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Lehmann, Mathilde, geb. Clevers

5.5.1917 in Krefeld – 12.7.2007 in Bremerhaven

Geprägt durch ihr sozialdemokratisches Elternhaus – ihr Vater, der Architekt Franz Clevers, war Mitglied der SPD – war Mathilde schon in sehr jungen Jahren politisch interessiert und engagiert. Sie wurde mit 12 Jahren Mitglied der „Roten Falken“, der der SPD nahestehenden Kinder- und Jugendorganisation, als Jugendliche trat sie der Sozialistischen Schülergruppe und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend bei. Schon als Schülerin setzte sie sich ans Radio, um während der Reichstagsdebatten den Reden der Politiker und Politikerinnen zuzuhören. Mit 16 musste das junge Mädchen allerdings schon die Höhere Schule verlassen, denn der Vater konnte das Schulgeld nicht mehr bezahlen. Franz Clevers war gleich 1933 arbeitslos geworden, weil er bei den Nationalsozialisten auf Grund seiner politischen Aktivität in Ungnade gefallen war.

Sie machte eine kaufmännische Lehre und arbeitet in einer Fabrik bis zu ihrer Heirat mit Richard Lehmann. Mit ihrem Mann zog sie 1939 in das damalige Wesermünde, weil er hier Arbeit bei der Maschinenfabrik und Eisengießerei Achgelis gefunden hatte. Im selben Jahr wurde der Sohn geboren. Die Familie erlebte den 2.Weltkrieg mit all seinen Schrecken in der Unterweserstadt. Mathilde wird sich vorgenommen haben, wie 12 Jahre zuvor in ihrer Jugend wieder politisch aktiv zu werden, wenn alles vorbei sein würde. Und das tat sie auch. Gleich nach Kriegsende trat sie in die SPD ein – entschlossen, „mitzuhelfen, dass nie wieder eine Diktatur entstehen würde“, wie sie später schrieb.[1] Dafür setzte sie sich so überzeugend ein, dass ihre Partei auf ihre Stimme im Kommunalparlament nicht verzichten wollte. Sie kandidierte bei der ersten Wahl zur Stadtverordnetenversammlung Wesermünde nach dem Krieg am 13.10.1946 und wurde mit 29 Jahren die jüngste Abgeordnete in diesem Kommunalparlament, in dem die SPD die absolute Mehrheit gewann. Dass sie die nächsten 37 Jahre diesem Gremium angehören würde, hätte sie damals sicher nicht geglaubt.

Die Mutter eines siebenjährigen Jungen setzte sich gleich mit vollem Elan im Wohnungsausschuss ein, wo sie nach Kräften versuchte, Menschen zu helfen, die unter katastrophalen Wohnungsverhältnissen litten bzw. gar keine Wohnung hatten. Wesermünde war zu 56% im Krieg zerstört worden, davon ca. ein Drittel der Wohnungen.[2] Einige Monate später wurde Mathilde von einer Wesermünderin zur Bremerhavenerin. Denn die Stadt trat am 7.Februar 1947 im Rahmen eines feierlichen Aktes dem am 1.Januar des Jahres als viertes Land der US-Besatzungszone gegründeten Land Freie Hansestadt Bremen bei und benannte sich dabei gleichzeitig in Bremerhaven um. Die rührige Wohnungsbaupolitikerin konnte voller Stolz miterleben, wie Bremerhaven in den 50er Jahren zu den westdeutschen Städten wurde – wie Bremen auch – in denen am aktivsten Wohnungsbau betrieben wurde.

