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Heineken, Theda Johanna Helene, geb. Karbe

17.9.1907 in Breslau – 31.3.1993 in Würzburg

Theda, die Nichte der bedeutenden Bremer Pädagogin Agnes Heineken, war einziges Kind des Diplomingenieurs Dr. Werner Karbe und seiner Ehefrau Johanna Elisabeth, geb. Heineken. Von Ostern 1913 an besuchte sie Höhere Mädchenschulen in Worms am Rhein, Neustadt in Mecklenburg, Ludwigslust, Wandsbek bei Hamburg, Bremen und ab 1921 die Studienanstalt für Mädchen am Lerchenfeld in Hamburg, wo sie 1926 ihr Abitur ablegte. Von 1926 bis 1930 studierte sie in Hamburg und Bonn Mathematik, Physik und Sport und arbeitete vom August 1926 bis zum 16.10. desselben Jahres als Volontärin und einzige weibliche Arbeitskraft in einem Eisenwerk bei Hamburg. 1930 bestand sie das Erste, 1933 das Zweite Staatsexamen für das Lehramt an Höheren Schulen.

Im Mai 1935 heiratete sie den Landwirt Friedrich Heineken aus dem niedersächsischen Landkreis Hadeln, bekam am 5.3.1936 einen Sohn – Fritz Heineken –, wurde aber schon im Oktober 1936 wieder berufstätig: zunächst an einer Privatschule, dann als Hauslehrerin in einem Jugendheim in Wyk auf Föhr. Vom 1.12.1938 bis zum 8.9.1940 war sie im Hauptlaboratorium der Dynamit AG Krümmel in Geesthacht bei Hamburg tätig. Die Ehe war inzwischen geschieden worden.

Ihre Bremer Zeit begann noch vor dem Ende des 2.Weltkrieges. Am 20.4.1945 bewarb sie sich um eine Stelle im Bremer Schuldienst und kam siebeneinhalb Monate darauf zur Mädchenschule Kippenberg, Ostern 1948 zur Oberschule in Aufbauform an der Hamburger Straße. Nach ihrer Ernennung zur Beamtin auf Lebenszeit am 7.6.1951 begann ihr beruflicher Aufstieg von der Studien- zur Oberstudienrätin (21.4.1953) und am 1.12.1959 zur Oberstudiendirektorin und Leiterin des Gymnasiums an der Kirchheide in Lesum, wo sie im Juli 1972 ehrenvoll verabschiedet wurde. Sie führte noch eine Mathematikklasse des 12. Jahrgangs zum Abitur, um danach zu ihrem Sohn nach Würzburg zu ziehen. Dort starb sie im Jahre 1993.

Dass sie als junge Frau Mathematik und Physik studierte – Sport war ihr Nebenfach – hing wohl weniger mit dem Beruf des Vaters als damit zusammen, dass sie diese Fächer im Abitur mit der Note „sehr gut“ abschloss. Außerdem entschieden sich in der Weimarer Zeit Absolventinnen von Mädchenschulen sehr viel häufiger für ein mathematisch-naturwissenschaftliches Studium als Schülerinnen der damals seltenen, später dominierenden Schulen mit Koedukation. Auch bescheinigte ihr das Zeugnis der Dynamit AG Krümmel die entsprechende praktische Kompetenz. So habe sie „Analyseverfahren…völlig selbständig“ geprüft, eine Röntgenanlage gewartet, „in der sie die Belichtungszeiten für die Aufnahme sehr schwierig aufzunehmender Objekte festlegte,“ und „übernahm im Labor die Wartung und Durchführung physikalisch arbeitender Analyseverfahren.“[1]

Sie hat sich schon früh politisch engagiert. Bis 1933 war sie Mitglied der Staatspartei bzw. der früheren Deutschen Demokratischen Partei. 1937 trat sie in die NSDAP ein, wurde aber 1938 wegen mangelnder Parteizuverlässigkeit aus dem Schuldienst entlassen. Wie sie im April 1946 in der Anlage zum Personalfragebogen der amerikanischen Militärbehörde (17.2.1946) schrieb, habe sie „seit August 1943…keine Beiträge mehr bezahlt“ und „die Aufforderung, wieder dazuzugehören und Beitrag zu bezahlen, mehrmals abgelehnt“. Aber „eine offizielle Austrittserklärung habe“ sie „nicht abgegeben.“[2]

Trotz ihrer langjährigen Mitgliedschaft in der NSDAP war sie schon ab 4.12.1945 in den bremischen Schuldienst eingestellt worden. Eine endgültige Entscheidung bekam sie erst mit dem Urteil des „öffentliche(n) Kläger(s) bei der Spruchkammer Bremen“ (19.4.1948). Danach galt sie weder als Hauptschuldige noch Belastete, sondern als Deutsche, die vom Gesetz „zur Befreiung von Nationalismus und Militarismus vom 9.5.1947…nicht betroffen“ sei. Allerdings wurde sie nicht wegen ihrer nachgewiesenen Distanzierung von nationalsozialistischer Partei und Ideologie, sondern „wegen geringen Einkommens und Vermögens“[3] entlastet. Für das Urteil der Spruchkammer, weniger ihre Begründung, spricht die Tatsache, dass Theda H. sich unmittelbar nach Kriegsende und vor ihrem beruflichen Aufstieg in frauenpolitischen-, gewerkschaftlichen und liberalen Organisationen engagierte: Sie war Mitglied des 1946 gegründeten Bremer Frauenausschusses (BFA), des Dachverbandes bremischer Frauenorganisationen, und arbeitete dort im Arbeitskreis für staatsbürgerliche Erziehung; sie gehörte zu den fünf Frauen und acht Männern, die am 22.5.1946 zur Gründung einer Lehrergewerkschaft aufriefen, dem Verein Bremer Lehrer und Lehrerinnen (VBLL), seit 1948 Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft genannt (GEW), und war von 1948 bis 1972 die 2.Vorsitzende im stadtbremischen Ortsverband. Darüber hinaus gehörte sie seit 1950 zu drei Ausschüssen, dem Gewerkschafts-, Politischen und Frauenausschuss, und war – zusammen mit dem 1.GEW-Vorsitzenden Paul Goosmann – beratendes Mitglied der Schuldeputation, ein Recht, an dessen Durchsetzung sie maßgeblich beteiligt war.

