Artikel

Landwehr, Wilma, geb. Mahlstedt

5.1.1913 in Bremen – 8.8.1981 in Bremen

Wilma war die Tochter einer Arbeiterfamilie in Bremen-Walle. Nach dem Besuch der Reformschule an der Schleswiger Straße und einem Jahr an der hauswirtschaftlichen Berufsschule begann sie mit 15 Jahren eine Tätigkeit als Fabrikarbeiterin in der Tabakindustrie. Sie engagierte sich gewerkschaftlich und war daneben, schon seit den Tagen ihrer Schulzeit, im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands aktiv. Dort lernte sie Heinrich Landwehr kennen, den sie 1930, als Siebzehnjährige, heiratete. 1932 ging sie nach Breslau, wohin ihr Mann, der kommunistische Jugendfunktionär, versetzt worden war, und arbeitete dort als Angestellte des Kommunistischen Jugendverbandes.

Ende 1933 emigrierte sie nach Moskau und folgte damit ihrem Mann, der schon vorher dorthin beordert worden war. Nachdem das Ehepaar politisch in Ungnade gefallen war, mussten sie zwei Jahre lang unter härtesten Bedingungen in einer Stadt am Don Fabrikarbeit leisten. Ihr Mann wurde wegen angeblicher Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten verhaftet, woraufhin sie – noch in der Sowjetunion – aus dem Kommunistischen Jugendverband austrat. Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 wurde ihr Mann von den Sowjets an die Gestapo ausgeliefert. Wilma Landwehr hatte einen Antrag auf Rückführung nach Deutschland gestellt. Sie traf im Spätsommer 1939 in Bremen ein, wo wenige Tage nach ihrer Ankunft ihre kleine Tochter starb. Ihr Mann kehrte kurz darauf ebenfalls in die Hansestadt zurück, wo er sich ständig bei der Gestapo zu melden hatte. Wie ihr Leben in Bremen bis 1945 im Einzelnen verlief, ist nicht bekannt. Sie arbeitete während des Krieges als Feinmechanikerin und später als Angestellte bei den Atlas-Werken, wo sie unter anderem im Verkehr mit den russischen Zwangsarbeitern als Dolmetscherin eingesetzt wurde.

Nach Kriegsende trat sie ebenso wie ihr Mann in die SPD ein und wurde dort sofort sehr aktiv. Im Distrikt Ostertor leitete sie die Frauengruppe; den Vorsitz der gesamten SPD-Frauengruppe im Lande Bremen übernahm sie 1963 nach dem Tode von Anna Stiegler. In den 50er Jahren war sie Mitglied des SPD-Unterbezirksvorstandes. Beruflich arbeitete sie seit 1949 als Büroangestellte im öffentlichen Dienst. 1947 kandidierte sie für die Bürgerschaft, fiel bei der Wahl zwar knapp durch, gelangte aber im Jahre 1950 als Nachrückerin in das Bremer Landesparlament. Bei den nächsten fünf Wahlen wurde sie stets wiedergewählt. 1971 kandidierte sie nicht wieder, da sie sich der Pflege ihres schwer kranken Mannes widmen wollte, der ein Jahr zuvor nach langjähriger Tätigkeit als Sekretär der SPD-Landesorganisation in den Ruhestand getreten war. Sie pflegte ihn aufopferungsvoll bis zu seinem Tod im Jahre 1974. Sie gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten in der SPD-Bürgerschaftsfraktion der 50er und 60er Jahre. Alles andere als eine Hinterbänklerin, war sie eine engagierte Debattenrednerin, deren politischer Schwerpunkt in der Schulpolitik lag. Sie arbeitete während der gesamten Zeit ihrer parlamentarischen Tätigkeit in der Deputation für allgemeinbildende Schulen mit und war in den letzten Jahren deren Sprecherin. Sie kämpfte hartnäckig, wenn auch schließlich vergeblich, für den Erhalt der verbindlichen sechsjährigen Grundschule, die 1949 als Teil der Schulreform in Bremen eingeführt worden war. 1955 wurde sie von den Sozialdemokraten als Zugeständnis an die Koalitionspartner FDP und CDU zugunsten der vierjährigen Grundschulpflicht aufgegeben.

Ende der 60er Jahre arbeitete sie in dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Baulandaffäre mit, in die der ehemalige SPD-Fraktionsvorsitzende Richard Boljahn verwickelt war. Auch im Parlamentsausschuss zur Erarbeitung eines Hochschulgesetzes, der die Gründung der Universität Bremen vorbereitete, war sie tätig.

Sie sagte immer deutlich ihre Meinung, blieb dabei in der Regel sachlich – was allerdings nicht für ihre Reaktionen auf Redebeiträge von Kommunisten in den Bürgerschaftsdebatten der 50er Jahre galt. Nach Aussage von Zeitzeugen muss sie eine wahre „Kommunistenfresserin“ gewesen sein. Wie nicht selten bei Sozialdemokraten, deren politische Heimat einst die KPD gewesen war und die von ihren einstigen Freunden bitter enttäuscht worden waren, zeigte Wilma Landwehr eine besonders scharfe antikommunistische Einstellung.

Sie überlebte ihren Mann um sieben Jahre und starb im 69.Lebensjahr in Bremen an einem Herzleiden.

Literatur und Quellen:
Adamietz, Horst: Die fünfziger Jahre, Bremen 1978.
Bremer Nachrichten 14.8.1981.
Bremer Bürgerzeitung 5.1.1973, 10.5.1974.
Handbuch der Bremischen Bürgerschaft, 4.Wahlperiode (1955- 1959).
Weser Kurier 10.5.1974, 14.8.1981.
Auskünfte von Zeitzeugen.
Interview der Autorin mit Wilma Landwehr am 23.2.1978.

Renate Meyer-Braun