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Forck, Tusnelde

3.5.1897 in Seehausen bei Bremen – 2.9.1972 in Bad Schwartau

Die ältere Schwester von Elisabeth Forck kam als Fünfjährige nach Bremen, wohin die Familie übersiedelte, um der großen Kinderschar bessere Bildungsmöglichkeiten zu bieten. 1903 trat sie in das Lyzeum von Hedwig Kriebisch ein, das sie 10 Jahre lang besuchte. Eine enge Bindung an die Familie ließ sie zunächst im Hause bleiben.

Sie war für den Vater, dem sie sich besonders nahe fühlte, eine treue Organistin in seiner Zeit als Krankenhauspfarrer. Bei der Mutter erlernte sie die Hauswirtschaft und wählte dann aus Freude an dieser Tätigkeit den Beruf einer Hauswirtschaftslehrerin, auf den sie sich von 1917 bis 1919 am Seminar des Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsvereins (FEAV) vorbereitete. Zunächst arbeitete sie als Küchenleiterin der Tageserholungsstätte Kattenturm, dann in einem Arzthaushalt in Remscheid. Im Juli 1921 wurde sie als Hauswirtschaftslehrerin an der Mädchenpflichtfortbildungsschule in Bremen angestellt.

In der Bekenntnisgemeinde Alt-Stephani-Süd, der sie sich wie ihre beiden Schwestern angeschlossen hatte, betreute Tusnelde die Nähstube und wurde bei der Verteilung der instandgesetzten Kleidung als „sozial erfahrene Person“ gehört. Für die vor der Deportation stehenden jüdischen Familien der Gemeinde hatte sie im Oktober 1941 einige warme Sachen ausgewählt, die von der Gemeindehelferin in die Häuser gebracht wurden. Aus diesem Grunde wurde sie nach dem Abschiedsgottesdienst für die „Judenchristen“ mit 14 anderen Gemeindemitgliedern vorübergehend verhaftet und in einem Dienststrafverfahren gegen sie zunächst eine Verwarnung ausgesprochen. Diese Maßregelung, die nichts weiter als eine Aufforderung beinhaltete, künftig jegliche Unterstützung von Juden zu unterlassen, wurde aber wieder zurückgezogen und ihr Fall zusammen mit der Dienststrafsache gegen die ebenfalls involvierten Lehrerinnen Maria Schröder, Hedwig Baudert und Anna Dittrich erneut aufgenommen. Das Verfahren endete für Tusnelde F. relativ glimpflich mit einer Geldstrafe in Höhe eines Monatsgehalts und Zurücksetzung bei der Beförderung. Ihr wurde zugutegehalten, dass sie sich nicht persönlich zu den jüdischen Familien begeben hatte. Ihre Vorgesetzten hatten sich mit hervorragenden Beurteilungen ihrer fachlichen und menschlichen Qualitäten an ihre Seite gestellt, und so jeden Zweifel an ihrer staatstreuen nationalen Gesinnung zerstreuen können.

Nach ihrem gesundheitlich bedingten frühzeitigen Ausscheiden aus dem Dienst im Jahre 1952 beschäftigte sie sich, die schon während ihrer Zeit in der Schule als Expertin für Familienforschung gegolten hatte, mit der Geschichte der bremischen Pastorengeschlechter seit der Reformation. Unterstützt wurde diese Arbeit durch einen Forschungsauftrag der kirchengeschichtlichen Kommission der Bremer Evangelischen Kirche. Ihr besonderes Interesse galt dem Verfasser zahlreicher Kirchenlieder Joachim Neander und dem Organisten an St. Stephani, Lüder Knoop, dessen musikalisches Werk sie wiederentdeckte.

Es war ihr nicht vergönnt, ihr umfangreiches Vorhaben zum Abschluss zu bringen. Die von ihr zusammengetragenen Unterlagen füllen 10 Aktenordner bei der Gesellschaft für Familienforschung Maus, bei der sie lange Jahre ihre Arbeitsstätte gehabt und ihre Sprechstunden abgehalten hatte.

Publikationen:
Unveröffentlichte Hinterlassenschaft: Zur Bremischen Pastorengeschichte, StaB D-G XIX d2b I-X (Maus),(L)

Literatur und Quellen:
Mackeben, Michael: Auswirkungen des Kirchenkampfes auf die St.Stephani-Gemeinde 1933-45, StAB U 270
Meyer-Zollitsch, Almuth: Nationalsozialismus und evangelische Kirche in Bremen, Bremen 1985
Müller-Benedict/Ammann: Bremer Pfarrerbuch, Bd.1, Bremen 1990

Elisabeth Hannover-Drück