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Forck, Elisabeth Wilhelmine

18.1.1900 in Seehausen bei Bremen – 7.9.1988 in Bremen

Elisabeth war das siebte von zehn Kindern des Pastors Daniel Forck und seiner Frau Beata, geb. Flaischlen. 1902 siedelte die Familie nach Bremen um, nachdem der Vater eine Stellung als Geistlicher der Städtischen Krankenanstalten angenommen hatte, wo er auch für das (1904 in den Vorort Ellen verlegte) „Irrenasyl“ zuständig war. Er zeichnete sich aus durch sein besonderes Einfühlungsvermögen für die psychisch Kranken. Leider musste er in den kommenden Jahren seine Tätigkeit immer mehr reduzieren, denn er litt an Tuberkulose und erlag dieser Krankheit schließlich 1918.

Sie verlebte eine glückliche Kindheit. Sie war ein vergnügtes Kind, bei dem sich früh eine klare Hochbegabung abzeichnete. Dies war für die Eltern der Grund, sie, nach der Grundschulzeit in einer Mädchenschule, 1912 als eines von wenigen Mädchen in das Neue (Jungen-) Gymnasium am Barkhof einzuschulen, damals die einzige Möglichkeit für ein Mädchen, das Abitur abzulegen. Dort wurde Wert auf klassische Bildung gelegt, Elisabeth lernte sieben Jahre Latein und vier Jahre Griechisch, später zusätzlich Hebräisch. Ihr Abiturzeugnis wies durchgehend die Note „sehr gut“ aus.

Schon früh hatte sich ihr Berufswunsch Lehrerin herauskristallisiert. Dass sie unter das sog. „Lehrerinnenzölibat“ fiel (Beamtinnen mussten bei Heirat ihren Beruf aufgeben), nahm sie in Kauf. Sie blieb unverheiratet und kinderlos, lebte zusammen mit ihren unverheirateten Schwestern[1] und unterstützte lebenslang finanziell und moralisch ihre zahlreiche Verwandtschaft.

1918 bis 1923 studierte sie – mit einem kurzen Zwischenspiel in Marburg – in Göttingen Latein, Griechisch und Religion. Ihr Interesse für religiöse Fragen entsprang einer tiefempfundenen Frömmigkeit, die jedoch nie in Bigotterie ausartete und durch Toleranz Andersdenkenden gegenüber gemildert wurde.

Von Anfang an zeigte sich ihr pädagogisches Talent. Mit angeborener Autorität, Phantasie, Humor und Experimentierfreudigkeit wusste die angehende Lehrerin ihre Schüler zu fesseln. Dies erkannte auch Mathilde Plate, seit 1919 Direktorin des 1916 gegründeten Bremer Mädchengymnasiums an der Kleinen Helle, die sich ihr Kollegium frei zusammenstellen durfte und über Elisabeth F. schrieb: „Es wäre daher sehr zu wünschen … diese ganz außergewöhnlich erfreuliche Kraft für Bremen nicht verloren gehen zu lassen.“ Der Senat kam ihrem Wunsch nach, und so wurde sie 1928 zur jüngsten Studienrätin Deutschlands. Die Zeit als Lehrerin an der Kleinen Helle beschreibt sie selbst als glücklichste ihres Lebens. Die unteren Klassen verehrten sie treuherzig, aber auch mit den schwierigen Backfischen und den schon fast erwachsenen Abiturientinnen kam sie problemlos zurecht. Zahlreiche begeisterte Berichte ehemaliger Schülerinnen zeugen von ihrem – manchmal Schicksal bestimmenden – Einfluss auf den Lebensweg der ihr Anbefohlenen.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erschwerte ihre pädagogische Tätigkeit, wenn auch dank Direktorin Plate das Klima im Kollegium ungewöhnlich liberal blieb. Man versuchte, sich dem Einfluss des Staates auf Unterrichtsinhalte zu widersetzen, so wehrte sich Elisabeth F. erfolgreich gegen die Ausklammerung des Alten Testaments aus dem Religionsunterricht. Nach der Schulreform von 1941, die für Mädchen nur noch zwei Formen der höheren Schulbildung vorsah – hauswirtschaftlich und neusprachlich – musste sie die Abschaffung des Griechisch-Unterrichts und eine starke Reduzierung der Fächer Religion und Latein hinnehmen.