Ein weiteres wichtiges Politikfeld, in dem sie mitwirkte, war die fortschrittliche Schulpolitik der Stadt, mit der das herkömmliche dreigliedrige Schulsystem zugunsten eines integrierten Gesamtschulsystems umgebaut wurde. Sie gehörte 15 Jahre dem Schulausschuss an, zuletzt als Sprecherin der SPD-Fraktion. Daneben arbeitete sie auch im Kulturausschuss, im Ausschuss für Jugendwesen und im Finanzausschuss mit. Sie war eine von allen Fraktionen geschätzte Politikerin – ruhig, pragmatisch, nicht polemisch, aber dabei doch bestimmt in Ansichten und Auftreten. Es war also verdient, dass sie 1967 als Beisitzerin in den Vorstand des Kommunalparlaments aufrückte. 1971 wechselt sie in die Exekutive der Kommune über: Sie wurde für sechs Jahre ehrenamtliche Stadträtin für das Gesundheitswesen, wo ihr ganz besonders Hilfe für Menschen mit Behinderungen am Herzen lag.

Quasi als Krönung ihrer politischen Laufbahn wurde sie am 21.4.1977 einstimmig zur Stadtverordnetenvorsteherin, gewählt, nachdem der bisherige Amtsinhaber in den Magistrat übergewechselt war. Damit war sie die erste und bisher einzige Frau in dieser wichtigen Funktion als oberste Repräsentantin Bremerhavens. Bei der folgenden Kommunalwahl 1979 wurde sie in diesem Amt bestätigt. Sechs Jahre bis zur Erreichung der Altersgrenze und ein wenig darüber hinaus übte sie es aus – souverän, unparteiisch, ausgleichend und allseits hoch respektiert. Etwas lakonisch, aber ehrlich und der Wahrheit entsprechend soll das bei ihrer offiziellen Verabschiedung am 18.Oktober 1983 der Präsident der Bremischen Bürgerschaft, Dr. Dieter Klink, so ausgedrückt haben: „`Sie hat Bremerhaven als Stadtverordnetenvorsteherin gut zu Gesicht gestanden.`“[3] Die Bremerhavener Verantwortlichen werden andere Worte gewählt haben.

In ihrem Ruhestand verfolgte sie weiterhin mit großem Anteilnahme die politischen Entwicklungen in ihrer Stadt. Am 30.11.2006 erfuhr die alte Dame eine hohe Auszeichnung: Ihr wurde die Ehrenbürgerwürde verliehen. Stadtverordnetenvorsteher Artur Beneken würdigte sie mit den Worten: „ Mathilde Lehmann war als oberste ehrenamtliche Repräsentantin ein Glücksfall für Bremerhaven. Nicht allein deshalb, sondern darüber hinaus gebührt ihr für ihr Lebenswerk der Dank der Bürgerinnen und Bürger Bremerhavens, der in der Verleihung des Ehrenbürgerrechts zum Ausdruck kommt.“[4]

Im folgenden Jahr starb sie im 91.Lebensjahr. In den Traueranzeigen von Stadtverordnetenversammlung und Magistrat und von der örtlichen SPD werden ihre Bedeutung als Kommunalpolitikerin der ersten Stunde, ihre Fairness und ihre menschliche Bescheidenheit betont.

In Bremerhaven-Geestemünde wurde 2009 die Mathilde-Lehmann-Straße nach ihr benannt.

Anmerkungen:
[1] In ihrer späteren Bewerbung für die Kandidatur zur Stadtverordnetenversammlung. So Stadtverordnetenvorsteher Artur Beneken in seiner Rede anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Mathilde Lehmann am 18.12.2006.
[2] ebda.
[3] ebda.
[4] ebda.

Literatur und Quellen:
Beckmeyer, Uwe u.a.: Die SPD in Bremerhaven von den Anfängen bis 2013, in: Brückner, Herbert/Meyer-Braun, Renate/Oldigs, Beenhard (Hrsg.): 150 Jahre Sozialdemokratie, S.244 f.
http://www.Bremerhaven.de Rede von Stadtverordnetenvorsteher Artur Beneken bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Mathilde Lehmann.
Scheper, Burchard: Die jüngere Geschichte der Stadt Bremerhaven, Brhv. 1977, S. 394 ff.
Traueranzeigen von Stadtverordnetenversammlung und Magistrat und von der Bremerhavener SPD, Nordseezeitung vom 14.7.2007.

Renate Meyer-Braun