Auch in der FDP, deren Kreisverband Bremen-Nord sie seit 1961 angehörte, arbeitete sie in verschiedenen Ausschüssen, war – einstimmig gewählt – seit 1963 Mitglied im Vorstand und kandidierte – allerdings auf chancenlosen Listenplätzen – für die Bürgerschaftswahlen 1963 und 1971. Am wichtigsten aber war ihr Einsatz für die Erhaltung des bekenntnismäßig nicht gebundenen Unterrichts in Biblischer Geschichte, der zwar durch die Bremer Landesverfassung (Art. 32) und das Grundgesetz (Art. 141) – „Bremer Klausel“ – garantiert war und ist, aber nach Forderungen vor allem bremischer Katholiken durch konfessionellen Religionsunterricht ersetzt werden sollte.

Hintergrund ihrer vielseitigen und intensiven politischen Aktivitäten war ihr reformpädagogisches Engagement. Schon die Studienassessorin wurde für ihre „modernen Methoden“ wie „Gruppenunterricht“ und Erziehung zur „Selbsttätigkeit“ sogar behördlicherseits gelobt.[4] Entsprechend war sie eine der ersten Lehrkräfte in Bremen, die sich für eine Oberstufenreform nach dem Buxtehuder Modell einsetzten, das seit 1966 als Schulversuch an einer niedersächsischen Schule durchgeführt wurde. Als Direktorin des Gymnasiums Lesum begann Theda Heineken schon 1967 – und damit zwei Jahre vor der offiziellen Anerkennung des Modells durch das Kultusministerium in Niedersachsen – mit der Realisierung der dort geforderten „Demokratisierung der…Unterrichtsform“ und „Schulverfassung.“[5] Die Klassenverbände der Jahrgänge 12 und 13 wurden durch thematisch gebundene Kurse, die Klassenlehrer durch von den Jugendlichen zu wählende Tutoren ersetzt; an die Stelle des traditionellen Frontalunterrichts trat die Gruppenarbeit. Statt der Schülermitverwaltung (SMV), der nach 1945 eingeführten Schulverfassung, gab es den nach Lehrkräften, Lernenden und Eltern quotierten und periodisch gewählten Gemeinsamen Ausschuss (GA) sowie die von den Oberstufenschülerinnen gewählte Vollversammlung (VV), die – abgesehen von Leistungsbewertung und Personalangelegenheiten – die Aufgaben der Gesamtkonferenz der Lehrkräfte übernahm und mit einer Zweidrittelmehrheit Beschlüsse fassen konnte. Außerdem verfolgte Heineken die Einführung einer Gesamtschule, indem sie sich für den Zusammenschluss der Grundschule am Mönchshof, der Realschule an der Hindenburgstraße und des Gymnasiums am Steinkamp zum Schulverbund Lesum wie auch für den koedukativen Unterricht einsetzte. Natürlich lösten diese Reformen heftige bildungspolitische Kontroversen aus. Trotzdem blieb Theda Heineken erfolgreich und bei ihrer Verabschiedung im Juli 1972 wurde sie dafür geehrt, dass sie die „Schule in unruhiger Zeit auf Reformkurs (steuerte).“[6]

Aber die Anerkennung ihrer Leistungen kam nicht nur von Eltern, Bildungsbehörde und Lehrergewerkschaft; auch die Schüler und Schülerinnen dankten ihr, und zwar „besonders dafür, daß sie es standhaft verhindert hatte, einem Jugendoffizier Einlaß in die Schule zu gewähren.“[7]

Im Dezember 1998 wurde – auf Vorschlag des Burglesumer Beirats – ein Weg zur Straße An Knoops Park nach Theda Heineken benannt.

Anmerkungen:
[1] StAB 4,10 Akz.37-16, Bl.12.
[2] ebda. Bl.37.
[3] ebda. Bl.49.
[4] ebda. Bl.57.
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Buxtehuder_Modell, letzter Zugriff am 31.1.2015.
[6] Norddeutsche Volkszeitung 19.7.72.
[7] ebda.

Literatur und Quellen:
Bremer Lehrerzeitung (BLZ) 1960 Nr.9, S.128; 1964 Nr.3, S.50.
http://de.wikipedia.org/wiki/Buxtehuder_Modell, Zugriff am 31.1.2015.
Norddeutsche Volkszeitung 19.7.1972.
Personalakte Theda Heineken StAB 4,10 Akt.37-16.
Sammlung Wulff StAB 7,30-37.
Wulff, Hinrich: Schule und Lehrer in Bremen, Bremen 1966.

Romina Schmitter