Seit 1933 war sie Mitglied der Gemeinde Stephani-Süd, die sich der „Bekennenden Kirche“ angeschlossen hatte und der Bevormundung durch die offizielle Richtung der „Deutschen Christen“ zu widersetzen versuchte. Den jüdischen Gemeindemitgliedern stand man mit Rat und Tat zur Seite. Sie wurde Mitglied der Gemeindeleitung, dem sog. Bruderrat. Seither hatte sie Diskriminierungen wie eine Haussuchung durch die Gestapo sowie Telefon- und Briefkontrollen zu erleiden. 1941 wurde ihr ihre Unterschrift unter einen Brief an den Bremer Bürgermeister zum Verhängnis, in dem gegen die vorübergehende Verhaftung mehrerer Gemeindemitglieder protestiert wurde. Anlass war ein von der Gemeinde veranstalteter Abschiedsgottesdienst für die zur Deportation bestimmten Juden. Die in dem Schreiben enthaltene Formulierung „jüdische Bürger“ wurde ihr als „Landesverrat im Kriege“ ausgelegt, und der Fall sollte der Gestapo übergeben werden. Da erfuhr sie unerwarteten Beistand seitens des Schulsenators Dr. Richard von Hoff und kam mit einer Geldstrafe davon. Sie war tatsächlich von diesem überzeugten Nationalsozialisten vor einer Gefängnisstrafe, wenn nicht gar vor dem Konzentrationslager bewahrt worden. Allerdings teilte er ihr anschließend mit, sie könne nicht gleichzeitig Beamtin und in der Gemeindeleitung einer bekennenden Kirche tätig sein. Folglich musste sie sich zwischen Beruf und Kirche entscheiden und legte nach hartem Ringen um eine Entscheidung das Amt in der Gemeindeleitung nieder.

Nach dem Kriege war sie eine der wenigen Lehrkräfte, die weiter unterrichten durften, ohne die Ergebnisse der Entnazifizierung abwarten zu müssen. Jetzt war Improvisationstalent gefragt, denn es fehlte an Räumen und Lehrmaterial, die Mädchen froren und hungerten. Sie musste fast alle Fächer selbst unterrichten, so dass ihre Klasse, wie sie es nannte, ganz „verforckt“ war.

1949 übernahm sie von Mathilde Plate das Amt der Schulleiterin. Mit der ihr eigenen Phantasie gestaltete sie Schulfeste, Musik- und Theateraufführungen. Aus dem Bemühen, die Schülerinnen zu Toleranz und Weltoffenheit zu erziehen, entstand 1958 die Ernennung der Kleinen Helle zur „UNESCO-Modellschule.“ Die letzten Jahre bis zu ihrem Abschied 1963 waren überschattet von Auseinandersetzungen mit dem Bremer Senat, dessen Schulpolitik vielen Wendungen unterworfen war und der angesichts sinkender Schülerzahlen langfristig die Schließung der Kleinen Helle plante.

Im Ruhestand fand sie ein neues Betätigungsfeld, das sich in ihr Lebensziel der Toleranz und Versöhnung nahtlos einfügte. Seit 1950 war sie Mitglied in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. Bremen und übernahm 1968 bis 1976 deren Vorsitz. Mit unermüdlichem Engagement organisierte sie zahlreiche Veranstaltungen wie Gastvorträge jüdischer und christlicher Redner aus aller Welt und ökumenische Gottesdienste. 1970 fand das Konzert eines jüdischen Orchesters im Bremer Dom starke Beachtung; jüdische Psalmen in einer christlichen Kirche – das war etwas ganz Neues. Als Mitglied der Gesellschaft beteiligte sie sich 1967 und 1968 an der Betreuung der aus dem Ausland angereisten jüdischen Zeugen in zwei Holocaustprozessen vor dem Bremer Schwurgericht. Hieraus entstanden langjährige Freundschaften.

Auch danach blieb sie nicht müßig: Sie engagierte sich 1972 für die Wiederwahl Willi Brandts, sie hielt Vorträge, schrieb Leserbriefe, reiste nach Italien, Griechenland und Israel.

Überregionales Aufsehen erregte 1965 ihre Ablehnung des Bundesverdienstkreuzes, das ihr für ihr Eintreten gegen Antisemitismus im 3.Reich und für die christlich-jüdische Versöhnung verliehen werden sollte. Aber in der ihr eigenen Bescheidenheit wollte sie nicht für etwas geehrt werden, das sie „für ihre Christenpflicht“ hielt.

Im Stadtteil Obervieland wurde 1996 die Elisabeth-Forck-Str. nach ihr benannt.

Publikationen:
Heyn/Forck, Quellenbuch zur Kirchengeschichte 1931
Festschrift 40 Jahre Kleine Helle 1956
Rückblick, Bremen 1978

Anmerkungen:
[1] s.auch: Tusnelde Forck

Literatur und Quellen:
van Dijk, Lutz: Oppositionelles Lehrerverhalten 1933-1945. Weinheim 1988, S.179-200
Koch, Diether: Die Haltung der St. Stephani-Gemeinde in Bremen zum Antisemitismus und zu ihren Gliedern jüdischer Herkunft nach 1933. In: de Buhr, Hermann; Küppers, Heinrich; Wittmütz, Volkmar (Hrsg.): Kirche im Spannungsfeld von Staat und Gesellschaft. Köln 1993, S.291-320
Reich, Marion: Elisabeth Forck, Ich tat nur meine Christenpflicht, Aus dem Leben der Bremer Pädagogin, Oldenburg 2015

Marion Reich