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Lingen, Caroline von, geb. von Aschen

14.2.1769 in Bremen – 30.5.1820 in Bremen

Caroline war die Tochter des Bremer Juristen Heinrich von Aschen und seiner Frau Maria Magdalena aus Stade. Als diese 1772 starb, hinterließ sie neben der vierjährigen Caroline drei weitere Töchter, von denen zwei früh starben. Am 24.11.1800 starb auch Heinrich v.A., der bis dahin als Jurist im Bremer Rathaus beschäftigt gewesen war. Damit stand der Lebensunterhalt der unverheirateten Caroline v.A. in Frage. In dieser Situation erhielt sie die Einladung, bei der Bremer Kaufmannsfamilie de Block in Baltimore zu leben, wo Francois de B. eine Niederlassung besaß. Die genauen Beweggründe für ihre Reise nach Amerika und weitere Details ihrer Biografie lassen sich mithilfe genealogischer Untersuchungen nur sehr bruchstückhaft erschließen.

Über ihre Reise als Begleiterin der Kaufmannsfrau de B. mit dem Bremer Segler „Batavia“ nach Baltimore 1801, ihrem dortigen Aufenthalt und ihre Rückreise nach Bremen mit dem Segler „Jupiter“ 1802 führte Caroline v.A. ein Reisetagebuch, dessen Original heute in der Sammlung des Deutschen Schifffahrtsmuseums bewahrt wird.[1]

Das Tagebuch ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Es beschreibt eine Überseereise von der Weser vor der Gründung Bremerhavens, schildert fragmentarisch die Verhältnisse einer Passagierreise auf einem großen Bremer Segelschiff und skizziert die Lebenssituation Bremer und anderer deutscher Kaufmannsfamilien in Baltimore. Darüber hinaus dokumentiert es das Selbstverständnis einer ledigen Frau, die nach dem Verlust ihres in Bremen hoch angesehenen Vaters jede Versorgungsmöglichkeit zu akzeptieren hatte. Das Tagebuch bezeugt nämlich, dass sie die gefährliche Reise nach Baltimore nicht ganz freiwillig antrat.

Ihre Schilderungen der Überfahrt zeigen, welche Unbilden eine Seereise um 1800 mit sich brachte und wie die politische Situation in Europa weitere Gefahren für Menschen und Schiffe auf dem Atlantik heraufbeschwor. England und Frankreich führten Krieg, so dass auch zivile Schiffe, wie die Bark „Batavia“, unterwegs immer mit Kontrollen oder Überfällen durch Kaper rechnen mussten. Zwar profitierten Hamburg und Bremen im letzten Jahrzehnt des 18.Jahrhunderts in wirtschaftlicher Hinsicht von ihrem neutralen Status, doch die Aufzeichnungen lassen klar erkennen, dass die Angst vor Kapern die Menschen an Bord unter permanenter Anspannung hielt, vor allem die Frauen, deren besondere Gefährdung im Tagebuch deutlich wird.

Caroline v.A.s Reise nach Baltimore erfolgte überstürzt. Neun Tage nach ihrer Zustimmung segelte sie schon auf einem Kahn in Richtung Brake. Dort lichtete am 28.3.1801 das Vollschiff „Batavia“ die Anker. Im Hause der de B.s in Baltimore lebte sie als Gast und war an allen Ausflügen der Familie beteiligt. Diese Annehmlichkeiten wurden am 4.8.1801 durch den plötzlichen Tod ihres Gastgebers jäh beendet. Doch erst am 15.6.1802 konnten Caroline und die Kaufmannsfrau an Bord des Seglers „Jupiter“ die Rückreise nach Bremen antreten. Diesmal waren keine Gefahren durch Kaper mehr zu erwarten, denn Ende März 1802 hatten England und Frankreich in Amiens einen Friedensvertrag unterzeichnet.[2] Der letzte Tagebucheintrag stammt vom 28.7.1802, als der Segler „Jupiter“ vor Geestendorp, dem heutigen Bremerhaven-Geestemünde, die Anker auswarf.

Nach Angaben der Kirchenbücher heiratete Caroline v.A. kurz nach ihrer Rückkehr nach Bremen 1802 den Schiffsmakler Philipp von Lingen. In ihrem Tagebuch werden weder er noch eine beabsichtigte Ehe mit ihm erwähnt, doch waren die von Lingens offenbar Freunde der von Aschens, denn Caroline erwähnt die Familie des öfter in ihrem Tagebuch. Es erscheint plausibel, wenngleich nicht belegbar, dass Caroline dem Bremer Schiffsmakler versprochen worden war und dass ihre Heirat nach angemessener Trauerzeit erfolgen sollte. Am 18.9.1803 gebar Caroline ihr einziges Kind, eine Tochter. Schon zwei Jahre später, am 6.11.1805, starb Philipp von Lingen im Alter von 41 Jahren. Caroline überlebte ihn um 15 Jahre und starb im Alter von 51 Jahren.[3]

Anmerkungen:
[1] Von Aschen, Caroline: Tagebuch seit meiner Abreise von Bremen nach Baltimore (1801), ihren Schwestern gewidmet. Archiv DSM.
[2] Beutin, Ludwig: Bremen und Amerika, S.17ff.
[3]  Feldkamp, Ursula: „Wie mächtige Gefühle meine Brust durchkreuzten, als wir das Schiff betraten (…).“ – Reiseerfahrungen in zwei Bordtagebüchern des 19.Jahrhunderts. In: Mobile Culture Studies, The Journal 1, 2015. Online-Publikation. http://unipub.uni-graz.at/mcsj/periodical/titleinfo/503002.

Literatur und Quellen:
Aschen, Caroline von: Tagebuch seit meiner Abreise von Bremen nach Baltimore (1801), ihren Schwestern gewidmet. Archiv Deutsches Schiffahrtsmuseum.
Beutin, Ludwig: Bremen und Amerika. Zur Geschichte der Weltwirtschaft und der Beziehungen Deutschlands zu den Vereinigten Staaten. Bremen 1953.
Feldkamp, Ursula: Reiseerfahrungen in zwei Bordtagebüchern des 19.Jahrhunderts. In: Mobile Culture Studies, The Journal 1, 2015. Online-Publikation. http://unipub.uni-graz.at/mcsj/periodical/titleinfo/503002.

Ursula Feldkamp