Artikel

Heinemann, Hilda, geb. Ordemann

15.9.1896 in Bremen – 5.5.1979 in Essen

Hilda war die Tochter des Bremer Getreidekaufmanns Johann Anton Ordemann (1864-1926) und seiner Frau Bertha Johanna (1864-1941), geb. Rohr, sie hatte drei Geschwister: Gertrud (geb.18.7.1894), Marie Margarethe (geb.21.4.1895) und Carl Conrad (geb.6.6.1900). Die Eltern waren überzeugte Christen.

Sie besuchte die Schule von Anna Vietor (1860-1929), die damals als beste Bildungsanstalt für Mädchen in Bremen galt, und anschließend die Ausbildungsstätte der Mathilde-Zimmer-Stiftung in Kassel. Mit der Höheren-Töchter-Bildung gab sich Hilda jedoch nicht zufrieden, sondern sie bereitete sich ab 1916 in privaten Studien in Mathematik, Latein und Griechisch auf die Aufnahme in die Unterprima des Alten Gymnasiums (damals an der Dechanatstraße) vor. Dort bestand sie 1918 das Abitur. Ab 1921 studierte sie in München zwei Semester Deutsch und Geschichte, weitere acht Semester Religion (bei Rudolf Bultmann), Geschichte und Deutsch in Marburg, um Studienrätin zu werden. 1926 bestand sie ihr Staatsexamen.

1922 lernte sie den Gerichtsreferendar Gustav Heinemann (1899-1976) kennen, den sie 1926 heiratete. Sie zogen nach Essen, wo Gustav H. eine Tätigkeit als Justitiars der Rheinischen Stahlwerke aufnahm. Das Ehepaar bekam drei Töchter und einen Sohn: Uta (geb.1927), Christa (geb.1928), Barbara (geb.1933) und Peter (geb.1936).

Hilda H. war aktive Christin, sie besuchte regelmäßig den Gottesdienst in der Kirchengemeinde Essen-Altstadt. Über ihre Schwester Gertrud, verheiratete Staewen, lernte das Ehepaar H. den Schweizer Theologen Karl Barth kennen, der sie stark beeinflusste. Wie dieser lehnten die Heinemanns jeden Nationalismus und Antisemitismus entschieden ab. Während der Zeit des Nationalsozialismus setzten sie und ihr Mann sich für die Bekennende Kirche ein, dazu gehörte – zusammen mit anderen – auch die geheime Vervielfältigung von Informationsschriften wie die „Grünen Blätter“ oder „Briefe zur Lage“, Informationsblätter über die Ereignisse in den Gemeinden, im Keller des Heinemann-Hauses. Treffen wurden als harmlose Verabredungen – wie z.B. Klavierspielen – getarnt, tagsüber wurde der Raum als Spielzimmer der Kinder benutzt.

Durch Gustav H. wurde Hildas Interesse für politische Probleme geweckt. „Es gab und gibt in dieser Ehe mit vier Kindern keine Abhängigkeiten, sondern nur ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, beschrieb der jüngere Bruder Conrad Ordemann ihre vierzigjährige Ehe.

Schon in den ersten Kriegsjahren litt die Familie Heinemann unter den Bombenangriffen auf Essen, deshalb wurden die Kinder immer wieder für längere Zeit zu den Großeltern ins Sauerland gebracht. Im Frühjahr 1943 wurde ihr Wohnhaus vollständig zerstört.

1945 wurde Gustav H. von den Engländern als Oberbürgermeister in Essen eingesetzt. Als Gustav H. 1949 als Bundesinnenminister nach Bonn ging, blieb sie in Essen. Erst 1969 – als er Bundespräsident wurde – zogen die Heinemanns gemeinsam in die Villa Hammerschmidt.

Gustav Heinemann, von 1969 bis 1974 Bundespräsident, titulierte seine Frau einmal als „Staatssekretär ehrenhalber“ und bezog sich damit auf die vielfältige Arbeit, die sie – immerhin war sie beim Amtsantritt ihres Mannes bereits 73 Jahre alt – leistete und die weit über ihre repräsentativen Aufgaben als „First Lady“ hinausging. Die Verbesserung der Lebensumstände benachteiligter Randgruppen der Gesellschaft war ihr ein besonderes Anliegen, auch trat sie mit Energie gegen Menschenrechtsverletzungen in allen Teilen der Welt ein. Während ihrer „Amtszeit“ übernahm sie elf Schirmherrschaften, darunter die von Amnesty International Deutschland, die des Müttergenesungswerkes und des deutschen UNICEF-Komitees. Für die beiden letztgenannten Hilfsorganisationen setz(t)en sich die Präsidentenfrauen traditionsgemäß ein. Ebenfalls zur Tradition gehört(e) es, dass sie eine eigene Stiftung ins Leben rufen. Die 1970 gegründete Hilda-Heinemann-Stiftung, Wohnstätten Werk für geistig Behinderte, die die Eingliederung geistig behinderter Erwachsener in das Berufsleben fördert und moderne Wohnstätten einrichtet.

Neben ihrem sozialen Engagement erwies sie sich als Kunstkennerin und -liebhaberin. Sie lud Musiker, bildende Künstler, Literaten und Theaterleute ein und eröffnete eine Vielzahl von Ausstellungen, zwanzig Ausstellungen moderner Künstler allein in der Villa Hammerschmidt.

Sie war eine Frau, die sich durch Intelligenz und Bildung, durch menschliche Wärme und Anteilnahme am Schicksal anderer auszeichnete. Verlässlich und mutig trat sie für ihre Überzeugungen ein, wobei sie, der hanseatischen Art entsprechend, nach außen kühl und sachlich wirkte. Willy Brandt würdigte ihren Einsatz für soziale Gerechtigkeit, die „in unserem Volk herzliche Verehrung und dankbare Bewunderung“ begründet.

Ihr Nachlass befindet sich im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Viele Schulen und soziale Einrichtungen deutschlandweit sind nach Hilda Heinemann benannt und in Bremerhaven eine Straße.

Sogar eine Rose trägt ihren Namen.

Literatur und Quellen:
Abschied von einem Amt, das es gar nicht gab, Die Zeit 10.5.1974, S.4.
Bremer Nachrichten 7.5.1979.
Holzner-Rabe, Christine: Heinemann, Hilda. In: Cyrus u.a. (Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, Bremen 1991, S.459 ff.
Laudowicz, Edith: Bremer Frauenmuseum/Frauenporträts, Internetseite, Zugriff 20.9.2015.
Salentin, Ursula: Fünf Wege in die Villa Hammerschmidt, Freiburg 1984.
Weser Kurier 8./9.3.1969, 7.5.1979, 30.11.1990.

Christine Holzner-Rabe