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Hörmann, Martha Wilhelmine Auguste Caroline

27.2.1888 in Wulsdorf – 12.8.1971 in Bremerhaven-Wulsdorf

Martha war das älteste von sechs Kindern (vier Töchter, zwei Söhne) des Rektors einer Wulsdorfer Volksschule, Hinrich Hörmann, und seiner Frau Christiane, geb. Bertram. Nach der Volksschule besuchte sie in Geestemünde die Höhere Mädchenschule, bevor sie als 16jährige in die Landeshauptstadt Hannover ging, um dort die „Höhere-Töchter-Schule“, der eine Lehrerinnenbildungsanstalt angeschlossen war, zu absolvieren. Nach Beendigung ihrer Ausbildung unterrichtete sie zunächst von 1907-1908 an einer zweiklassigen Volksschule in Bardenfleth und legte am 1.2.1907 die Lehrerinnenprüfung ab. Doch bildungshungrig wie sie war, bereitete sie sich auf das Abitur vor, das sie 1910 ablegte, um Naturwissenschaften: Mathematik, Chemie und Biologie zu studieren.

Sie begann im Sommersemester 1910 mit ihrem Studium in Jena, wechselte nach München über, um letztlich in Jena ihre Examina abzulegen und ihre Studien im Wintersemester 1914/15 zu beenden. Als Lehramtskandidatin kehrte sie an die alte Schule in Geestemünde zurück. Weitere Stationen waren Lüneburg und Köslin, bevor sie sich 1918 an die Kleine Helle bewarb, in der eine Studienrätin mit ihrer Fächerkombination gesucht wurde. Der Leiter der Schule kam höchstpersönlich und hospitierte in ihren Unterrichtsstunden in Chemie, Mathematik und Biologie. Sie wurde engagiert und begann 1918 als Studienrätin an der Kleinen Helle. Besonders engen Kontakt gewann sie hier zu ihren Kolleginnen Dr. Johanne Lürssen, Dr. Marie Quincke, Dr. Martha Horneffer und Margarete Eggert. Zu diesem Kolleginnen- und Freundinnenkreis, der sich zum Gesprächskreis „Oase“ zusammenschloss und sich allmonatlich traf, gesellten sich auch Emmy Grave und Dr. Änne Disse. Es war eine illustre Pädagoginnenrunde, aus der außer Änne Disse alle zu Direktorinnen, Oberstudiendirektorinnen oder gar Schulrätinnen avancierten. Es wurden Schul- und Frauenfragen angesprochen, aber auch die brennenden Probleme der Zeit diskutiert. Denn die Frauen waren politisch interessiert, einige parteipolitisch gebunden. Martha H. gehörte der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an und äußerte sich an vielen Stellen ihrer Erinnerungen zu den aktuellen tagespolitischen Ereignissen. Sie hatte den Sieg der Parlamentarischen Demokratie über die Räterepublik begrüßt, „sagte innerlich Ja zur Weimarer Republik und trat für sie ein.“[1]

1921 kam ihre Schwester Else (1890-1941) nach Bremen, um mit ihr einen gemeinsamen Hausstand zu führen. Die beiden Schwestern arrangierten sich arbeitsteilig. Martha ging dem Broterwerb als Pädagogin nach und verdiente das Geld, das Else durch sorgfältige Haushaltsführung sicherte, so dass sich die beiden 1939 ein eigenes Haus in der Emmastraße 219 bauen lassen konnten.

Gemeinsame Interessen pflegten sie beim Singen im Philharmonischen Chor, für den sie auch Marie Quincke geworben hatte. Und gemeinsam wirkten sie auch ab 1926 in der „autarken Truppe“, der Kabarettgruppe des Lehrerinnenverbandes mit, unter der „genialen Meta E. Schmidt.“[2] Höhepunkte waren die alljährlich im Februar/März stattfindenden Feste, für die Meta E. Schmidt die Stücke schrieb und die jeweiligen männlichen Hauptrollen spielte. Else steuerte die Bühnendekorationen und Kulissen bei und wirkte als „Edelstatistin“ mit. Martha reimte insbesondere die Texte für die Nachfeiern, für die Else später auf braunem Packpapier Karikaturen der Feste und der Prominenz zeichnete, so dass diese Nachfeiern zu einem eigenständigen internen gesellschaftlichen Erlebnis wurden, insbesondere nach der Machtergreifung durch Hitler, als kein politisches Kabarett mehr erlaubt war.

