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Gleim, Betty

13.8.1781 in Bremen – 27.3.1827 in Bremen

Betty wuchs in einem angesehenen großbürgerlichen Haushalt in einer intellektuell anregenden Umgebung auf. Die Eltern – der Vater war Weinhändler und die Mutter, von der nur gesagt wird, sie sei klug und weltoffen gewesen – förderten ihre Tochter entsprechend ihrer Begabungen.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution waren auch in ihrem Elternhaus zu spüren. Es fanden Diskussionsabende statt und sie kam mit den Schriften der großen Philosophen in Berührung. Sie bildete sich selbst. Da der Vater kränkelte und das Familienvermögen schwand, beschloss sie Lehrerin zu werden. Sie erarbeitete sich die Grundlagen der Pädagogik praktisch und theoretisch.

Sie besuchte die bekanntesten Erziehungsinstitute und studierte sorgfältig Pestalozzi, der zu ihrem Vorbild wurde. 1805 gründete sie – unter wohlwollender Billigung der bremischen Obrigkeit – ihre Höhere Lehranstalt für Mädchen. Hier sollten die Mädchen in die Lage versetzt werden, durch qualifizierte Bildung ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten und einen eigenen beruflichen Weg zu finden. Sie lehnte es als ebenso lächerlich wie absurd ab, alle Mädchen auf eine künftige Rolle als Gattin, Mutter und Hausfrau hin zu erziehen, wo doch nicht alle Gattin, Mutter oder Hausfrau würden oder auch gar nicht werden wollten. „Tausende sind Opfer dieses Wahns geworden“, schrieb sie: „Tausende sind in dem Unmuth über eine ganz verfehlte Bestimmung in voller Untüchtigkeit und Unthätigkeit trostlos zugrunde gegangen, haben ein Leben hingeschleppt, das kein Leben ist.“[1]

1806 wurde die Schule am Spitzenkiel eröffnet und hatte 1812 vier Klassen mit insgesamt 80 Schülerinnen. Der Unterricht war so gestaltet, dass die Mädchen bei einem breiten Fächerangebot, u.a. mit den für Mädchen überflüssig erachteten Fächern wie Geographie und Physik, die Möglichkeit hatten, ihre Fähigkeiten auszuloten und ihren Interessen auf die Spur zu kommen.

Trotz Lob und Anerkennung für ihre Arbeit gab es auch Schwierigkeiten mit den Eltern der Schülerinnen. Insbesondere ihre Freundin, Madame Auburtin, geriet in die Kritik. Betty G. beugte sich jedoch nicht dem Ansinnen, sich von ihrer Mitarbeiterin zu trennen und gab die Leitung der Schule an Luise Köhler ab. Nach einjähriger Bildungsreise in England gründete sie 1816 erneut eine Bildungsanstalt für Mädchen in Elberfeld. Auch diese Schule gab sie wegen Zwistigkeiten auf, die wiederum in Zusammenhang mit Madame Auburtin entstanden waren. Da die Möglichkeiten einer Erwerbstätigkeit nachzugehen begrenzt waren, trennten sich die beiden Frauen schließlich. Betty G. lernte in der folgenden Zeit in Frankfurt a.M. und München zeichnen und die Kunst der Lithographie.

1819 bewarb sie sich in Bremen um eine Konzession zur Betreibung einer Lithographieanstalt in der Bornstraße. Sie wollte Mädchen und Frauen eine handwerkliche Berufstätigkeit eröffnen, um damit Unabhängigkeit vom Elternhaus zu ermöglichen und eine Alternative zur Ehe aufzuzeigen. Dieses Ansinnen war wohl so ungeheuerlich, dass die Bremer ihre Töchter nicht zu ihr schickten. Sie musste die Lithographieanstalt aufgeben.

So gründete sie im Oktober 1819 erneut eine Mädchenschule. Ihre neue Mitarbeiterin war Sophie Lasius, die ihre Freundin wurde. Über die Beziehung wird gesagt, sie sei von engster Vertrautheit gewesen. In den Armen ihrer Freundin starb Betty Gleim im März 1827 nach langer Krankheit und körperlichem Erschöpfungszustand.

