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Niehaus, Charlotte, genannt Lotte, geb. Schnackenberg

30.9.1882 in Ottersberg bei Bremen – 19.2.1975 in Bremen

Charlotte war das dritte Kind des Zimmermanns Friedrich Schnackenberg und seiner Ehefrau Katharine. Ihre Kindheit verbrachte sie in ihrem Geburtsort Ottersberg, wo sie von 1888 bis 1896 die Dorfschule besuchte. Anschließend arbeitete sie ein Jahr lang als Kinderhilfe bei einer Ottersberger Familie. 1898 ging sie als Hausangestellte zu einer Kaufmannsfamilie nach Bremen und blieb dort bis zu ihrer Eheschließung mit dem Schneider Hermann Niehaus im Jahr 1904. In diesem Jahr wurde auch ihre Tochter Bertha geboren; drei Jahre später, 1907, kam ihr Sohn Hermann zur Welt.

In diese Jahre der Familiengründung fiel die politische Sozialisation von Charlotte Niehaus. Beeinflusst durch ihren Mann, der Gewerkschafter war und ab 1906 auch SPD-Mitglied, trat sie 1908 gleichfalls der SPD bei und engagierte sich sofort in der Frauenarbeit sowie der allgemeinen Parteiarbeit. 1917 schloss sie sich gemeinsam mit ihrer Freundin Anna Stiegler und etlichen anderen Genossinnen und Genossen der neugegründeten USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschalands) an, die die kriegsunterstützende Politik der Mehrheits-SPD ablehnte und die in Bremen von Alfred Henke geführt wurde. Als Vertreterin der USPD rückte sie am 28.11.1919 in die verfassungsgebende Bremische Nationalversammlung nach. Anschließend zog sie in die Bremische Bürgerschaft ein – ab 1922 nach Rückkehr des größeren Teils der USPD zur Mehrheits-SPD als SPD-Abgeordnete – und gehörte diesem Parlament kontinuierlich von 1920 bis zu dessen Selbstauflösung am 10.3.1933 an.

Von Anfang an engagierte sie sich für die sozial Benachteiligten der Gesellschaft; insbesondere die Frauen hatten in ihr eine kompetente Fürsprecherin. Neben ihrer Abgeordnetentätigkeit war Charlotte Niehaus in der Arbeiterwohlfahrt (AWO) engagiert. So gehörte sie 1920 zu den Gründerinnen des Bremer Landesverbandes dieser SPD-nahen Wohlfahrtsorganisation und übernahm 1928 erstmals auch dessen Leitung.

Nach dem Ende des 2.Weltkriegs kandidierte sie aus eigenem Entschluss nicht wieder für die Bürgerschaft, stellte jedoch ihr Fachwissen der Deputation für das Wohlfahrtswesen weiterhin zur Verfügung. Ihr Hauptinteresse galt jetzt der Arbeiterwohlfahrt, deren Bremer Leitung sie 1954 – zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, im Alter von immerhin 72 Jahren – zum zweiten Mal in ihrem Leben übernahm. Außerdem gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des im Juni 1951 auf Initiative des amerikanischen Sozialwerks Unitariergemeinschaft in enger Kooperation mit der AWO gegründeten Vereins Nachbarschaftshaus Bremen e.V., dessen Vorsitzende bis 1965 Helene Kaisen war. Der Verein konnte im Mai 1952 das Nachbarschaftshaus – heute Helene Kaisen-Haus – Beim Ohlenhof 10 in Gröpelingen einweihen, das eine zu der Zeit für Deutschland neue Form offener Sozialarbeit bis heute betreibt.

In die 50er Jahre fiel auch ihr Hauptwerk, die Einrichtung eines Heims für ledige Mütter und ihre Kinder in der Mainstraße 46 in der Neustadt, das 1959 eröffnet wurde. Zugleich beherbergte das Heim auch berufstätige junge Frauen. 1961 gab sie den Vorsitz der bremischen AWO an ihre SPD-Genossin Ella Ehlers ab. Für ihre über vierzigjährige Tätigkeit bei der Arbeiterwohlfahrt wurde Charlotte N. einstimmig zur Ehrenvorsitzenden der bremischen AWO gewählt und 1969 mit der Marie-Juchacz-Plakette ausgezeichnet. Außer in der AWO engagierte sie sich im Müttergenesungswerk sowie in dem 1946 gegründeten Bremer Frauenausschuss (BFA), dessen Vorstand sie zeitweise angehörte.

Sie überlebte ihre beiden Kinder, die bereits 1956 bzw. 1961 starben. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie – bis zuletzt eine begeisterte Skatspielerin – umsorgt von ihrer Enkeltochter, die mit ihrer Familie zur Großmutter in die Mindener Straße gezogen war. Sie starb im 93.Lebensjahr.

Charlotte Niehaus gehört an führender Stelle mit zu den Frauen und Männern, die nach den Verwüstungen des nationalsozialistischen Regimes in der noch jungen Bundesrepublik mithalfen, in Bremen eine demokratische Sozialpolitik aufzubauen, die an die Tradition der alten sozialdemokratisch orientierten Wohlfahrtspflege der Weimarer Zeit anknüpfte.

Ein Kindertagesheim an der Rablinghauser Landstraße 18 ist nach ihr benannt.

Literatur und Quellen:
Blandow, Jürgen: Von Friedrich Ebert bis Ella Ehlers. Die Vorgeschichte und die Geschichte der bremischen Arbeiterwohlfahrt, Bremen o.J. (1995), S.45.
Hoecker, Beate: Charlotte Niehaus(1882-1975), in: Meyer-Braun, Renate (Hrsg.): Frauen ins Parlament! Porträts weiblicher Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft, Bremen 1991, S.153-168.
Schwarzwälder, Herbert: Das Große Bremen-Lexikon, Bremen 2003, S.616.

Beate Hoecker (mit Ergänzungen)