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Kirchhoff, Auguste Christine Louise, geb. Zimmermann

23.6.1867 in Ansbach – 12.7.1940 in Bremen

Auguste war die Tochter der evangelischen Caroline Eleonore Colonius. Ihr Vater, der freidenkende Justizrat Peter Zimmermann, war katholisch; er distanzierte sich später von der Kirche. In der Höheren Töchterschule, die sie 1884 mit 17 Jahren verließ, hatte sie Unterricht in Deutsch, Französisch, Englisch, Geschichte, Geographie, Physik, Naturgeschichte, Mathematik, Zeichnen, Singen und Turnen sowie Pädagogik erhalten – Wissensgrundlagen, die in diesen Kreisen für höhere Töchter schon recht anspruchsvoll waren.

Sie heiratete 1888 den Bremer Rechtsanwalt und Notar und späteren Senator Dr. Heinrich Kirchhoff und siedelte zu ihm nach Bremen über, zunächst in die Besselstraße 44. Einige Jahre verbrachte das Paar in Bremerhaven, dann in Bremen in der Roonstraße und ließ sich ab 1905 endgültig in der Graf-Moltke-Straße nieder. In der Zeit zwischen 1889 und 1905 gebar sie drei Töchter und zwei Söhne.

Auguste K. führte ein geselliges Haus. Sie liebte die Musik, gab Gesangstunden und konzertierte auf dem Klavier in privatem Rahmen. Ihre Soireen waren berühmt. Dabei unterstützte sie die Karriere ihres Mannes zum Amtsrichter, zum Mitglied des Landgerichts, schließlich zum Landgerichtsdirektor und 1907 seine Wahl zum Senator. Sie hielt ihm den Rücken frei und kümmerte sich um die Kinder und das Haus.

Doch mit wachem Interesse verfolgte sie das Zeitgeschehen. Sie sah gesellschaftliche Ungleichheit, nahm Unterdrückung, Not und Elend der unteren Schichten wahr und erkannte mit wachsendem Unmut die Benachteiligung von Frauen: politisch, rechtlich, wirtschaftlich und sozial. Ihr zunächst nur karitatives Engagement bei der Gründung eines Mütter- und Säuglingsheims für ledige Mütter und ihre unehelichen Kinder, gab sie zugunsten politischer Tätigkeit in linksliberalen Frauenorganisationen auf. Deren Mitgliedern ging es nicht um Wohlfahrt, sondern um Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Zu ihren Mitstreiterinnen gehörten auf nationaler und internationaler Ebene die bekanntesten Frauen der damaligen Zeit: Anita Augspurg, Minna Cauer, Lida Gustava Heymann, Helene Stöcker sowie Jane Addams und Aletta Jacobs.

1905 trat Auguste K. der bremischen Sektion des Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht bei; 1909 der bremischen Ortsgruppe des Bundes für Mutterschutz und Sexualreform. Beide Vereine arbeiteten eng zusammen.

Im Rahmen der Stimmrechtsbewegung kämpfte sie gegen das die oberen Schichten privilegierende Klassenwahlrecht und das sogenannte „Damenwahlrecht“ und forderte das allgemeine, gleiche, geheime und freie Wahlrecht für alle Menschen, Frauen und Männer aller Klassen. Sie wurde Beisitzende im Vorstand. Später – auf dem 1.Kongress des Deutschen Bundes für Frauenstimmrecht 1916 – hielt sie das Hauptreferat.

Im Bund für Mutterschutz und Sexualreform geißelte sie – zusammen mit Minna Bahnson, Rita Bardenheuer, und Adèle Schmitz  – die ungleiche Sexualmoral für Männer und Frauen und nahm sich der „Pariaklasse“ des eigenen Geschlechts an: der ledigen Mütter und Prostituierten. Sie forderte die rechtliche Gleichstellung der verachteten ledigen Mütter mit den verheirateten und der diskriminierten unehelichen Kinder mit den ehelichen und eröffneten drei Häuser für ledige Mütter und deren Kinder, u.a. in der Prangenstraße. Gegen den Vorwurf, dadurch der Unsittlichkeit Vorschub zu leisten, verwies Auguste K. auf die herrschende Doppelmoral: „Warum soll denn ein Fehltritt bei der Frau mit dem Ruin eines ganzen Lebens gestraft werden, während dem Mann bei gleichen Vergehen die ganze Welt mit ihren höchsten Ehrenämtern offensteht?“

Auch hielt sie es für selbstverständlich, dass die Entscheidung auf Abtreibung einzig von den betroffenen Frauen zu fällen ist.

