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Henry-Hermann, Grete

2.3.1901 in Bremen – 15.4.1984 in Bremen

Als Clara Margarete ist sie geboren, Grete nannte sie sich selbst, mit ihrer Heirat nahm sie den Namen Henry an, nach ihrer Scheidung nannte sie ich Henry-Hermann.

Sie wuchs mit ihren vier Brüdern und zwei Schwestern in einem liebevollen, protestantisch und konservativ geprägten Elternhaus in der Bremer Neustadt auf. Ihr Vater Heinrich Hermann stammte aus Bremen, war zunächst Lloydoffizier, dann Teilhaber einer Norddeutschen Steingutfabrik, bis er 1921 sein bürgerliches Leben aufgab und Wanderprediger wurde, ihre Mutter Clara Auguste wuchs in einer vom Pietismus stark beeinflussten Familie in Siegburg auf.

Ihre Eltern legten großen Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder, gleich welchen Geschlechts. So machte sie 1920 am Neuen Gymnasium am Barkhof – als Mädchen noch eine Ausnahme – ihr Abitur und erwarb im Anschluss die Lehramtsbefähigung für Volks-und Realschulen. 1921 ging sie dann zum Studium nach Göttingen, später für zwei Semester nach Freiburg. Die Universität Göttingen war damals eines der mathematischen Zentren weltweit und ebenso führend in der modernen Physik. Sie studierte Mathematik, Physik und Philosophie und erlebte als Studentin den faszinierenden Wandel zu einer modernen Mathematik ebenso wie die frühen Jahre der Quantenphysik. Sie promovierte bei der berühmten Mathematikerin Emmy Noether über ein algebraisches Thema: „Die Frage der endlich vielen Schritte in der Theorie der Polynomideale unter Benutzung nachgelassener Sätze von Kurt Henzelt,“[2] eine Arbeit, die in den 1970er Jahren für die mathematische Informatik in der Algorithmentheorie eine praktische Bedeutung gewann. Am 25.2.1925 bestand sie ihr Doktorexamen mit „sehr gut“, im Dezember desselben Jahres das Staatsexamen für das Höhere Lehramt „Mit Auszeichnung“.

Philosophische Fragen gewannen im Laufe ihres Studiums an Bedeutung, Fragen der Ethik, das Problem der Willensfreiheit, die Bedingungen menschlicher Erkenntnis und wissenschaftstheoretische Fragestellungen. Sie nahm das Angebot des Philosophen Leonard Nelsons (11.7.1882 – 29.10.1927), der in der Tradition Immanuel Kants stand, einer Stelle als seine Assistentin an und wechselte zur Philosophie. Er hatte in Berlin, Heidelberg und Göttingen Philosophie, Theoretische Physik und Psychologie studiert. Sein philosophisches Werk umfasst Erkenntnistheorie, Ethik, Pädagogik, Pädagogik, Rechtslehre und Politik, das ihm gleichzeitig eine Verpflichtung zu politischer Tätigkeit war. Er beeindruckte viele Intellektuelle und Künstler seiner Zeit als Philosoph mit seinen politischen Überzeugungen, dem ethisch begründeten Sozialismus, seinem Eintreten gegen Nationalismus, Kriegsverherrlichung, gegen politische und soziale Ungerechtigkeiten und seinem pädagogischen Engagement.

Nach seinem frühen Tod 1927 bearbeitete sie seinen wissenschaftlichen Nachlass zusammen mit der Pädagogin Minna Specht, die ihre engste Freundin werden sollte. Zeitgleich wurde sie Mitglied des von ihm gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), einer pazifistischen sozialdemokratischen Organisation. Im Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit stand die Debatte um das Verständnis der neuen Physik, um die Interpretation der Quantenmechanik. Ihr besonderes Augenmerk galt der als Kopenhagener Deutung bekannt gewordenen Interpretation von Werner Heisenberg und Niels Bohr. Danach schienen die erkenntnistheoretischen Grundlagen bisheriger physikalischer Forschung nicht mehr gültig zu sein: „Die Voraussetzungen durchgängiger kausaler Naturgesetzlichkeit, die Vorstellungen vom räumlichen und zeitlichen Charakter des Naturgeschehens unter anderem, sie sind alle durch die Entwicklung der modernen Physik in Frage gestellt“[3], schreibt sie in ihrer Arbeit „Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis.“ Sie suchte den direkten Austausch mit Werner Heisenberg und war 1934 sein Gast am Theoretisch-Physikalischen Institut in Leipzig, Mit ihrer Antwort eines „Relativcharakters der Quantenmechanik“ konnte sie überzeugen. Für diese Arbeit erhielt 1937 den Richard Avenarius-Preis der sächsischen Akademie in Leipzig. Trotz dieser Anerkennung geriet sie bald in Vergessenheit und erst in den letzten Jahren wurden ihre Texte neu entdeckt.

