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Nejedlo, Marie, gen. Ria, geb. Seidel

26.1.1908 in Bremerhaven – 24.12.2000 in Bremerhaven

Die Tochter des Gewerkschafters und SPD-Kommunalpolitikers Arthur Seidel (1883-1964) wurde, wie sie selbst von sich sagte, „in die Politik hinein geboren“. Sprechendes Zeugnis hierfür war, dass sie überwiegend in der Zentrale der Bremerhavener Arbeiterbewegung, im Gewerkschaftshaus „Eintracht“ in der Deichstraße, aufwuchs, wo der Vater, der damals örtlicher Geschäftsführer des Deutschen Baugewerkbundes war, seinen Dienst- und Wohnsitz hatte. So war es geradezu zwangsläufig, dass sie im Alter von 18 Jahren in die SPD eintrat und aktiv in der Arbeiterjugend mitwirkte. Sie besuchte die Handelsschule, absolvierte eine kaufmännische Lehre und war zunächst in der freien Wirtschaft tätig, bis sie von 1926 bis 1933, mit Unterbrechungen infolge der Weltwirtschaftskrise, bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse Bremerhaven eine Anstellung fand.

Die Ehe, die sie 1933 mit einem Schiffssteward schloss und aus der eine Tochter hervorging, gab ihr zunächst Sicherheit in der Zeit politischer Überwachung und Verfolgung, der u.a. ihr Vater zum Opfer fiel, der wie andere Gewerkschaftsführer von den Nationalsozialisten zeitweise in „Schutzhaft“ genommen wurde. Dies hielt die überzeugte und resolute Sozialdemokratin jedoch nicht davon ab, gelegentlich freimütig ihre Meinung zu äußern und sich damit in die Gefahr der Denunziation zu bringen. Nachdem sich die Eheleute zehn Jahre später getrennt hatten, heiratete sie 1944 den Tischler Helmut Nejedlo.

Nach Ende des 2.Weltkriegs war Ria N., wie Arthur Seidel, sogleich wieder präsent. Ihre eigentliche politische Karriere begann 1951 mit ihrer Wahl zur Bremerhavener SPD-Abgeordneten in der Bremischen Bürgerschaft, wo sie sich eine Wahlperiode lang sogar Seite an Seite mit ihrem Vater der parlamentarischen Arbeit widmete. Das Abgeordnetenmandat nahm sie bis 1975 wahr, zuletzt als dienstältestes Bürgerschaftsmitglied. Sie arbeitete während dieser Zeit in zahlreichen Parlaments-Deputationen mit, insbesondere in den Bereichen Wohlfahrt und Gesundheitswesen. Parallel dazu war sie lange Jahre als Vorstandsmitglied ihres Ortsvereins Bremerhaven-Mitte sowie als Mitglied des Unterbezirksvorstandes Bremerhaven aktiv. Der zur völligen Vereinnahmung tendierenden Arbeit in parteipolitischen und parlamentarischen Zirkeln begegnete sie, indem sie immer die Nähe zu ihrem Wahlkreis und zu den dort lebenden Menschen suchte.

Im privaten und halbamtlichen Bereich, u.a. als Seniorenbeauftragte des SPD-Unterbezirks Bremerhaven, setzte sie sich engagiert für die Belange älterer Menschen in Bremerhaven ein. Bekannt wurde sie durch ihre zahlreichen Auftritte als musikalische Unterhalterin bei Veranstaltungen des Sozialamtes, bei denen sie – häufig zusammen mit ihrem Fraktionskollegen Heinrich Grimm und später mit Mitgliedern des Stadttheaters – überwiegend Melodien aus Operetten und Musicals sang. Darüber hinaus leitete sie jahrelang eine Musikgruppe von etwa 50 Senioren, die sich regelmäßig im „Ankerplatz“ im Columbus-Center traf.

Literatur und Quellen:
Adamietz, Horst: Die 50er Jahre. Bremer Politiker 1951-1959, Br. 1978, S.145, 318-320, 430.
Bickelmann, Hartmut (Hrsg.): Bremerhavener Persönlichkeiten aus vier Jahrhunderten, Brhv. 2.Aufl. 2003, S.228, Erstveröffentlichung.
Hdb.Br.Bürgerschaft, 4.-8.Wahlperiode.
Wedemeyer, Klaus (Hrsg.): Gewollt und durchgesetzt. Die Bürgerschaftsfraktion des Landes Bremen von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart, Opladen 1983, S.176-178.

Uwe Jürgensen