Sie gründeten eine Beratungsstelle für hilfsbedürftige Frauen und Mütter und kämpfte gegen die hohe Säuglingssterblichkeit bei Arbeiterinnen, beklagte den „Raubbau mit der Mutterschaft“[1] als Verschwendung von Mutter- und Frauenkraft, Gesundheit und Leben. Im Unterschied zu anderen bürgerlichen Reformbewegungen setzte sie sich nicht nur für die Lösung sozialer Probleme ein, sondern forderte erstmals eine gesetzliche Mutterschaftsversicherung, Ruhezeiten und andere Schutzrechte für schwangere Arbeiterinnen. Es war nicht das erste Mal, dass sie – selber Mutter von fünf Kindern – sich so deutlich der allgemein vorherrschenden Meinung widersetzte.

Sie kämpfte gegen die Prostitution, nicht aber gegen die Prostituierten, die, anders als die von jeder Kontrolle und Sanktion befreiten Freier, in den „Schmutz getreten, misshandelt und ihrer Menschenwürde beraubt werden.“ In der gesellschaftlichen Entrechtung der Prostituierten sah sie eine Entwürdigung für alle Frauen und fragte: „Ist’s nicht auch ein Weib wie wir?“

Nach Ausbruch des 1.Weltkrieg kam eine weitere Aufgabe auf Auguste K. zu: Der Kampf für den Frieden. 1915 gründete sie gemeinsam mit anderen Frauen den Hausfrauenverein Bremen, der die Lebensmittelpreise gegen Wucher und Schwarzmarkthandel überwachen sollte. Als 1915 eine Gruppe Frauen aus verschiedenen Ländern zum Internationalen Frauenfriedenskongress nach Den Haag einlud, folgten Auguste K. und Adèle Sch. dieser Einladung gegen den Beschluss des Bundes Deutscher Frauenvereine, sich nicht daran zu beteiligen. Sie wussten sehr wohl, dass dies nicht ohne Konsequenzen bleiben würde, trotzdem nahmen sie die beschwerliche Reise auf sich.

Nachdem sie nach ihrer Rückkehr in den Bremer Nachrichten über den Kongress berichtet hatten, sahen sich beide Frauen vehementen Angriffen ausgesetzt: Lissy Susemihl-Gildemeister, Felicie Breyer und Marie Migault verfassten einen Protestbrief und organisierten eine Unterschriftensammlung, in dem den beiden Frauen Mangel an vaterländischer Gesinnung vorgeworfen wurde. Mehr als 100 Frauen unterzeichneten diesen Brief. Ottilie Hoffmann verweigerte die Unterschrift und trat mit einem eigenen Brief an die Öffentlichkeit. Sie bat, unterstützt von gleichgesinnten Frauen, auch eine andere „Ideenrichtung als die unsere gelten zu lassen, denn unfehlbar ist keine, und auf beiden Seiten ist nur Gutes gewollt.“[2] Auguste K. wurde der Zensur unterstellt und konnte sich nicht mehr öffentlich äußern. So erging es auch der im Kriegssommer 1917 von ihr verfassten Antikriegsschrift „Unsrer Kinder Land“. Sie wurde von der Zensur beanstandet und beschlagnahmt und durfte erst nach Beendigung des Kriegs erscheinen.

1919 – das allgemeine Wahlrecht war erstritten – konstituierte sich der deutsche Zweig der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Die „Liga“ wurde Auguste K.s geistige Heimat. Sie leitete die bremische Sektion bis 1933 und war auf der nationalen Ebene eine ihrer sieben Beauftragten.