Der politische Kampf gegen den Nationalsozialismus bestimmte zunehmend ihr Leben. Seit 1932 lebte sie in Berlin und arbeitete auch als Redakteurin der Tageszeitung des Internationalen Kampfbundes (ISK) Der Funke in Berlin. Sie hielt philosophische Kurse, die den Genossen, die im Widerstand arbeiteten, moralische und intellektuelle Unterstützung boten. Als Mitglied des ISK musste sie 1938 Deutschland verlassen und emigrierte über Paris nach London. Hier heiratete sie einen britischen Genossen: Edward Henry. Ihre kinderlose Ehe wurde 1966 geschieden. Als eines der führenden Mitglieder des ISK war sie von 1941 bis 1945 Mitglied des Exekutivkomitees der Union deutscher sozialistischer Organisationen und ab 1943 in der Kommission zur Ausarbeitung eines Aktionsprogramms für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands.

1946 kehrte sie bewusst in ihre alte, stark zerstörte Heimatstadt zurück – getragen von dem Wunsch, als Lehrkraft ein freiheitliches, demokratisches Deutschland mit aufzubauen, trat sie mit 46 Jahren ihre erste Stelle als Lehrerin an, war dann sehr schnell Dozentin am neu geschaffenen Pädagogischen Seminar in der Vegesacker Straße und übernahm 1947 die kommissarische Leitung der neu gegründeten Pädagogischen Hochschule. Sie hatte als „Gründungsrektorin“[4] den Auftrag, ohne rechtlichen Rahmen eine Konzeption der Hochschule zu erarbeiten und gleichzeitig zu unterrichten. Aus der Erfahrung des Nationalsozialismus wollte sie verantwortungsbewusste Lehrerpersönlichkeiten, die „selber die innere Freiheit und Zivilcourage besitzen, das eigene Urteil zu klären“ und wollte Studierende zu „sachlichem und friedlichem Zusammenarbeiten auch mit Andersdenkenden“[5] bewegen.

1950 trat sie von der Leitung zurück, blieb aber stellvertretende Rektorin. Sie wollte stärker als Hochschullehrerin arbeiten und wieder mehr Zeit der Forschung und der Politik widmen.

Schon 1946 war sie der SPD beigetreten, hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit aufgebaut und engagierte sich überregional in der Bildungspolitik. Auch hier wie in den anderen Gremien setzte sie sich für eine von Leonard Nelsons Pädagogik beeinflusst Bildung ein, die Neugier weckte, Denkräume öffnete und den jungen Menschen immer wieder Anstöße bot, sich zu selbstbewussten, gut gebildeten, eigenverantwortlichen und toleranten Persönlichkeiten zu entwickeln. Darüber hinaus war sie Mitglied des deutschen Ausschuss für Erziehungs- und Bildungswesen und sozialdemokratischer Kommissionen zur Vorbereitung des Godesberger Programms, des ersten Parteiprogramms der SPD.

Bis zu ihrer Pensionierung 1966 arbeitete sie als Professorin für Mathematik, Philosophie und Physik.

Grete Henry-Hermann sei nach Ansicht ihrer Studierenden ein Inbegriff der Toleranz gewesen und überzeugte durch ihre integre Haltung und ihr Engagement. Während ihrer Leitung war sie bemüht um ein hohes wissenschaftliches Niveau und eine fundierte pädagogische Qualifikation.

Sie sei eine wichtige Persönlichkeit für die SPD gewesen, urteilt Hans Koschnick, die insbesondere die Debatten um Bildung und Grundwerte mit prägte. 1961 übernahm sie den Vorsitz der Philosophisch-Politischen Akademie, die sich ausgehend vom wissenschaftlichen Werk Leonard Nelsons mit Fragen der Gestaltung einer vernunftorientierten und menschenwürdigen sozialen Gemeinschaft befasst. Philosophische Fragestellungen nahmen sie bis an ihr Lebensende in Anspruch. Sie starb im Alter von 83 Jahren.

Anmerkungen:
[1] Margarete Hermann, Grete Hermann, Grete Henry, Grete Henry-Hermann, StAB, Personalakte 4,111 Pers-2260.
[2] Die Frage der endlich vielen Schritte in der Theorie der Polynomideale. In: Mathematische Annalen 95 (1926), S.736-788.
[3] Hermann, Grete; May, E; Vogel, Th.: Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis. Drei mit dem Avenarius-Preis ausgezeichnete Arbeiten, Leipzig 1937, S.6.
[4] Hans Koschnick, Interview der Autorin vom 21.6.2011.
[5] Grete Henry-Hermann: Bericht über das erste Arbeitsjahr der Pädagogischen Hochschule in Bremen“, StAB 7,30-65.

Literatur und Quellen:
Erinnerungen an Leonard Nelson. In: Hermann, Grete: Die Überwindung des Zufalls, Hamburg 1985.
Kersting, Friederike: Die Mathematikerin, Physikerin und Philosophin Grete Henry-Hermann (1901 – 1984), Magisterarbeit, Universität Bremen 1995.
Kersting, Friederike: Grete Henry-Hermann. Physikerin und Philosophin auf Augenhöhe mit den Großen, in: Andrea Buchelt (Hrsg.): Katalog zur Ausstellung Frauen im Aufbruch. 100 Jahre bremische Wirtschafts- und Kulturgeschichte, Bremen 2011.
Kersting, Friederike: Prof. Dr. Grete Henry-Hermann in: Unispitzen. Professorinnen im Portrait. Katalog der Ausstellung Unispitzen. Universität Bremen / Arbeitsstelle Chancengleichheit 2011/2012.
StAB, Personalakte 4,111 Pers-260.

Friederike Kersting