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Meier, Anna Gebecka, geb. Gröning

2.7.1786 in Bremen – 21.1.1860 in Bremen

Anna Gebecka war das jüngste von neun Kindern des Bürgermeisters Dr. Georg Gröning (1745-1825) und der Gebecka, geb. Köhne (1747-1811), dem einzigen Kind des Bürgermeisters Heinrich Köhne jun. (1721-1792). Ihre Kindheit und Jugend war sicherlich von der häufigen Abwesenheit des Vaters geprägt, der seit 1781 als Mitglied des Bremer Senats und zwischen 1796 und 1808 als Bremer Ratsherr die Interessen seiner Heimatstadt außerhalb Bremens vertrat. Dazu war er oft monatelang unterwegs, unter anderem fünfmal für längere Zeit in Paris. Während der Bremer Franzosenzeit (1806-1814) war er dort Abgeordneter der Gesetzgebenden Körperschaft. Danach war er von 1814 bis 1821 Bürgermeister von Bremen. Seinem diplomatischen Geschick verdankte Bremen 1802/03 die Vergrößerung des bremischen Staatsgebiets und die Aufhebung des Elsflether Zolls nach Ablauf von 10 Jahren.[1] In einer entsprechend angesehenen Bremer Familie wuchs Anna Gebecka auf. Wie streng ihre Erziehung war, über die sonst nichts weiteres bekannt ist, zeigt die briefliche Ermahnung des Vaters an die Elfjährige im Juli 1797: „Zu viel Schlaf macht dräge, wohl gar krank, sechs Stunden reichen völlig, sieben sind schon Ueberfluß, mehr als sieben darfst du dir also nicht erlauben.“[2]

Quellen zu ihrer Person finden sich im Zusammenhang mit zwei Reisen, die sie 1806-1808 als junge Frau unternahm. Anders als bei den Söhnen des gehobenen Bürgertums war die klassische Bildungsreise, die Grand Tour, bei den Töchtern nicht obligatorisch und wenn überhaupt konnten sie diese nur in Begleitung absolvieren. So reiste auch Anna Gebecka im Jahr 1806 gemeinsam mit ihrer Mutter, dokumentiert davon ist die Rückfahrt von Dresden nach Bremen. Dieser hatte sich Margarethe Oelrichs angeschlossen, die dieser turbulenten Fahrt nachträglich einen Reisebericht widmete.[3] Anna Gebecka wird nur am Rande erwähnt, sie spielte aber insofern eine tragende Rolle, als ihre plötzliche Erkrankung in Leipzig zu dem unfreiwilligen längeren Aufenthalt führte, der die Reisegesellschaft dann in die Wirren der Napoleonischen Kriege geraten ließ. Über die Erlebnisse ihrer nächsten Reise, die sie ein Jahr später nach Paris unternahm, verfasste Anna Gebecka dann selbst ein Tagebuch, das sie anfangs regelmäßig und dann mit zunehmend größeren Abständen führte. Sie richtete sich dabei an Fanny, eine − nicht eindeutig erkennbare − fiktive oder reale Person. Auf letzteres könnte der Eintrag vom 22.4.1808 hinweisen, sie werde weitere Details mündlich nachliefern.[4] Möglicherweise haben die Nachfahren die Niederschrift falsch gedeutet und die ursprünglichen Briefe, später als Tagebuchaufzeichnungen verstanden.

Die beschwerliche Fahrt mit der Kutsche nach Paris erfolgte in mehreren Etappen. Bis Frankfurt wurde die 21jährige vom Schwager begleitet, dann traf sie den Vater und − nach einer weiteren Zwischenstation beim Bruder in Heidelberg − erreichten sie nach zehn Tagen Paris. An der Seite des Vaters lernte sie vom August 1807 bis Juli 1808 Paris intensiv kennen. In ihrem Tagebuch verarbeitete sie die vielen Eindrücke. Deutlich wird dabei, wie sehr dieser Aufenthalt auch ihrer Weiterbildung diente. Sie besuchte zahlreiche Museen, Theater, Opern etc., aber auch wissenschaftliche Vorträge und Demonstrationen führender Gelehrter, wie eine öffentliche Sitzung von Abbé Sicard (1742 – 1822) im Taubstummeninstitut, Lesungen des Anatomen und Arztes Franz Joseph Gall (1758 – 1828), die sie aber nur zum Teil verstand, wie sie dem Tagebuch anvertraute, oder im Juli 1808 ein Blindeninstitut, bei der sie die Lesefertigkeit der Blinden beeindruckte, die sich erhabener Lettern bedienten.[5] Sie war an technischen Neuerungen interessiert, notierte sich beim Besuch einer großen Manufaktur wie Spiegel hergestellt werden und zog daraus das Resümee: „Ich glaube nirgends in der Welt sieht man ein solchen Luxus in Spiegel als hier in Paris“.[6]