Im Rahmen der Liga, die ab 1920 auch in Bremen als radikal-liberale politische Gruppierung argwöhnisch beobachtet wurde, unterzeichnete sie viele Anträge an die deutsche Regierung mit. Sie wandte sich gegen nationalen und internationalen Chauvinismus, erkannte früh die Gefahren, die von dem aufkommenden Antisemitismus ausging, sah mit Sorge auf den aufkommenden Nationalsozialismus und schrieb sich in engagierten Aufsätzen ihre Angst vor einem Giftgaskrieg von der Seele. Sie nahm an Versammlungen und Kongressen gegen den Krieg auch außerhalb Bremens teil. Sie trat für eine Aussöhnung mit Frankreich und für eine Erziehung zur Friedfertigkeit ein: „Neue Werte müssen Gemeingut aller werden, Selbstverständlichkeiten, die in der Jugend gewachsen und groß geworden sind. Das kann der Staat aber nicht vertrauensvoll dem Elternhaus überlassen, das muß er durch die Schule selbst in die Hand nehmen, und dazu bedarf es einer gründlichen Reform unseres Schulwesens. … Dann wird vor allem auch an Stelle von Drill und äußerer Dressur in unserem Schulwesen, die als charakterbildende Faktoren doch gänzlich ausscheiden, wirkliche Erziehung treten müssen, Erziehung, die durch Freiheit Verantwortungsgefühl weckt und deren Ziel gerade, aufrechte Persönlichkeiten sind, die selbstdenkend, nicht nachbetend, der Außenwelt und ihren Erscheinungen gegenüberstehen.“[3]

1922 organisierte sie den Jahreskongress der IFFF in Bremen. Unter dem Motto „Nie wieder Krieg“ wurde 1923 trotz Demonstrationsverbot eine öffentliche Kundgebung durchgeführt, auf der sie als einzige Frau eine Rede hielt. Die Liga setzte sich bis zum 2.Weltkrieg für Abrüstung und Frieden ein.

1933 – nach der Machtergreifung durch Hitler – wurden alle Vereine aufgelöst, in denen sie tätig war, und die IFFF verboten. Sie musste erleben, dass sich ihre schlimmsten Befürchtungen im Hinblick auf Naziherrschaft und Krieg bewahrheiteten. Ihre couragierte Stimme verstummte.

Sie zog sich in den Schutz und in die Abgeschiedenheit ihrer Familie zurück. Doch ihre letzten Lebensjahre wurden schwer: 1929 verlor sie ihren Mann. Um ihre finanziellen Probleme zu lösen, nahm sie Mieter ins Haus. Sie erlitt einen Zusammenbruch und musste bis zum Lebensende betreut werden. Als sie 1940 im Alter von 73 Jahren starb, wurde sie weithin unbeachtet in aller Stille beigesetzt. Ein Hinweis auf ihr politisches Engagement war nicht opportun. So weist sie auch der Familiengrabstein auf dem Riensberger Friedhof nicht als Frauenrechtlerin für die Emanzipation aller Frauen, nicht als Demoration im Kampf gegen Nationalsozialismus, Imperialismus, Rassismus und Antisemitismus und nicht als kämpferische Pazifistin für Frieden und Freiheit aus, sondern als treue Honoratiorengattin, Ehefrau eines Senators ohne eigene politische Lebensleistung wie die Mutter und Tante von Auguste Kirchhoff, die auch auf dem Grabstein in gleich großen Lettern verewigt sind.

Im Bremer Stadtteil Schwachhausen ist seit 1956 die Auguste-Kirchhoff-Straße nach ihr benannt.

Anmerkungen:
[1] Holzner-Rabe, Christine: Von Gräfin Emma und anderen Em(m)anzen, Bremen 2004.
[2] BN 30.5.1915
[3] König, S.177f.

Literatur und Quellen:
Cyrus, Hannelore, Verena Steinecke: Ein Weib wie Wir?! Auguste Kirchhoff, Bremen 1989.
Cyrus, Hannelore, in: Behrens, Verena/Menger, Gisela (Hrsg.): Starke Frauen, Bremen 2014, S.179-197.
Cyrus, Hannelore u.a. (Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, Bremen 1991.
Holzner-Rabe, Christine: Von Gräfin Emma und anderen Em(m)anzen, Bremen 2004.
König, Johann-Günther: Die streitbaren Bremerinnen. Bremen 1981, S.107-185.
Wottrich, Henriette (Hrsg.): Auguste Kirchhoff: „Mensch sein heißt Kämpfer sein“, Bremen 2004.

Hannelore Cyrus