Sie hat neben ihrer praktischen Unterrichtstätigkeit eine Reihe pädagogischer Werke verfasst, in deren Zentrum – in Auseinandersetzung mit den Theorien und Methoden Pestalozzis – „Die Erziehung und Unterrichtung des weiblichen Geschlechts“ (1810) stand. Außerdem veröffentlichte sie eine Grammatik für Mädchen (1810), eine Anleitung zur Übung in der Declamation (1809/1810) und Gedanken über Stilübungen (1814). Mit diesen Werken erreichte sie den Anschluss an die zukunftsweisenden Gedanken über Erziehung und Bildung der damaligen Zeit. Hinter ihren Bildungsforderungen, in der Kopplung von religiöser Bindung und humanistischer Haltung, stand das Recht der Frau auf Selbständigkeit in ihrer Lebensgestaltung und die Pflicht, dem Leben einen ernsthaften Inhalt zu verleihen.

In Bremen wurde sie lange Zeit nur im Hinblick auf ihr Kochbuch lobend erwähnt. Sie hatte es einst verfasst, um zu beweisen, dass sich höhere geistige Interessen durchaus mit hausfraulichen Tätigkeiten verknüpfen lassen. Es wurde ein unglaublicher Erfolg – ganz Bremen buk, briet und kochte nach Betty Gleim – und erlebte viele Neuauflagen bis in die heutige Zeit. Alle anderen Werke – außer „Die Erziehung und Unterricht des weiblichen Geschlechts“, das 1899 neu aufgelegt wurde – sind praktisch vergessen.

An der Bismarckstr. 307 ist das Kinder- und Familienzentrum Betty-Gleim-Haus nach ihr benannt.

Publikationen:
Erziehung und Unterricht des weiblichen Geschlechts, Bremen 1810 (L)
Lesebuch zur Uebung in der Declamation, Bremen 1. Teil 1809, 2. Teil 1810
Fundamentallehre oder Terminologie der Grammatik der deutschen Sprache, Bremen 1810
Erzählungs- und Bilderbuch zum Vergnügen und zur Belehrung der Jugend, Bremen 1810
Was hat das wiedergeborne Deutschland von seinen Frauen zu fordern? Bremen 1814
Randzeichnungen zu dem Werke der Frau von Stael über Deutschland, Bremen 1814
Einige Gedanken über Stilübungen, Bremen/Leipzig 1814
Bremisches Kochbuch, Bremen 1814
Rechtfertigungen einiger Begriffe der Fundamentallehre, Bremen 1815

Anmerkungen:
[1] Gleim 1810, S.78/79

Literatur und Quellen
Allgemeine Deutsche Bibliographie, Bd. 49, Berlin 1971.
Cyrus, Hannelore: Von gelehrigen Frauenzimmern, in: Diskurs 8, Bremen 1984.
Drechsel, Wiltrud Ulrike: Betty Gleim, in: Renate Meyer-Braun (Hrsg.): Frauen Geschichte Bremen, Schriftreihe der Wissenschaftlichen Einheit. Frauenstudien und Frauenforschung an der Hochschule Bremen, Band 3, Bremen 1991.
Drechsel, Wiltrud Ulrike: Höhere Töchter. Zur Sozialisation bürgerlicher Mädchen, Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens, Heft 21, Bremen 2001, hier: Betty Gleim und ihre Theorie der Bildung von 1810, S.33–42.
Kippenberg, August: Betty Gleim – ein Lebens- und Charakterbild, Bremen 1882.
Meyer-Renschhausen, Elisabeth: Weibliche Kultur und soziale Arbeit. Eine Geschichte der Frauenbewegung am Beispiel Bremens 1810 – 1927, Köln/Wien 1989.
Stricker, Käthe: Betty Gleim, in: Bremisches Jahrbuch, Band 40, Bremen 1941.
Bildquelle: Focke-Museum Bremen, G.F.Schöner

Ingrid Pöppel