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Hoffmann, Ottilie Franziska

14.7.1835 in Bremen – 20.12.1925 in Bremen

Ottilie wurde 1835 in Bremen im Ostertor geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Ludwig Otto Hoffmann und seine Ehefrau Friederike Franziska, geb. Horn. Sie wuchs in gut bürgerlichen Verhältnissen auf. Als ‚höhere‘ Tochter erhielt sie eine gute Schulbildung. Aus Tagebuchaufzeichnungen ist bekannt, dass sie nach einem besonderen Sinn im Leben strebte; sie wollte positiv in die Gesellschaft hinein wirken; Familie und Heirat waren nicht ihr Ziel. So erlernte sie den Lehrerinnenberuf und begann 1851 die Laufbahn als Lehrerin.

Von 1852-57 unterrichtete sie auf einer englischen Insel an einer Privatschule. 1862 kehrte sie nach Bremen zurück und widmete sich auch der Pflege ihrer kränkelnden Eltern. 1867 gründete sie mit Marie Mindermann den „Verein zur Erweiterung des weiblichen Arbeitsgebiets“ später „Frauen-Erwerbs- und Ausbildungs-Verein.“ Aber aufgrund der Pflege ihrer Eltern musste sie sich zunächst aus diesem Engagement wieder zurückziehen.

In den Jahren 1870 und 1871 starben ihre Eltern. Für sie begann eine neue Lebensphase, als sie 1881 erneut nach England ging: sie übernahm in der aristokratischen Familie Howard die Erziehung von zwei Töchtern. Über R.Howard, später Lady Carlisle, machte sie Bekanntschaft mit den Ideen der Mäßigkeits- und Abstinenzbewegung. Sie wurde mit den Folgen des Alkoholmissbrauchs besonders in der arbeitenden Bevölkerung konfrontiert. Der Alkoholmissbrauch überwiegend von Arbeitern führte zu sozialem Elend und zu Gewalt in der Familie, an Frauen und Kindern. Ottilie H. bewunderte das gesellschaftliche Engagement der Carlisles gegen die Trunksucht; sie erlebte ganz konkret, wie ehemalige Gaststätten zu Lese- und Teestuben umgewandelt wurden.

Auf diesem Hintergrund verpflichtete sie sich am 24.11.1882, dem Todestag ihrer Mutter, zur Totalabstinenz. Sie widmete sich nun mit aller Entschlossenheit dem Kampf gegen den Alkoholmissbrauch. 1874 wurde der Weltbund Christlicher Abstinenter Frauen gegründet. Damit war die Abstinenzbewegung Teil der Frauenbewegung des 19.Jahrhunderts. 1890 kehrte sie in ihre Heimatstadt Bremen zurück und landete mitten im gesellschaftlichen Geschehen. Beim Aufbau der großen Gewerbe- und Industrieausstellung in Bremen (1890/91) kam es zu etlichen Unfällen wegen Trunksucht. Sie baute deshalb spontan einen Kaffeeausschank auf dem Gelände auf. Am 12.2.1891 gründete sie den „Bremer Mäßigkeitsverein“, der 1915 umbenannt wurde in „Verein für alkoholfreie Speisehäuser.“ Sie konnte 1891 noch keinen reinen Frauenverein gründen. Erst am 17.6.1900 erfolgte die Gründung des Deutschen Bundes abstinenter Frauen, der 1924 in „Deutscher Frauenbund für alkoholfreie Kultur“ umbenannt wurde.

Ottilie H. wurde Vorsitzende sowohl des Mäßigkeitsvereins wie des Abstinenzvereins. In diese Zeit fiel die Einrichtung etlicher alkoholfreier Speisehäuser und „Milchhäuschen“, vornehmlich in Arbeiterstadtteilen: Schon 1901 wurde am Freihafen I ein Ausschank gegründet, die „Kaffee- und Frühstückshalle im Freibezirk“. Ab 5 Uhr morgens konnte man hier Kaffee bekommen. Das Haus schloss gegen 20.00 Uhr ausgenommen wenn Arbeiter, die Nachtschicht haben, noch später Erfrischungen wünschen.“

1910 und 1912 errichtete der Mäßigkeitsverein im Freihafen I und im Freihafen II jeweils ein „Milchhäuschen“. Mit ihnen konnte der Verkauf von frischer Milch im Hafengebiet enorm gesteigert werden. Gerade die Hafenarbeiter waren damals alkoholgefährdet und die zum Teil tödlichen Arbeitsunfälle stellten sich zumeist als Folge des Alkoholkonsums dar.

1910 wurde das Ottilie Hoffmann Haus „Weiße Schleife“ in der Neuenstraße 14/15 eröffnet. Es lag innenstadtnah im Geschäftsviertel des Faulenquartiers sowie im Einzugsbereich des damals proletarisch geprägten Stephaniviertels. Es war das erste Haus, das dem abstinenten Frauenbund gehörte. Ein Lese- und Spielzimmer wurden im Laufe der Jahre eingerichtet und eine kleine Bibliothek, in der es auch möglich war Bücher auszuleihen. In den erweiterten Räumen im ersten Stock bildete sich nach und nach eine Mittelstandsküche aus, während in den unteren Räumen mehr Essen für arme und verarmte Menschen ausgegeben wurden.

