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Maaß, Gertrud, geb. Wellhammer

30.10.1919 in Bremen – 28.2.2004 in Bremen

Gertrud stammte aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie aus dem Bremer Westen. Der Vater, Arbeiter in einem pharmazeutischen Betrieb, achtete darauf, dass sie, die einzige Tochter unter fünf Brüdern, auch eine qualifizierte Ausbildung erhielt: Sie machte eine Lehre als Köchin und arbeitete bis 1939 auch in diesem Beruf, bis 1944 sogar als Wirtschaftsleiterin. Im Rahmen des Reichsarbeitsdienstes wurde sie als „Arbeitmaid“ irgendwo im Brandenburgischen eingesetzt.

Dort lernte sie ihren Mann, einen gelernten Bäcker, während dessen Urlaub von der Front, kennen. Geheiratet wurde 1944. Der erste Sohn Helmut wurde im Juli 1945, der zweite Sohn Siegfried zwei Jahre später geboren. Der Ehemann Gerd kam im September 1945 aus einem Lazarett in Berlin zurück, konnte wegen einer Kriegsverletzung nicht mehr in seinem Beruf arbeiten und fand zunächst eine Anstellung in dem pharmazeutischen Betrieb, wo auch sein Schwiegervater arbeitete, etwas später beim Autobauer Borgward in der Pauserei. Die Familie wohnte in einer feuchten Wohnung in einem durch Bomben stark beschädigten Haus in der Waller Gustavstraße, was dazu führte, dass ein Sohn an Tuberkulose erkrankte. Weil ihre Mutter ihr im Haushalt und bei der Kinderbetreuung half, konnte Gertrud Maaß wieder als Köchin in einem Waller Kindertagesheim arbeiten. Das war aus finanziellen Gründen dringend nötig.

Aber die politisch interessierte Frau wollte darüber hinaus auch etwas für die Allgemeinheit tun. Durch ihr sozialdemokratisches Elternhaus vorgeprägt und erfüllt von dem Gedanken, mitzuhelfen nach der Naziherrschaft ein neues demokratisches Bremen aufzubauen, trat sie zusammen mit ihrem Mann 1946 in die Bremer SPD ein. Schon im Bunker hatte sie sich geschworen, nach Kriegsende politisch aktiv zu werden. 1951 zog die Familie nach Hastedt, in eine Souterrain-Dienstwohnung in der Schule am Alten Postweg, wo Gerd Maaß eine Stelle als Hausmeister angenommen hatte. Weil es praktisch war und der Weg zur Arbeit nicht weit, arbeitete Gertrud ab 1953 in demselben Gebäude als „teilzeitbeschäftigte Raumpflegerin“. [2] Daneben beteiligte sie sich aktiv an der Parteiarbeit, und so war es nicht verwunderlich, dass ihr Ortsverein Hastedt sie zur Bürgerschaftswahl 1955 als Kandidatin aufstellte. Fünf Wahlperioden lang, insgesamt 20 Jahre bis 1975, blieb sie Mitglied der Bremischen Bürgerschaft (MdBB). Anders als weithin üblich, war sie es, die Karriere machte, nicht ihr Mann, mit dem sie gleichzeitig parteipolitisch aktiv geworden war. Er unterstützte sie nach Kräften, war für die beiden Jungen da und nahm ihr vieles an Hausarbeit ab. Neben ihrer politischen Arbeit und ihrer eigenen Haus- und Familienarbeit war sie stundenweise mit Staubsauger und Besen in den Schulräumen aktiv. Denn das Gehalt ihres Mannes war nur mager und bis zum bremischen Abgeordnetengesetz von 1968 gab es keine finanzielle Entschädigung für MdBB`s. Sie wirkte also als Volksvertreterin im echten Sinne volksnah an der Basis und kannte die Sorgen und Nöte ihrer schlecht bezahlten, von der Öffentlichkeit oft vergessenen Kolleginnen. Für deren Interessen setzte sie sich über zwanzig Jahre lang im Vorstand des Personalrats Schulen als Vertreterin der Lohnempfänger und Lohnempfängerinnen ein. Als Mitglied der Gewerkschaft ÖTV kämpfte sie dafür, die Schulraumreinigung in öffentlicher Hand zu belassen, um Ausbeutung durch Privatbetriebe zu verhindern. Ebenso übte sie im stadtbremischen SPD-Vorstand und innerhalb der sozialdemokratischen Frauengruppe Funktionen aus, scheute dabei auch nicht vor Konflikten mit der großen alten Dame der Bremer SPD, Anna Stiegler, zurück. Von Beginn ihrer parlamentarischen Tätigkeit bis zu ihrem Ausscheiden im Jahre 1975 waren soziale Fragen ihr Schwerpunkt. Sie arbeitete von Anfang an in der Deputation für das Wohlfahrtswesen mit – heute Sozialdeputation -, wurde nach der Bürgerschaftswahl 1963 sogar deren Sprecherin und damit Nachfolgerin von Anna S., die im selben Jahr gestorben war. Mit großem Engagement kümmerte sie sich besonders um ältere Bürger und Bürgerinnen, denen es schlecht ging; sie setzte sich für Erholungsreisen für diesen Personenkreis ein und für die Einführung einer Mindestrente. Auf diesem Gebiet wie in der Sorge um Menschen mit Behinderungen und Obdachlose arbeitete sie eng mit der zuständigen Sozialsenatorin, Annemarie Mevissen, zusammen. Sie war mit der Genossin sogar befreundet, was aber gelegentliche sozialpolitische Meinungsverschiedenheiten durchaus nicht ausschloss. Privat sprachen sie oft über das schlechte Gewissen, das sie wegen ihrer vielen politischen Termine gegenüber ihren Kindern empfanden. In beiden Fällen waren die Sorgen um deren spätere Entwicklung aber unbegründet, sowohl die Maaßschen Söhne wie auch Sohn und Tochter Mevissen bauten sich gesicherte berufliche Existenzen auf.

