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Gallwitz, Sophie Dorothea

30.3.1864 in Wernigerode – 30.12.1948 in Fischerhude

Sophie Dorothea war die Tochter des Pastors Carl Gallwitz (1828-1879) und seiner Frau Marie, geb. Götze (1836-1888). Sie hatte sich in München zur Opernsängerin ausbilden lassen und lebte seit 1907 in Bremen, wo sie sich bald als Musikkritikerin einen Namen machte.

Befähigt mit Scharfsinn und großem schriftstellerischen Talent – den Sängerinnenberuf hatte sie 1901 aufgegeben – arbeitete sie in drei Büchern die Geschichte Bremens auf, was der Nicht-Historikerin und Nicht-Bremerin manche strenge Kritik einbrachte. Die teilweise berechtigten Vorwürfe der Ungenauigkeit und der Unwissenschaftlichkeit schienen sie jedoch nicht zu beeindrucken, war es ihr doch gelungen, die bremische Geschichte, Landschaft und Tradition sowie die Eigenheiten der Bevölkerung anschaulich, spannend und auch für die heutige Leserschaft ansprechend und amüsant darzustellen.

Als Herausgeberin der von Ludwig Roselius (1874-1943) gegründeten ersten Bremer Kulturzeitschrift „Die Güldenkammer“ ist es ihr zu verdanken, dass sie auf Paula Modersohn-Becker aufmerksam machte. Sie veröffentlichte 1913, sechs Jahre nach deren Tod, ca. 50 Briefe und Tagebucheintragungen und rückte die Künstlerin damit in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und von Ludwig Roselius. 1927 finanzierte und beauftragte er den Bau des ersten Museums für eine Malerin weltweit, das Paula Becker-Modersohn Haus in der Böttcherstraße. Für den überregionalen Bekanntheitsgrad Paula Modersohn-Beckers sorgte sie mit Artikeln in der Zeitschrift der bürgerlichen Frauenbewegung „Die Frau“ und mit dem 1917 erschienenen Werk „Eine Künstlerin. Briefe und Tagebuchblätter von Paula Modersohn-Becker“, das noch bis 1957 verlegt wurde.

Als Verehrerin der Worpsweder Künstlerkolonie gab sie 1922 die Jubiläumsschrift „Dreißig Jahre Worpswede. Künstler, Geist, Werden“ heraus. In ihrem Beitrag malte sie ein romantisches Gesamtbildnis von Künstlern, Künstlerdorf und Landschaft. Überschwängliche und manchmal verklärende Worte sind ihre sprachlichen Mittel. Die Auswirkungen der Novemberrevolution von 1918 auf Worpswede erschienen ihr in ihrer bürgerlichen Sichtweise dabei eher als Störung der Idylle denn als Konsequenz des Krieges. Sie analysierte zwar Heinrich Vogelers (1872-1942) Politisierung und grundlegende Persönlichkeitsveränderung vom bürgerlichen Schöngeist zum Kommunisten, hielt ihn aber nach wie vor für einen romantischen Träumer, dem jeder Realitätssinn fehle. Sie zog daraus den Schluss, dass Künstler in einer politischen Partei eine „Absurdität“ wären. Bereits 1919 hatte sie sich mit der Revolution in Bremen und den Rollen Heinrich Vogelers und Carl Emil Uphoffs (1885-1971) auseinandergesetzt. In ihrer bürgerlichen Verurteilung war sie damals noch viel vehementer.

Sie war als Kulturjournalistin eine erstklassige Kennerin musikalischer und literarischer Werke, was sie zu fundierten Kritiken und Aufsätzen befähigte, die in der Güldenkammer, im Bremer Tageblatt und in den Bremer Nachrichten veröffentlicht wurden. Diese Kritiken der Jahre 1911 bis 1916 sind Zeugnisse ihres Sachverstands, ihrer Belesenheit, Intelligenz und journalistischen Begabung. Sie gab sich jedoch nicht mit der bloßen Publikation ihrer Meinung zufrieden, sondern artikulierte ihr kulturpolitisches Anliegen in den 1919 von Wilhelm und Wera Tidemann gegründeten „Literarischen Privatkursen“, aus denen 1924 unter Sophie Dorothee G.s Beteiligung die „Neue Vortragsgesellschaft“ hervorging. Diese bot für einen Kreis literarisch und philosophisch Interessierter Kurse und Vorträge an. Sie machte sich hier um die Weiterbildung der Teilnehmenden auf kulturellem Gebiet verdient.

Zu ihrem in jeder Hinsicht umfangreichen literarischen Schaffen gehört eine Vielzahl von Artikeln, in denen sie Stellung nahm zur Frauenfrage. Allein in der Zeitschrift Die Frau erschienen zwischen 1904 und 1941 fast 40 Artikel. Sie analysierte scharfsinnig und in brillanten Formulierungen die Lebensumstände, Erziehung und rechtliche Situation der bürgerlichen Frauen und forderte Bildung und Berufstätigkeit für die Frau. Außerdem verfasste sie eindrucksvolle Lebensbilder Betty Gleims (1781-1827) und Cosima Wagners (1837-1930) und untersuchte die Haltung von Männern gegenüber Frauen anhand von Werken von zehn Dichtern. Die „schwerste Pflicht“ der Frau sah sie im „Verzichtleisten auf vollen Anteil am Leben“ und erkannte ihren „Lebenshunger“ als „Anstoß“ zur Emanzipation.

Sie gehörte während der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu den herausragenden Persönlichkeiten des Bremer Kulturlebens, das sie bereicherte und inspirierte. Sie blieb bis ins hohe Alter eine aktive und produktive Frau. Seit der Zerstörung ihrer Wohnung Am Wall im 2.Weltkrieg, die sie mit ihrer Freundin Margarete Wolff bewohnt hatte, lebte sie in Fischerhude. Auch dort führte sie ein offenes Haus, in dem „geistige Begegnungen, Leseabende und immer erregende Diskussionen“ stattfanden.

Publikationen:
Briefe und Tagebuchblätter von Paula Modersohn-Becker, Hannover 1917
Der Worpsweder Kommunismus in Bremen, in: Müller, Peter/ Breves, Wilhelm: Bremen in der deutschen Revolution vom November 1918 bis zum März 1919, Bremen 1919
Dreißig Jahre Worpswede. Künstler, Geist, Werden, Bremen 1922
Der alte Baron, Wilhelmshaven 1924
Das schöne Bremen. Die Lebensgeschichte einer Stadt, Bremen 1925
Lebenskämpfe der alten Hansestadt Bremen, Jena 1926
Der neue Dichter und die Frau, 1927
Bremen wie es ist und wie es wurde. Ein Kulturführer für Fremde und Einheimische, Bremen 1929
Die bremische Pädagogin Betty Gleim. 1781-1827, in: Bremer Nachrichten 13.12.1931
Frauen in Bremens Kultur in älterer und neuerer Zeit, in: Bremer Nachrichten 11./12.4.1934
Das Schicksal ruft. Ein Lebensbild von Cosima Wagner, Leipzig 1938
weitere Artikel in Bremisches Jahrbuch Bd.40, Bremen 1941
Jakob Burkhardt: Eine Auswahl, Reinbek 1946

Literatur und Quellen:
König, Johann-Günther: Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981
Seekamp, Hans-Jürgen, in: Bremische Biographie, Bremen 1969
Weser Kurier 8.1.1941.

Christine Holzner-Rabe