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Harms-Holloway, Gertrud, (gen, Trudel) geb. Harms

10.4.1916 in Bremen – 1976 in Bethesda, Maryland USA

Gertrud war die jüngste von sechs Töchtern der Bremer Kaufmannfamilie, die ihr Geschäft als „Harms am Wall“ führte. Ihr Vater war Louis Adolf Wilhelm Harms (1872-1941), ihre Mutter Caroline Auguste Frieda, geb. Herms (1878-1964), stammte ebenfalls aus einer Kaufmannsfamilie der Textilbranche.

Sie studierte an verschiedenen Universitäten, in München, Würzburg und Berlin sowie in Griechenland und Italien Kunstgeschichte, Archäologie, Geschichte und Philosophie. Mehrere Jahre lang unternahm sie ausgedehnte kunsthistorische und archäologische Studienreisen in Europa, Nordafrika, der Türkei und Syrien.

Ihr Studium beendete sie 1941 mit der Promotion und arbeitete ab 1942 zunächst in Berlin im Bereich der Denkmalpflege, leitete dort die Bibliothek und war für die Gestaltung des Zentralblatts der Bauverwaltung zuständig. Danach arbeitete sie noch in der Verwaltung des Finanzministeriums. Sie schrieb für Zeitschriften, nahm, so gut das während des Krieges ging, am kulturellen Leben teil und spielte selbst in einem Quartett Cello und Klavier. In der NSDAP oder in einer der ihr angeschlossenen Organisationen war sie nicht.

1946 kehrte sie nach Bremen zurück, wo es ihr nur schwer gelang, beruflich Fuß zu fassen. Sie unterrichtete stundenweise als nebenamtliche Lehrkraft bei schlechter Bezahlung in befristeten Stellen das Fach Kunstgeschichte an verschiedenen allgemeinbildenden Schulen sowie an der Fachschule für Frauenberufe und der Volkshochschule. Mit einer Vorlesungsreihe an der Staatlichen Kunstschule hatte sie wenig Glück.

So mochte ihre Entscheidung, 1947 in die BDV (Bremer Demokratische Volkspartei), später FDP, einzutreten, neben innerer Überzeugung auch etwas mit Hoffnung auf günstige Kontakte zu tun gehabt haben. Sie wurde im selben Jahr als Kandidatin für die im Oktober 1947 stattfindende Bürgerschaftswahl aufgestellt und auch gewählt. Als Abgeordnete wurde sie Mitglied der Deputation für Kunst und Wissenschaft und der Jugenddeputation.

Als Ende 1949 die Stelle eines Oberregierungsrats für Kunst und Wissenschaft ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich, ermuntert von führenden Vertretern der bremischen Kulturszene und unterstützt von bremischen Frauenverbänden. Sie hatte Erkundigungen über die beiden in die nähere Wahl genommenen männlichen Bewerber, beide von außerhalb Bremens, eingeholt. Als Mitglied der Deputation für Kunst und Wissenschaft war ihr das möglich. Sie mochte sich Chancen ausgerechnet haben angesichts ihrer höheren Qualifikation, ihrer besseren Kenntnisse der bremischen Verhältnisse und wegen ihrer politisch unbelasteten Vergangenheit, die zumindest einer der beiden männlichen Bewerber nicht vorweisen konnte. Sie erhielt jedoch eine Absage.

Im April 1951 fand sie eine Anstellung als „wissenschaftliche Hilfsarbeiterin“[1] im Focke-Museum, die jedoch zunächst bis Ende März 1952 befristet war. In dieser Position arbeitete sie die während des Krieges ausgelagerte Museumssammlung auf und kuratierte erste Ausstellungen in der Unteren Rathaushalle.

Nach der Bürgerschaftswahl im Herbst 1951 setzte sie ihre Abgeordnetentätigkeit fort und wurde auf einen der beiden Vizepräsidentenposten der Bürgerschaft gewählt. Sie arbeitete in den Deputationen für allgemeinbildende Schulen und für innere Verwaltung mit. Dort sowie im Plenum galt sie als engagierte Debattenrednerin. Außer im Parlament trat sie im Rahmen sogenannter Bürgerversammlungen, die in den Nachkriegsjahren regelmäßig im Rathaus durchgeführt wurden, an die Öffentlichkeit. Dort hielt sie Vorträge zu verschiedenen Themen von allgemeinem Interesse, so u.a. über die Frage, ob in Bremen eine Universität gegründet werden sollte.

Bemerkenswert ist ihr parlamentarischer Einsatz für Entgeltgleichheit von Frauen und Männern. Anlässlich einer Haushaltsdebatte in der Stadtbürgerschaft im Oktober 1952 kritisierte sie die ungleiche Eingruppierung einer Kindergärtnerin in leitender Position und deren männlichen Nachfolgers. Dieser wurde mit einer Gehaltstufe höher eingestuft als seine Vorgängerin, obgleich beide die gleiche Tätigkeit mit gleicher Verantwortung ausgeübt hatten bzw. ausübten. Ähnliches sei wiederholt vorgekommen, so die Abgeordnete. Sie forderte nun nicht kategorisch: „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, sondern lediglich eine Prüfung der Frage, ob nicht in Einzelfällen bei Vorliegen gleicher Verantwortung Kindergärtnerinnen gehaltsmäßig männlichen Erziehern gleichzusetzen seien. Ihr Antrag wurde angenommen und an das Jugendressort überwiesen. Das Ergebnis der Prüfung ist nicht bekannt. Das Thema „Equal Pay“ ist bekanntlich auch heute noch aktuell.

Zum 1.3.1953 kündigte sie ihre Stelle beim Focke-Museum und schied gleichzeitig aus dem Parlament aus. Denn sie wollte aus Bremen fortziehen, um im Ausland zu heiraten. Den Amerikaner Jerome Knight Holloway, zu der Zeit Vizekonsul in Hongkong, hatte sie offenbar in Bremen durch Kontakte zu amerikanischen Stellen kennengelernt. Sie lebte mit ihm in Hongkong, wo ihre drei Kinder geboren wurden. Das Paar unternahm viele Reisen, z.B. nach Japan und Indochina und ließ sich später in den USA in einem kleinen Ort in der Nähe der Hauptstadt Washingtons nieder, wo die ehemalige Bremer Politikerin, knapp 60jährig, starb. Sie wurde in Bremen beigesetzt.

Anmerkungen:
[1] So im Arbeitsvertrag vom 19.4.1951, StAB 4,111-Pers. 2068.

Literatur und Quellen:
Borkowski, Beate, in: Buchelt, Andrea (Hrsg.): Frauen im Aufbruch, Bremen 2011, S.68-71
Meyer-Braun, Renate: Harms-Holloway, Gertrud, in: Cyrus, Hannelore u.a. (Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, Bremen 1991, S.300 f.
Schwarzwälder, Herbert: Das Große Bremen-Lexikon, Bremen 2003
StAB 4, 111-Pers. 2068, Personalakte Dr. Gertrud Harms
StAB Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft, Stadtbürgerschaft 1. Oktober 1952, S.351 f
WK 30.12.1955, WK 14.2.1976

Renate Meyer-Braun