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Müller, Elise

15.9.1782 in Bremen – 30.12.1849 in Bremen

Elise war die Tochter der Anna Maria und des Musikwissenschaftlers und Pädagogen Dr. Wilhelm Christian Müller; zwei Jahre später wurde ihr Bruder Adolph Wilhelm geboren. Der Vater ließ der Tochter dieselbe musikalische Bildung zukommen wie dem Sohn. So hatte sie schon mit vier Jahren Unterricht an einem eigens für sie angefertigten Klavier und Elise trat mit 14 Jahren in öffentlichen Konzerten auf.

Entsprechend wurde Musik in ihrem Leben zum tragenden Element. Zunächst trug sie Klavierwerke bremischer und bedeutender zeitgenössischer Komponisten auf einem Pianoforte des in Europa berühmten Wiener Fabrikanten Andreas Streicher in Haus- und öffentlichen Konzerten vor. Dabei machte sie Ludwig van Beethoven zum Protagonisten des Bremer Musiklebens, als seine Werke noch als „’Extravaganzen dieses Genius…ganz reif für das Irrenhaus’“ abgelehnt wurden.[1] Nach ihrem Konzert vom 25.2.1807 in der damaligen Bremer Börse staunte ihr Bruder, dass sie „’mit diesem ungeheuren C-Moll-Konzert und einem der schwersten Trios’“ aufgetreten sei, so wie er sie bewundert hatte, als sie „’jene große Sonate mit Violin (sie wird von den Leuten als das musikalische Ungeheuer betitelt) aufführte, die Beethoven…schrieb.’“[2]

Nach ihrer Biografin Sibylla Bösenberg findet sich der erste Nachweis, dass Elise M. auch komponiert hat, in einem Brief des Bruders vom 13.6.1804. Einige Jahre später „ermutigt“ der Bruder „sie zum Komponieren und Musizieren“[3] und 1817 schreibt der mit der Familie Müller befreundete Senator Johann Georg Iken, dass sie „’sowohl in der Composition als im Spiel etwas Ungewöhnliches (leistet).’“[4]. Trotzdem scheint sie in der musikalischen Interpretation stärker gewesen zu sein als im Komponieren. Dafür sprechen zurückhaltende bis abwertende Kommentare bedeutender Zeitgenossen. So hielt Goethe vier Vertonungen für „’schwache Kompositionen’“[5] und Robert Schumann kam zwar ihrer Bitte nach, einige ihrer Lieder für den Druck zu korrigieren, er kündigte sie sogar in der von ihm herausgegebenen Neuen Zeitschrift für Musik an (Sept. 1837), ließ aber weitere Kompositionen, die sie ihm schickte, unbeachtet.

Ein Grund für eventuelle Mängel ihrer Vertonungen könnte die Tatsache gewesen sein, dass ihr – wie sie bei einem Besuch Beethovens in Wien beklagte – eine entsprechende Ausbildung gefehlt habe. Andererseits mögen männliche Vorurteile gegenüber komponierenden Frauen eine Rolle gespielt haben. Eine Entscheidung aus heutiger Sicht ist kaum möglich, da ihre meisten Kompositionen verloren gegangen sind. Jedenfalls gestand sie gegen Ende ihres Lebens dem Freund Karl August Varnhagen, dass ihr „’das Komponieren immer selige Momente’“ gegeben habe.[6] Dass sie „’der Musik…die Hauptkräfte ihres Lebens widmete’“,[7] zeigte sich auch in anderen Bereichen. So bildete sie in ihrem Erziehungsinstitut, das sie 1804, also 2 Jahre vor der Mädchenschulgründung der Bremer Pädagogin Betty Gleim (1781-1827), für Töchter gebildeter Stände eröffnete und das bis 1820 bestand, ihre Schülerinnen nicht nur in Geschichte, Geographie und Deutsch, Englisch und Französisch, sondern vor allem auch in der Musik aus. Ihre schriftstellerische Tätigkeit galt der Lyrik, also der literarischen Gattung, die der Tonkunst am nächsten steht, und die Reisen, die sie mit ihrem Vater nach Österreich, Italien und in die Niederlande unternahm, hatten den Besuch so bedeutender Komponisten wie van Beethoven, Schumann und Rossini und die Zentren musikalischer Prominenz wie Wien, Rom und Neapel zum Ziel.

Dabei war Elise M. aufgrund eines Unfalls, den sie als Kind erlitt, „’höchst mißgestaltet und verwachsen.’“[8] Diese Tatsache könnte eine Erklärung dafür sein, dass kein Bild von ihr zu finden ist. Dass sie Abbildungen sogar vermieden hätte, lässt das Geständnis vermuten, das sie einer Freundin machte. Denn danach „’dachte’“ sie „’oft mit Sehnsucht noch einmal das Leben zu durchschreiten in anderer Gestalt.’“[9] In ihrem umfangreichen Testament – es umfasst 25 handgeschriebene DIN A4-Seiten – bedachte sie mit ihrem von den Eltern ererbtem Vermögen zahlreiche Freunde, ihre Magd Lotte Peters und den 1816 gegründeten Großen Frauenverein, der sich um die Töchter verarmter Familien kümmerte. Außerdem stiftete sie eine bedeutende Summe für „Predigerwitwen und unverheiratete Predigertöchter aus dem Dorf Unterkatz, aus dem Elises Vorfahren stammten.“[10] „Die Summe von eintausend … und demnächst fünfhundert Thalern“ bestimmte sie für den Fonds einer milden Stiftung, welche ‚Elisenstiftung‘[11] zu nennen ist“ und deren „Zinsen…an…Dienstmägde hiesiger Herrschaften vertheilt werden (sollen).“[12] Elise Müller war also nicht nur eine große Pianistin und Protagonistin des bremischen Musiklebens, die Komponistin zahlreicher Lieder und Verfasserin von Liedtexten; sie war auch eine Pionierin der Mädchenschulbildung und eine Persönlichkeit mit hohem sozialem Engagement.

Anmerkungen:
[1] Bösenberg, S.35f.
[2] Ebda. S.40f.
[3] Ebda. S.41.
[4] Ebda. S.61.
[5] Ebda.
[6] Ebda. S.115.
[7] Zit.ebda. S.118.
[8] Zit. ebda. S.56.
[9] Ebda. S.57.
[10] Ebda. S.121.
[11] Nicht zu verwechseln mit dem in der süd-westlichen Ecke des Bremer Bürgerparks gelegenen Haus „Elisenstiftung 1902“, das auf ein Legat des Kaufmanns und Reeders Johann Dietrich Köncke und seiner Frau Elise, geb. Brauer, sowie das Erbe ihrer Tochter Elise Köncke zurückgeht (vgl. Informationsblatt des Bremer Bürgerparkvereins StAB 15 809 Za).
[12] StAB 2 Qq.4.c.3.b.4.aa. Bl.451.

Literatur und Quellen:
Bösenberg, Sibylla: Ein Glück für mich ist die Musik. Elise Müller, eine Bremer Musikerin aus der Zeit der Romantik, Bremen 2014.
Elise Müllers Testament: StAV 2 Qq.4.c.3.b.4.aa.

Romina Schmitter