Bei aller Energie und Einsatzbereitschaft war Gertrud M. eine bescheidene und einfache Frau, die zwar wusste, was sie wollte, sich aber nie in den Mittelpunkt drängte. So nahm sie den Auftritt als Rednerin im Bürgerschaftsplenum denn auch nur wahr, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Sie war eben keine gebildete Frau und mag sich in der neuen SPD-Fraktion, als sich nach der Bürgerschaftswahl 1971 dort eine Reihe Jüngerer mit ganz anderem Bildungshintergrund einfand und das große Wort führte, nicht sonderlich wohl gefühlt haben.

Auch wenn sie in ihrem Privatleben die traditionelle Rollenverteilung nicht reproduzierte, so war sie doch keine bewusste Frauenpolitikerin. Sie wünschte sich zwar mehr Frauen in der Politik, lehnte aber eine gezielte Frauenförderpolitik ab. Die lange nach ihrer aktiven Zeit auf dem SPD- Bundesparteitag 1988 eingeführte Quote – bei Wahlen muss jedes Geschlecht mit mindestens 40% berücksichtigt werden – hielt sie für falsch. „Das wertet die Frau ab. Sie soll durch ihr Können, ihr Wissen, ihr Wollen gewählt werden.“[3] Politik durfte ihrer Meinung nach nur mit den Männern, auf keinen Fall gegen sie gemacht werden.

Zwei Jahre nach ihrem Ausscheiden aus der Politik, 1977, zog sie mit ihrem Mann in das Rembertistift, wo sie eine kleine bescheidene Wohnung bezogen. 23 Jahre konnten sie noch gemeinsam politische Entwicklungen inner- und außerhalb Bremens mit großem Interesse verfolgen. Ehefrau Gertrud, aktiv wie eh und je, wirkte darüber hinaus viele Jahre im Vorstand des Remberti-Stifts, wo ihre langjährige sozialpolitische Erfahrung sehr willkommen war. Im Jahre 2000 starb ihr Mann Gerd, sie selbst wurde noch sehr krank und starb vier Jahre später im 85. Lebensjahr.

Anmerkungen:
[1] Der Name findet sich in Literatur und Presse in unterschiedlicher Schreibweise: Maaß oder Maass.
[2] Das gab sie erst im Handbuch der Bremischen Bürgerschaft von 1971 an, am Beginn ihrer fünften Wahlperiode. In den vorhergehenden Handbüchern der Legislaturperioden ab 1955, dem Beginn ihrer parlamentarischen Tätigkeit, hatte sie diese Beschäftigung nicht erwähnt, sondern als Berufe nur Hausgehilfin, Köchin und Wirtschaftsleiterin angegeben.
[3] „`Nicht Quote, sondern Können`- Interview zum Frauentag mit Gertrud Maaß, ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete“ WK vom 8.3.1994.

Literatur und Quellen:
„Acht Zentren geplant. Der Altenhilfe gilt in den nächsten Jahren besondere Aufmerksamkeit“, Interview mit Gertrud Maaß in Bremer Bürgerzeitung (BBZ) vom 30.11.1973.
„Die Volksrente muß kommen“ von Gertrud Maaß, BBZ vom 11.9.1970.
„Gertrud Maaß aus dem Dienst verabschiedet“ (Verabschiedung aus dem Personalrat Schulen), Bremer Nachrichten vom 26.10.1979.
Großmann, Heike/Großmann, Ruprecht: Das St. Remberti-Stift. Bremens älteste soziale Siedlung im Wandel der Zeiten, Lilienthal o.J. (1998), S.202-206.
Handbücher der Bremischen Bürgerschaft 4. bis 8.Wahlperiode (1955/1959 bis 1971/1975).
Hoecker, Beate/Meyer-Braun Renate: Bremerinnen bewältigen die Nachkriegszeit. Frauen-Alltag-Arbeit-Politik, Bremen 1988, S.132-134, 140.
Maaß, Gertrud: Zwei Freundinnen, in: Fichtner, Otto/Kraul, Herbert: Annemarie Mevissen. Ein Porträt zum 80.Geburtstag, Bremen 1994.
Meyer-Braun, Renate: Gertrud Maaß (1919-2004), in: Alheit, Peter u.a. (Hrsg.): Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte. Zeitschrift für die Regionalgeschichte Bremens im 19. und 20.Jahrhundert. Heft 15, Bremen o.J., S.71-78.
„Nicht Quote, sondern Können“, Interview zum Frauentag mit Gertrud Maaß, ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete Weser Kurier vom 8.3.1994.
Todesanzeigen Gertrud Maaß im Weser Kutier vom 3.3.2004.

Renate Meyer-Braun