Die Weimarer Zeit war, wie Martha H. konstatierte, „eine unruhige Zeit voller heißer Ansichtsauseinandersetzungen“. Aber sie gaben „den Frauen viele reizvolle Aufgaben und neue Möglichkeiten ihr Leben aufzubauen und zu gestalten.“[3] Die Machtübernahme Hitlers 1933 „bekamen die Frauen sehr schnell zu spüren“, schrieb sie. Margarete Eggert erhielt nicht mehr die Leitung des Lyzeums Janson. Am 8.6.1933 wurde Sara Agnes Heineken wegen „mangelnder patriotischer Gesinnung“ ihres Amtes enthoben. 1934 wurde Johanna Lürssen entlassen, weil eine Frau als Schulrätin nicht tragbar erschien. Sie notierte diese Tatsachen empört. Die Gleichschaltung auf allen Gebieten empfand sie als „grenzenlose Verarmung und Langeweile.“[4] Sie versagte sich der NSDAP[5] und wählte sie auch 1933 nicht, als ihr ein SA-Mann bei der „geheimen“ Wahl über die Schulter schaute. Sie gehörte wie viele Lehrerinnen aber dem NSV und NSLB[6] an. 1932 wurde sie Mitglied der Prüfungskommission für Lehrer und ab 1936 war sie Vorgutachterin für die Auswahl von Lehrbüchern im Fach Biologie.

Mit Entsetzen registrierte sie in ihren Erinnerungen die Überfälle auf die Tschechoslowakei, auf Polen, die Reichspogromnacht 1938, den Kriegsbeginn. 1941 starb ihre Schwester. Sie war nun allein mit ihrer 13jährigen Nichte, die seit Jahren in dem Haushalt lebte. Anne, von Martha H. später adoptierte, glitt vom „Kindsein sofort in das Hausfrausein“ hinüber, wie sie schrieb. Das Kind wurde ihr zum großen „Trost und Halt“ und seine „Fröhlichkeit“ tat ihr gut.[7] In der Nacht vom 25./26.4.1945 war auch in Bremen der Krieg zu Ende. Für sie war die Verteidigung Bremens „verantwortungslos“ gewesen. Doch nun stellte sie sich den Aufgaben der neuen Zeit.

Sie verabschiedete sich 1945 aus dem Kollegium der von ihr geliebten Kleinen Helle, um als Direktorin die Leitung des Vietor-Lyzeums zu übernehmen. Sie war eine beliebte und umsichtige Leiterin. 1953 trat sie in den wohlverdienten Ruhestand. Anlässlich ihres Ausscheidens aus dem Schuldienst hieß es in den Bremer Nachrichten: „Frau Hörmann war eine berufene Lehrerin. Über vier Jahrzehnte lang hat sie die Klassen unterrichtet, und bis auf den heutigen Tag sind ihre Schülerinnen ihr dankbar für ihr warmherziges Verständnis, ihre Güte, ihre nie ermüdende Geduld und die frische Lebendigkeit ihres Unterrichts, bewundernswert ist die Vielseitigkeit ihrer Interessen und ihres Könnens. Wenn es nötig war, gab sie beinahe in fast jedem Fach Unterricht und immer wurde ein lebendiges Ganzes von vielerlei Blickpunkten her entwickelt. … Die Vietorschule ist unter ihrer Führung sicher und stetig ohne jähen Kurswechsel in einen neuen Geist hineingewachsen.“[8]

„Ich bin Lehrerin gewesen und bin es gern gewesen“, schrieb sie als 80jährige in ihren Erinnerungen „50 Jahre Bremen“. In einem Nachruf im Weser Kurier hieß es: „Sie war glücklich in ihrem Beruf, wie es nur der sein kann, dem seine Arbeit wirkliche Erfüllung bedeutet.“[9]

Publikationen:
In der Staats- u. Universitätsbibliothek in Hamburg befindet sich im Nachlass Flittner eine Auswahl von Briefen von ihr, sie hatte ab 1935/36 eine Briefsammlung angelegt, deren Verbleib unbekannt ist.
Old Germany, Vorkriegskultur in Jena/München, aus Martha Hörmann Tagebüchern, abgetippt von Walter Fränzel, o.D.
Kurzchronik des Sera-Kreises in: Kindt, Werner, Jugendbewegung II – Die Wandervogelzeit, Düsseldorf 1968

Anmerkungen:
[1] Hörmann, S.11.
[2] ebda. S.19.
[3] ebda. S.14.
[4] ebda. S.10.
[5] Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.
[6] Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und Nationalsozialistischer Lehrerverband.
[7] ebda. S.8.
[8] BN 28.3.1953.
[9] WK 25.3.1953.

Literatur und Quellen:
Bremer Nachrichten 28.3.1953.
Interview der Verfasserin mit Anne Hörmann-Müller.
Martha Hörmann, 50 Jahre Bremen, Erinnerungen, Manuskript in Privatbesitz.
StAB 4.11 Pers.-2407.
Weser Kurier 5.3.1953.

Hannelore Cyrus (mit Ergänzungen)