Schwärmerisch und romantisch verklärt beschrieb sie Besichtigungen in Paris und Ausflüge in die Umgebung, die den Kanon der damaligen Sehenswürdigkeiten abdeckten. Tagesgeschehen und aktuelle politische Entwicklungen, über die sie durch ihren Vater vermutlich gut informiert war, erwähnte sie dagegen nur am Rande. So bedauerte sie bei ihren Ausflügen in die Umgebung von Paris, unter anderem nach Versailles und Chantilly, die Verwüstung und Zerstörung von Gebäuden infolge der Französischen Revolution. Sie konnte den Veränderungen auch Positives abgewinnen, denn im Fall der Nationalbibliothek fand sie: „Auch die Revolution, die sonst so viel Großes und Schönes zerstörte, hat für diese Bibliothek vortheilhaft gewirkt, denn die Bibliotheken der zerstörten Klöster und religiösen Anstalten, besonders die der Jacobins, Feuillan[t]s und Capucins, sind mit ihr vereinigt“.[7]

Ihre Vorliebe für den Klassizismus, den damals vorherrschenden Stil, wird in ihren Ausführungen zu antiken Skulpturen deutlich, insbesondere die Statue des Apoll begeisterte sie.[8] Im Atelier des Malers Jacques-Louis David (1748-1825) sah sie im Januar 1808 das gerade fertiggestellte Monumentalgemälde „Die Krönung Napoleons I.“, noch bevor es im Regierungspalast aufgehängt wurde, und beschrieb es ausführlich. Von David selbst jedoch, den sie bei der Gelegenheit kennenlernte, wandte sie sich angeekelt ab, da er durch eine Art Auswuchs am Mund entstellt war. Sie sah darin eine Strafe Gottes, da er sich bei der Revolution als ein Bösewicht erwiesen habe.[9]

Ausführlich widmete sie sich gesellschaftlichen Belangen, beschrieb Männer, die sie interessant fand, und wertete andere Frauen durch spitzfindige Bemerkungen zu ihrem Äußeren ab. Bälle und Gesellschaften spielten während ihres Parisaufenthalts ebenfalls eine große Rolle, der Vater hatte den Zeitpunkt ihres Aufenthaltes diesbezüglich wohl mit Bedacht gewählt. Seine Stellung ermöglichte ihr den Zutritt zum vornehmen Pariser Zirkel. Im November war sie bei Bankier Rougemont, einem „der ersten Häuser von Paris“[10] eingeladen und im April bedauerte sie, dass die Zeit der Gesellschaften nun zu Ende gehe. Sie verlor zwar nicht den Blick für gesellschaftliche Missstände und empörte sich darüber, dass unvermögende Mädchen keine Chance hatten, in höhere Stände zu heiraten: „Muß man nicht die Männer verachten, die bei dem wichtigsten Schritt ihres Lebens sich nur von niedrigem Eigennutz, von Geldgier leiten lassen.“ Sie sah aber auch die Frauen nicht frei von Mitschuld, da sie „…für einfache häusliche Freuden unempfänglich sind, nur Sinn haben für die zerstreuenden und kostbaren Ergötzlichkeiten, da muß der Mann …reiflich erwägen, ob er im Stande ist, seiner künftigen Gefährtin ein so luxuriöses Leben zu verschaffen“. Noch deutlicher übernahm sie im altklugen Resümee die männliche Argumentation: „Wären die Mädchen einfacher, häuslicher, so wären die Männer auch vielleicht weniger eigennützig!“[11]

Das Tagebuch bricht am 13.7. abrupt ab, schon 1884 bei der Drucklegung des Manuskripts war nicht mehr rekonstruierbar, ob der Rest verloren gegangen war oder ob Anna Gebecka am Ende des Parisaufenthalts aufgehört hatte zu schreiben. Von Heimweh geplagt hatte sie bereits am 2.7. über die immer wieder verzögerte Abreise geklagt. In der Familiengeschichte führte das unerwartete Ende der Aufzeichnungen zu der Anekdote, Napoleon habe sich für sie interessiert und daraufhin hätte der Vater eine überstürzte Abreise arrangiert. In den Tagebucheinträgen erwähnte sie zwar mehrfach Napoleon, aber sie schien nicht von ihm angetan zu sein. Am 18.1.1808 hatte sich ihr „lange gehegter Wunsch“ erfüllt, und von ihrem Platz im Tuilerienpalast gegenüber der kaiserlichen Loge konnte sie den Kaiser genauestens beobachten. Sie kommentierte wenig schmeichelnd: „mager muß er weit hübscher gewesen sein“ und das Gesicht sei „abschreckend“ und „finster“.[12] Mehr beeindruckt war sie von der Prachtentfaltung bei einer Parade, zu der Napoleon auf einem weißen Pferd erschien. Auch hier galt ihre Begeisterung weniger ihm als der Veranstaltung an sich, sie verlor dabei aber nicht die Realität aus dem Auge: „O es sind so schöne Leute, die Soldaten: warum haben sie doch keine edlere Bestimmung, als zu schlachten und zu würgen wie Löwen und Tiger!“[13] Über die Gerüchte, dass Napoleon sich von der Kaiserin trennen wollte, schrieb sie im Februar 1808 − Monate bevor die Scheidung im Dezember 1809 öffentlich wurde. Sie hatte Mitleid mit Josephine und beklagte ihr „trauriges kränkliches Ansehen“.[14]

