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Gottschalk, Hildegard Bertha Wilhelmine

1.3.1896 in Ortelsburg/Ostpreußen – 23.9.1990 in Bremen

Hildegard war das einzige Kind von Bertha und Friedrich Gottschalk, ihr Vater, von Beruf  Eisenbahnstationsassistent, wurde bald versetzt und so verlebte sie Kindheit und Jugend in Allenstein und Methgeten (Samland).

Nach dem Besuch des Lyzeums in Allenstein und Erhalt des Reifezeugnisses, das nicht zum Studium an einer Universität berechtigte, machte sie ab Ostern 1913 eine Ausbildung an einem Seminar für technische Lehrerinnen und bestand die Prüfung zur Hauswirtschafts- , Handarbeits- und Turnlehrerin. Danach zog sie von Ostpreußen nach Thüringen und arbeitete von Herbst 1915 bis Ostern 1916 zunächst als Praktikantin und anschließend bis 1920 als technische Lehrerin mit den oben genannten Fächern an einer Fortbildungsschule für Mädchen in Erfurt, anschließend ein Jahr an einer Volksschule und ein Jahr an einer Mädchenfortbildungsschule in Sömerda/Thüringen.

Da ihre Eltern gestorben waren und ihre einzige Verwandte in Bremen lebte, bewarb sie sich auf eine Anzeige in den Bremer Nachrichten dorthin. Am 1.4.1921 wurde sie in den bremischen Schuldienst eingestellt, und zwar in die gerade nach einem Probelauf neu eingeführte Hauswirtschaftliche Pflichtfortbildungsschule – zunächst als Hilfslehrerin und 1923 als technische Lehrerin. Diese einjährige Berufsschule war am 23.4.1920 auf Initiative der DDP-Abgeordneten, der Pädagogin Agnes Heineken, von der verfassungsgebenden bremischen Nationalversammlung einstimmig verabschiedet und am 30.4.1920 vom Senat als Gesetz verkündet worden. Der Besuch war Pflicht für alle Mädchen, die nach acht Jahren die Volksschule verließen und nicht auf eine höhere Schule übergingen. Es handelte sich um das sogenannte Bremer Jahr, das Mädchen neben ein wenig mehr Allgemeinbildung Kenntnisse und Fertigkeiten für ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter vermitteln sollte.

Vierzig Jahre war sie im bremischen öffentlichen Dienst im Bereich hauswirtschaftliche Berufsschulbildung tätig. In den letzten Jahren vor 1945 wurde sie offenbar neben der hauswirtschaftlichen auch in der gewerblichen Berufsbildung eingesetzt. Denn im April 1941 wurde ihr die Anstellungsfähigkeit als Gewerbelehrerin bescheinigt, im November 1942 folgte die Ernennung zur Gewerbeoberlehrerin. Offenbar hatte ihr ein Disziplinarverfahren mit der Verhängung einer Geldstrafe in Höhe eines Monatsgehalts im Dezember 1939 nicht geschadet. Der Sachverhalt: Als die Nachricht im Kollegenkreis kursierte, in Kürze würden alle Nicht-NSDAP-Mitglieder im öffentlich Dienst ihre Stelle verlieren, hatte eine Kollegin gesagt: „Wenn das das Ausland erfährt!“, woraufhin sie erwidert hatte: „Das muss das Ausland erfahren!“ Diese Äußerung gereichte ihr im Gegenteil in gewisser Weise sogar zum Vorteil. Das Personalamt der Gauleitung Weser-Ems, Abteilung politische Beurteilungen, beschied nämlich, dass diese Bemerkung wie auch ihre NS-kritische Einstellung vor 1933 zeige, dass sie wegen politischer Unzuverlässigkeit für einen Einsatz als Hauswirtschaftslehrerin in den neuen Ostgebieten nicht geeignet sei. Es wäre deutlich, dass ihr „eine innere Beziehung zum Nationalsozialismus fehlt.“[1] Eine entsprechende Aufforderung zum Osteinsatz hatte sie bereits erhalten und sich mit dem Hinweis auf ihre Verpflichtung, sich um ihre kränkliche Verwandte kümmern zu müssen, dagegen gewehrt.

Als sich 1945 der Wind gedreht hatte, war ihr dieser Vorfall natürlich ebenfalls von Vorteil. Als politisch nicht belastet – sie war nie „PG.“ gewesen, nur auf Druck hin für kurze Zeit im NSV tätig gewesen und Mitglied des NS-Lehrerbundes geworden – wurde sie von der amerikanischen Militärregierung Anfang 1946 als Gewerbeoberlehrerin zugelassen. Bildungssenator Paulmann berief sie im August 1946 in einen Ausschuss, der Schulbücher auf ihre Genehmigungsfähigkeit für den Unterricht hin prüfen sollte. Sie machte rasch Karriere, wurde 1946 zunächst kommissarische Leiterin, im Juli 1947 Direktorin der Berufsschule für Hauswirtschaft, einer Pflichtschule für die schulentlassene weibliche Jugend bis zum 18.Lebensjahr, sofern die sich noch nicht für eine bestimmte Berufsausbildung entschieden hatten. Im März 1953 wurde sie in eine höher dotierte Planstelle eingewiesen. In der Begründung heißt es, sie leite die Einrichtung „mit besonderem organisatorischen und pädagogischen Geschick“ und habe sich um den Wiederaufbau der hauswirtschaftlichen Berufsausbildung in der Nachkriegszeit besonders verdient gemacht.[2] Später wurde sie zur Oberstudiendirektorin befördert.

