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Menze, Ingeborg, gen. Inge, geb. Kaisen

6.1.1930 in Bremen – 23.3.1991 in Bremen

Ingeborg war das jüngste Kind von Bürgermeister Wilhelm Kaisen und seiner Ehefrau Helene, geborene Schweida, geboren. Sie hatte noch drei Geschwister, zwei Brüder – Niels, gefallen auf der Krim 1942, und Franz, gestorben 1998 in Bremen, und eine Schwester, Ilse Kaisen, gestorben 2013 in Bremen.

Inge besuchte bis 1944 die Volksschule in Bremen-Borgfeld, wo die Familie seit Herbst 1933 auf einer landwirtschaftlichen Siedlerstelle lebte. Vater Kaisen hatte nach seinem Rücktritt als Wohlfahrtssenator das Grundstück am Stadtrand erworben, um als prominenter Sozialdemokrat der ständigen Beobachtung durch die neuen nationalsozialistischen Herren, so gut es ging, zu entgehen. Der Umzug von der Stadt aufs Land und die Umstellung der Lebensverhältnisse fielen Ingeborgs Mutter Helene nicht leicht, während Vater Wilhelm, gelernter Stuckateur, später Journalist und Senator, dem Leben als Landwirt rasch Positives abgewinnen konnte. Inge soll ein fröhliches, kontaktfreudiges Kind gewesen sein, das alle gern mochten. So hat sie auf ihre Weise mitgeholfen, die Integration der städtischen Familie Kaisen in das damals noch sehr dörfliche Borgfeld zu ermöglichen. Nach der Schule blieb sie zwei Jahre als Haushaltslehrling „zu Hause in unserem landwirtschaftlichen Betrieb“.[1]

Als Arbeitgeberin fungierte ihre Mutter. Nach einer Zwischenphase als landwirtschaftlicher Haushaltslehrling im Oldenburger Land absolvierte Inge eine kaufmännische Lehre bei der Firma Klein, Schanzlin und Bestenborstel in der Bremer Neustadt. Nach Abschluss der Lehre blieb sie als Einkäuferin in der Firma und lernte dort ihren Mann Gerhard Menze kennen. Im August 1955 heirateten sie und zogen für zehn Jahre in die Hans-Böckler-Straße. 1965 erhielt Inge als Erbteil von ihren Eltern Bauland in nächster Nahe des elterlichen Anwesens in der Straße Rethfeldsfleet in Borgfeld, wo sich das Ehepaar ein Haus baute. So waren alle Kaisens wieder beisammen, denn Inges Geschwister Franz und Ilse wohnten bei den Eltern. Inge gab bald die Berufstätigkeit auf und kümmerte sich um die erweiterte Familie, zu der außer ihrem Mann, dessen Vater und eine behinderte Schwägerin, die Eltern Wilhelm und Helene Kaisen und die beiden Geschwister gehörten. Eigene Kinder hatte sie nicht. Franz Kaisen kümmerte sich um die elterliche Landwirtschaft, unterstützt von Vater Wilhelm, nachdem dieser nach zwanzig Jahren sein Amt als Präsident des Senats aufgeben hatte, Ilse war berufstätig, um Helene Kaisens Gesundheit stand es nicht zum Besten. Und so übernahm Inge die Aufgabe, täglich für alle zu kochen. „Sie war eine gute Köchin und hat uns alle versorgt“, schreibt ihre Schwester Ilse. Besonders ihre Mutter habe das gemeinsame Mittagessen sehr geschätzt.[2]