Für die damalige Zeit spät, kurz vor ihrem 26.Geburtstag, heiratete Anna Gebecka am 2.6.1812 standesgemäß den Juristen Dr. Diedrich Meier (1787-1857), Sohn des gleichnamigen Bremer Bürgermeisters. Er machte ebenfalls eine politische Karriere: seit 1815 als Mitglied im Bremer Senat und von 1845 bis zu seinem Tod 1857 als Bürgermeister. Das Paar hatte neun Kinder, sechs Töchter und drei Söhne, geboren zwischen 1813 und 1830. Sechs Kinder überlebten sie und führten durch ihre standesgemäße Hochzeit mit bekannten Bremer Familien − Kulenkampff, Lahusen, Volkmann, Stoevesandt − und zahlreichen Nachkommen, die Familientradition weiter. Anna Gebecka ging in den Jahrzehnten ihrer Ehe ganz in der Rolle als Ehefrau und Mutter auf. Die Briefe an ihre Kinder zeugen von ihrem ausgeprägten protestantischen Geist, insbesondere aus den Predigten des Pfarrers Gottfried Menken (1768-1831) zitierte sie häufig, um ihre Kinder zur Bescheidenheit zu ermahnen. In einem Brief von 1839 schrieb sie, wie sehr sie sich ein Leben in einfacheren Verhältnissen gewünscht hätte, ein „gleichförmiges Landleben, was durch das Ab- und Zugehen verschiedenartiger Menschen doch auch immer neue Anregungen bekommt und zu große Einseitigkeit verhindert“.[15] Ihr musikalisches Talent, das bereits der Vater in dem Brief an die Elfjährige ansprach, verleugnete sie später. In einem Brief an eine ihrer Töchter 1848 schrieb sie zwar, dass sie damit viel Anklang gefunden habe, aber sie dies unnötig eitel gemacht hätte. Sie möchte ihre Tochter davor bewahren, dieselbe Erfahrung zu machen.[16]

Ihr Leben spielte sich im Schatten ihres Großvaters, Vaters und Ehemanns ab, allesamt Bremer Ratsherren und Bürgermeister. Entsprechend wenig ist über ihre eigene Biografie bekannt. Nur weil ihre Nachfahren ihre Tagebuchaufzeichnungen und einige Briefe ihres Vaters an sie, außerdem Briefe von ihr an ihre Kinder aus späteren Jahren als Manuskript drucken ließen, erhält man einen gewissen, allerdings unvollständigen Eindruck von ihrem Leben. Die Kopie eines gedruckten Exemplare schenkte ein Nachkomme gemeinsam mit einem Porträt von Anna Gebecka im Jahr 2009 dem Focke-Museum.

Das Porträt ist vermutlich identisch mit einem in Paris entstandenen, von dem sie in ihrem Tagebuch berichtet. Kurz nachdem sie in Paris angekommen war, wurde sie von einem Maler porträtiert. Sie nennt ihn nicht namentlich, aber beschreibt ihn als jung und hübsch. Mit dem Ergebnis ist sie indes nicht zufrieden, es sei „nicht ganz ähnlich, was mich ordentlich traurig macht“.[17] Für die Übereinstimmung spricht sowohl das Alter der Dargestellten, Anna Gebecka ist zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre, als auch die modische Frisur à l´antique und der Spitzenkragen am Kleid, beides ist zu der Zeit in Frankreich Mode. Die Ansicht, dass es nicht gelungen sei, teilten ihre Nachkommen, sie nannten es despektierlich das Porträt der „Kuhäugigen“, da sie sich von ihrem Blick verfolgt fühlten.

Anmerkungen:
[1] Schwarzwälder, Herbert: Das Große Bremen-Lexikon A-K, 2.Auflage Bremen 2002/3, S.328.
[2] Zur Erinnerung an Anna Gebecka Meier, geb. Gröning, S.103.
[3] Artikel zu Margarethe Schumacher, geb. Oelrichs.
[4] wie Anm.2, S.87.
[5] ebda. S.70, 85, 94.
[6] ebda. S.82/83.
[7] ebda. S.30, 83, 90.
[8] ebda. S.92.
[9] ebda. S.64f.
[10] ebda. S.55.
[11] ebda.
[12] ebda. S.61.
[13] ebda. S.63.
[14] ebda. S.71.
[15] ebda. S.113.
[16] ebda. S.122.
[17] ebda. S.31, 33.

Literatur und Quellen:
Zur Erinnerung an Anna Gebecka Meier, geb. Gröning (Typoskript), Bremen 1884.

Karin Walter