Im Mai 1946 unterschrieb sie mit anderen Kollegen und Kolleginnen einen Aufruf zur Gründung einer „Lehrerorganisation“ und gehört damit zu den Gründerinnen des Vereins Bremer Lehrer und Lehrerinnen, der späteren Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie wurde Mitglied in dessen ersten Vorstand. Ein Jahr später war sie Teil der Bremer Delegation, die im Januar 1947 zur ersten Vertreterversammlung des überlokalen Deutschen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes in Detmold reiste. Dass sie sich in der neuen Organisation sehr für die Rechte der Kolleginnen einsetzte, zeigt u.a. ihr vehementer Protest im Juni 1949 gegen die Unterbezahlung der weiblichen Lehrkräfte. Auch dass die Lehrerinnen stets adäquat im Vorstand der Gremien vertreten waren, war ihr wichtig.[3]

Die Anerkennung, die sie als starke Persönlichkeit genoss, mag in ihren Augen sicherlich auch ein Stück Anerkennung für die Sparte Berufsschulwesen bedeutete haben, die neben den allgemeinbildenden Schulen im öffentlichen Ansehen leicht ins Hintertreffen zu geraten pflegte. Es ging ihr aber nicht bloß um Imagehebung, sondern es war ihr ein echtes bildungspolitisches Anliegen, den hohen Stellenwert der hauswirtschaftlichen Erziehung für Familie und Gesellschaft zu verdeutlichen. Unermüdlich tat sie das in allen ihr zugänglichen Medien und Organisationen: im Bremer Frauenausschuss, im Rundfunkrat, dem sie zwei Jahrzehnte angehörte, im Personalrat Schulen, in Fachzeitschriften, in der Bremer Tagespresse und in öffentlichen Vorträgen. Ein Problem kann man heute allerdings darin sehen, dass ihr Bildungskonzept vom Fortbestand der herkömmlichen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ausging. Die Zielgruppe ihrer hauswirtschaftlichen Berufsbildung waren ausschließlich junge Frauen. Die Neue Frauenbewegung gab es zu ihrer Zeit eben noch nicht. Der Umzug der Berufsschule für Hauswirtschaft aus den bisherigen Provisorien in das 1954 eingeweihte Bremer Berufsschulzentrum, das mit amerikanischen Geldern errichtet worden war, bereitete ihr eine große Freude.

Nach Erreichen der Altersgrenze ging sie am 1.4.1961 in Pension, blieb aber in vieler Hinsicht aktiv. So nahm sie noch als Frau von weit über siebzig am Kampf gegen die Mozarttrasse und damit gegen die Zerstörung des Ostertorviertels teil. Als Anwohnerin des Ostertorsteinwegs, sie bewohnte eine Eigentumswohnung im Haus Nr.58, fühlte sie sich persönlich betroffen, trat in Einwohnerversammlungen als Sprecherin von Arbeitsausschüssen auf und wurde im März 1976 als eine der drei Vertreterinnen der Gruppe der Hauseigentümer in den gesetzlich vorgesehenen Betroffenenbeirat gewählt. [4]

Sie starb 1990, eine „Frau von ungewöhnlicher Tatkraft“,[5] hoch betagt im 95.Lebensjahr.

Anmerkungen:
[1] Schreiben der Gauleitung Weser-Ems vom 2.3.1942, Personalakte StAB 4,111 Pers.-1813 Bl.83.
[2] Personalakte Bl.127.
[3] Vgl. hierzu Romina Schmitter, Frauen in der GEW, in: GEW (Hrsg.): Vorwärts. S.189 ff.
[4] WK 14.9.1973.
[5] „Hildegard Gottschalk wird heute 90 Jahre alt“ WK 1.3.1986.

Literatur und Quellen:
Personalakte StAB 4, 111 Pers 1813.
Schmitter, Romina: Frauen in der GEW, in: GEW (Hrsg.): Vorwärts. Nicht vergessen, was die GEW bewegt, Bremen 2013, S.189-192.
dies.: Bildung und Ausbildung, in: Bremer Frauen in der Weimarer Republik, StAB (Hrsg.), Bremen 1987, S.65-104.
Todesanzeige ohne Angabe der Quelle in: Kurzartikel über Hildegard Gottschalk von Hannelore Cyrus, in: Cyrus, Hannelore u.a. (Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, Bremen 1991, S.213.
Weser Kurier digitales Zeitungsarchiv.
Wulff, Hinrich: Geschichte und Gesicht der bremischen Lehrerschaft, Bremen 1950, Bd.2, S.140.
ders.: Schule und Lehrer in Bremen. Geschichte des Vereins Bremer Lehrer und Lehrerinnen in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Bremen 1960, S.41f., S.54 und S.62.

Renate Meyer-Braun