Nicht erstaunlich angesichts ihres hochpolitischen Elternhauses war Inge M. nach dem Ende des „Dritten Reichs“ ebenfalls in die SPD eingetreten, beteiligte sich aktiv am Parteileben und wurde später, 1981, von ihrem Ortsverein Borgfeld zur ersten Vorsitzenden gewählt, eine Funktion, die sie zehn Jahre lang bis kurz vor ihrem Tod ausübte. Sie war außerdem insofern Mitglied der SPD-Fraktion der Bremischen Bürgerschaft – ohne Abgeordnete zu sein – als sie als sachkundige Bürgerin in der Sozialdeputation sowie in der Deputation Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherfragen mitarbeitete. Von landwirtschaftlichen Fragen hatte sie ja im eigenen Elternhaus einiges mitbekommen. Zum sozialdemokratischen Milieu gehörte selbstverständlich die Arbeiterwohlfahrt (AWO), in der ihre Mutter bis in die 60er Jahre hinein eine wichtige Funktion erfüllte. Tochter Ingeborg trat schon im September 1945, also gleich nach Wiederentstehung der AWO nach dem Krieg – sicherlich angeregt durch ihre Mutter, bei der sie ja zu dieser Zeit als landwirtschaftlicher Lehrling arbeitete – im zarten Alter von 16 Jahren in diese wichtige Einrichtung ein. Jahrzehnte später von 1984 bis 1990 wurde sie Mitglied im AWO-Kreisvorstand. Ebenfalls familiär geprägt war ihr Engagement für die von ihrem Vater ins Leben gerufene Volkshilfe; auch hier wirkte sie ab 1987 im Vorstand mit.

Ein weiteres ehrenamtliches Betätigungsfeld war für sie der überparteiliche Bremer Frauenausschuss (BFA), die Dachorganisation der bremischen Frauenverbände. Auch hier mag die familiäre Tradition gewirkt haben, denn ihre Mutter hatte dort gleich bei dessen Gründung 1946 mitgearbeitet. Spätestens ab 1984 war sie als Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des BFA. 1987 wurde sie zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, von 1989 bis Anfang 1991war sie dann erste Vorsitzende. Ihr Einsatz dort ist umso bewundernswerter, als sie zu der Zeit bereits unter ihrer Krankheit litt; 1985 hatten nämlich die Ärzte bei ihr Krebs diagnostiziert. Im BFA-Vorstand kümmerte sie sich besonders um die sogenannte Montagsrunde, die zusammen mit dem Staatsbürgerlichen Arbeitskreis mit den Verbandsfrauen aktuelle politische Fragen diskutierte. Es war ihr ein Anliegen, Frauen für Politik zu interessieren und sie dazu zu bewegen, sich einzumischen.

Diese verschiedenen Aktivitäten, für die sie viel Kraft brauchte, mögen ihr den Umgang mit der Krankheit, die sie fast sechs Jahre „geduldig ertragen hat“, wie es in der Todesanzeige ihrer Familie heißt, erträglich gemacht haben. Als warmherzige, den Menschen zugewandte Frau, wie sie geschildert wird, wird ihr der Umgang mit anderen Menschen wichtiger gewesen sein als die ständige Sorge um sich selbst. Sie starb 61jährig. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Riensberger Friedhof in dem bescheidenen Grab der Familie Kaisen.

Sie war eine Persönlichkeit mit großer Ausstrahlungskraft, eine „in der Wolle gefärbte“ Sozialdemokratin, eine Frau, die trotz eigenen Kummers – ihre Ehe war nicht immer leicht – und langer Krankheit positiv dachte und mithelfen wollte, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

In Borgfeld erinnert der Inge-Menze-Weg an sie.

Anmerkungen:
[1] StAB 7,97/5-39, dort ihr handgeschriebener Lebenslauf (bis etwa 1947) und andere persönliche Unterlagen.
[2] Ilse Kaisen: Unser Leben in Borgfeld, S.57 f.

Literatur und Quellen:
Auskünfte von Senator a.D. Volker Kröning, Wilhelm und Helene Kaisen Stiftung.
Ilse Kaisen: Unser Leben in Borgfeld. Zur Erinnerung an meine Eltern und Geschwister. (Privatdruck der Wilhelm und Helene Kaisen Stiftung), Bremen 2003.
StAB 7,97/5-/39; 7,97/5-57; 7,97/5-58 (im Bestand 7, 97 Wilhelm und Helene Kaisen existiert der Teilbestand Inge Menze).
Weser Kurie  26. und 27. 3 1991, Wümmezeitung 27.3.91.

Renate Meyer-Braun