Während des 1.Weltkriegs wurden der Bremer Mäßigkeitsverein und die deutsche Ortsgruppe des Bundes abstinenter Frauen beauftragt, Mahlzeiten und Speiseanstalten für unversorgt gebliebene Frauen und Kinder in den Stadtteilen zu betreiben. Dazu nutzte er seine Einrichtungen. Er besaß 1915 neun Speisehäuser und zwei „Milchhäuschen“. Diese wurden für die Volksbeköstigung genutzt. Der Verein konnte noch 15 Küchen anderer Vereine für diese Aufgabe gewinnen. Außerdem oblag ihm die Kontrolle von Speise-, Brot- und Milchkarten. Im gesamten Kriegszeitraum wurden annähernd 9 Millionen Mahlzeiten ausgegeben.

Ottilie H. erwarb 1919 auf eigene Faust das Speisehaus in der Katharinenstraße 13, nachdem sie sich mit der Idee, auch ein gut bürgerliches Speisehaus mitten in der Stadt zu kaufen, in den Vereinen nicht durchsetzen konnte. Die weitere Entwicklung gab ihr Recht. Die Katharinenstraße wurde gut besucht und öffnete dem Verein weitere gesellschaftliche Kreise. So gab es dort auch Feste und Abiturfeiern. Aus den Jahresberichten des Vereins geht hervor, dass das Haus für gute Umsätze sorgte. Mit den Einnahmen konnte man sogar die in den Krisenzeiten eher defizitär laufenden ‚Ottilien‘ im Hafen stützen. Fast alle höheren Schulen halten ihre Abschiedsfeiern und Klassentage bei uns ab, bei denen unsere alkoholfreien Bowlen stets reißenden Abgang finden. Neben dem großen Festsaal haben wir noch drei große schöne Speiseräume; im zweiten Stock liegt das Lesezimmer, an dieses schließt sich der leider nicht sehr große Dachgarten an, auf den wir bei gutem Wetter Liegestühle stellen.“[1]

Sie kämpfte engagiert für Frauenrechte und mischte sich in gesellschaftliche Fragen und Probleme ein. Sie war an der Gründung des Bundes Deutscher Frauenvereine[2] beteiligt und wurde in den Bundesvorstand gewählt. Sie hielt Vorträge und beteiligte sich an internationalen Kongressen. Sie war energisch und durchsetzungsfähig. Sie bewies ihre Eigenwilligkeit auch bei der Benennung ihrer Nachfolgerin: sie entschied 1921, Anna Klara Fischer die Leitung beider Vereine zu übergeben, (des Mäßigkeitsvereins und des abstinenten Frauenbundes), allerdings ohne sie vorher gefragt zu haben.

Als sie 90jährig starb, waren in Bremen, aber auch weit über Bremen hinaus, die „Ottilien“ bekannte und beliebte Orte und Speisehäuser. Sowohl der Bremer Mäßigkeitsverein (Verein für alkoholfreie Speisehäuser) wie der Frauenbund für alkoholfreie Kultur konnten auf erfolgreiche soziale und vorsorgende Arbeit blicken. Bremen wurde auch durch Ottilie Hoffmann in der Welt bekannt: In Bremen hieß es „Wir gehen nach Ottilie!“

Ihr Grab befindet sich auf dem Riensberger Friedhof.

Im Bürgerparkviertel ist die Ottilie-Hoffmann-Straße nach ihr benannt, am Osterdeich gibt es ein Ottilie-Hoffmann-Haus (1926 eingeweiht), heute Café Ambiente und am Ostertorsteinweg (vor dem Café Engel) ist ihr zu Ehren ein Steindenkmal des Künstlers Jürgen Cominotto errichtet worden.

Anmerkungen:
[1] Vereinsbericht von 1932.
[2] BDF, 1894.

Literatur und Quellen:
Ahlers, Elsa: Ottilie Hoffmann, Bremen o.J.
Cyrus, Hannelore: Fräulein Ottilie Hoffmann – 100 Jahre Deutscher Frauenbund für alkoholfreie Kultur in Bremen, in: Eckler-von Gleich, Cecilie (Hrsg.): „Komm, wir gehen nach Ottilie“, Bremen 2000.
Planck, Mathilde: Ottilie Hoffmann, Bremen 1930.
Bildnachweis: Privatarchiv C. Eckler-von Gleich, Archiv des Deutschen Frauenbundes für alkoholfreie Kultur e.V. in Bremen.
Bildarchiv Kulturhaus Walle Brodelpott e.V. (Schleswiger Str.4), in dem alle Aufnahmen erfasst sind.

Cecilie Eckler-von Gleich