür, welches Arbeits- und Gebärpensum Frauen früherer Generationen abverlangt wurde. Daß Lucie Flechtmann dabei schon mal den Überblick verlor, dürfte nicht allzusehr verwundem. Eine Anekdote über sie verrät, daß die „Unzahl ihrer Kinder “ abends von „hilfreichen Händen im ganzen Stadtviertel aufgelesen und rudelweise herbeigeschafft“ wurde. „Eines Abends, als Lucie gerade am Waschfaß stand, brachte eine Nachbarin ein etwa dreijähriges, markerschütternd brüllendes Kind herbei, das bis zur völligen Unkenntlichkeit verschmutzt am Ufer der Weser gespielt hatte. ‚Gehört das auch bei deine?‘ fragte sie. Lucie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, deutete mit einer Kopfbewegung auf eine entfernte Ecke, in der es von ebenso unkenntlichen Erscheinungen wimmelte. ‚Mal sehn‘, sagte sie. ‚Schmeiß es eers man bi ’n Bulten.‘“[2]

Es scheint, dass ihre Energien unerschöpflich waren. Sie widmete sich nicht nur ihrer zahlreichen Kinderschar und ihrem Verkaufsstand auf dem Marktplatz, sondern nahm auch mit großer Geschäftstüchtigkeit den Zwischenhandel selbst in die Hand, damit sie die Konkurrenz erfolgreich ausschalten konnte. Hierfür fuhr sie bereits im Morgengrauen den Kuttern im eigenen Boot auf der Weser entgegen und kaufte dabei das Hauptkontingent an frischer Ware auf, um täglich als Erste den frischen Fisch auf dem Markt beim Roland anbieten zu können. Den nicht verkauften Warenbestand überließ sie am nächsten Tag gern ihren Konkurrentinnen:

„Der Handel lief per Handschlag ab, da Lucie Flechtmann das Vertrauen aller genoß, besonders wegen ihrer pünktlichen Bezahlung. Die Konkurrenz hatte das Nachsehen und mußte am nächsten Tag bei der marktbeherrschenden Lucie den nötigen Nachschub kaufen.“[3] Allerdings liefen nicht alle Geschäfte und das Marktgeschehen um sie herum so reibungslos ab. Sie konnte durchaus auch aus der Rolle fallen, vor allem, wenn sie sich im Recht fühlte. Dann geschah es, dass diese in „Wort und Tat geförchtete“, selbstbewußte Frau bei Streitigkeiten „den Fisch als Schlagwaffe einsetzte.“[4] So gab sie mit ihrem unerschrockenen Temperament auch Anlass zu weniger „ruhmreichen“ Geschichten: „Lucie hatte sich wegen Körperverletzung zu verantworten. Eine jähe Aufwallung, hervorgegangen aus gegenseitiger unüberwindlicher Abneigung hatte dazu geführt, daß sie den Körper – genauer gesagt den Kopf – einer Mit-Fischfrau mittels eines am Schwanz angefaßten Helgolander Schellfisches entstellt und verletzt hatte. ‚Aber Frau Flechtmann!‘ sagte der Richter. ‚Sie mögen ja Grund zur Erregung gehabt haben – aber hätten es da nicht auch ein paar scharfe Worte getan?‘-‚Och, Herr Richter‘, versetzte Lucie, ‚geradezu beleidigen wollte ich ihr dscha nu auch wieder nich.‘“[5]

Lucie Flechtmann engagierte sich auch für den Fußballverein FC Stern Bremen und war wohl die erste Frau in Deutschland, die einen Fußballverein sponserte.[6]

Nach kurzem, aber schmerzensreichen Krankenlager wurde sie im 72. Lebensjahr aus ihrem arbeitsreichen Leben gerissen. Ihre Kinder und Angehörigen nahmen mit folgenden Worten in der Todesanzeige von ihr Abschied: „Bis in Dein spätes AIter hast Du gesorgt, geschafft! Nun ruhe sanft lieb‘ Mutter, in Deinem kühlen Grab!“[7]

Als die legendenumwobene Fischhändlerin bestattet wurde, musste die Polizei den kleinen Friedhof im Buntentor absperren, der die große Trauergemeinde kaum fassen konnte; denn die couragierte Marktfrau war wegen ihrer Menschlichkeit äußerst beliebt gewesen. Mit Lucie Flechtmann, genannt „Fisch-Lucie“, hatte die Stadt eines seiner stadtbekannten weiblichen Originale verloren.

Nach ihrem Tod blieb die Kundschaft den Nachfahren Lucie Flechtmanns durch alle politischen und wirtschaftlichen Wirren der folgenden Jahrzehnte treu. Als der Markt im Jahr 1922 zum Domshof umziehen musste, zogen auch ihre Nachkommen dorthin. Noch bis 1998 bestand die Fischhandlung Flechtmann GmbH, betrieben von ihren Söhnen Hermann und Johann.

In der Bremer Neustadt ist der Lucie-Flechtmann-Platz nach ihr benannt.

Anmerkungen:
[1] Fuhrmann, Helga: in: Cyrus, Hannelore u.a., S.444.
[2] Lerbs, Karl: Keine besonderen Kennzeichen, in: Die besten… S.145.
[3] Fuhrmann, Helga, ebda. S.444.
[4] ebda.
[5] Lerbs, Karl: Schellfisch-Gericht, in: Die besten… S.145.
[6] Grüne, Hardy: Legendäre Fußballvereine – Norddeutschland, Kassel 2004.
[7] Die Angehörigen und Kinder, Bremen, New York, Bremer Nachrichten, 12.8.1921.

Literatur und Quellen:
Domdey, Ute: Riensberger Gräber erzählen. Aus dem Leben Bremer Frauen. Hrsg.: Bremer Frauenmuseum e.V., Bremen 1997, S.98–101.
Fuhrmann, Helga in: Cyrus, Hannelore u.a.(Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, S. 444.
Interview von Helga Fuhrmann mit dem Urenkel Jörg Flechtmann 1991.
Kloos, Werner: Bremer Lexikon. Ein Schlüssel zu Bremen, Bremen 1980
König, Johann-Günther: Heini Holtenbeen, Fisch Lucie und andere Bremer Originale – Ein Wiederbelebungsversuch, Bremen 1990.
Lerbs, Karl: Die besten Bremischen Anekdoten, Bremen 1993.

Helga Fuhrmann, Ute Domdey