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Oelfken, Maria Wilhelmine, gen. Tami

25.6.1888 in Bremen – 7.4.1957 in München

Tami entstammte einer gutsituierten bürgerlichen Familie. Der musisch begabten Mutter oblag die Erziehung der sieben Kinder und die Führung des Haushaltes; der Vater Johann Heinrich Conrad Oelfken (geb.19.3.1857) war stellvertretender Bürgermeister von Blumenthal und Beigeordneter der Regierung in Stade. Hauptberuflich arbeitete er als kaufmännischer Abteilungsleiter für eine Spedition bei der Bremer Baumwollkämmerei.

Sie konnte die Höhere Mädchenschule der Geschwister Gleim in Bremen-Vegesack besuchen. Ein angeborenes Hüftleiden verminderte nach Ansicht ihrer Eltern die Chancen einer Verheiratung. Dadurch war sie auf die Ausübung eines Berufes angewiesen. Man riet ihr, Lehrerin zu werden; für eine unverheiratete Frau gäbe es keinen angemesseneren Beruf, um ein gewisses Maß an Ansehen und Selbständigkeit zu erreichen. Wider eigene Überzeugung – sie wollte eigentlich Schriftstellerin werden – besuchte sie das Seminar von Johanne und August Kippenberg in Bremen, das sie 19jährig 1908 mit dem Lehrerinnenexamen abschloss. Zuerst war sie in Zwischenahn-Ohrwege angestellt, dann 1909 in der Schule in Bremen-Grohn. Sie führte einen an den Bedürfnissen der Kinder orientierten Unterricht durch und war mit den psychologischen und pädagogischen Reformideen der Bremer Pädagogen Heinrich Scharrelmann und Fritz Gansberg vertraut. Sie trat dem Bund der Entschiedenen Schulreformer bei.

Bald liebte sie ihren Beruf leidenschaftlich und fand außerdem Raum genug, ihren schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Wegen ihrer Eigenwilligkeit und ihres Temperaments geriet sie jedoch immer wieder in Konflikte mit Eltern und Schulbehörde. 1917 wurde sie deswegen nach Tarmstedt versetzt. Dort nahm sie Verbindung zu Heinrich Vogeler und seinen Worpsweder Freunden auf. Sie war so sehr von dem politischen und geistigen Ideengut der Barkenhoff-Gruppe beeindruckt, dass sie 1918 dem Spartakusbund beitrat. 1922 quittierte sie den Staatsdienst in Bremen. Sie war überzeugt, dass die bestehende Staatsschule den Erfordernissen einer zeitgemäßen und sozialen Erziehung nicht entsprach.

Sie ging nach Berlin und nahm, wieder als Lehrerin arbeitend, aktiv am Spandauer Schulkampf gegen Prügelstrafe und Gebetserlass teil. Später unterrichtete sie an der russischen Schule in Berlin; auch dort geriet sie wegen ihrer pädagogischen Vorstellungen und ihrer wachsenden kritischen Haltung gegenüber dem Kommunismus in Schwierigkeiten. Sie veröffentlichte nun erste pädagogische Arbeiten zu Fragen der Grundschularbeit und der Schulreform. Schließlich erhielt sie 1928 vom Schulamt die Erlaubnis, eine eigene Reformschule unter dem Einfluss der „Entschiedenen Schulreformer“ in Berlin-Lichterfelde zu gründen. Eine „Elternschule“ in Seminarform wurde als Unterrichtsvoraussetzung integriert. Sie finanzierte ihre Schule aus eigenen Mitteln.

Trotz zunehmender politischer Radikalisierung in Deutschland arbeitete sie bis 1933 erfolgreich, und viele Kinder aus Linksintellektuellen-, Verleger-, Schriftsteller- und Künstlerkreisen waren Schülerinnen und Schüler ihrer Schule. In dieser Zeit veröffentlichte sie ihre ersten Kinderbücher, „Peter kann zaubern“ (1931) und „Nickelmann erlebt Berlin“ (1932).

Nach der Machtübernahme lösten die Nationalsozialisten ihre Schule auf, und Tami O. erhielt als Pädagogin Berufsverbot auf Lebenszeit. Sie verließ Deutschland, um in Paris, Südfrankreich und später in London ihre Schule mit Kindern von Emigranten wieder aufzubauen. Doch diese Versuche wusste die Gestapo auf bürokratischem Wege immer wieder zu vereiteln. Die daraus erwachsene materielle Not zwang die Pädagogin 1939, wieder nach Deutschland (Berlin) zurückzukehren. 1940 schrieb sie ihren ersten Roman „Tine“.[1] Sie beschrieb darin die Lebensbedingungen der polnischen Arbeiter und Anfänge einer Umweltzerstörung. Hellsichtig warnte sie vor den Folgen einer rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Umwelt. 1942 erschien ihr Buch „Die Persianermütze.“[2]

Da ihre Werke der nationalsozialistischen Ideologie nicht entsprachen, wurden ihre Bücher beschlagnahmt. Sie wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen. Sie erhielt nun auch Schreibverbot auf Lebenszeit. In den folgenden Jahren wechselte sie ständig ihren Wohnsitz, um Bespitzelungen zu entgehen und arbeitete unter Pseudonymen für deutsche Zeitungen im Ausland. Während dieser Zeit machte sie konsequent Tagebuchaufzeichnungen, die sie später unter dem Titel „Fahrt durch das Chaos. Logbuch vom Mai 1939-1945″ veröffentlichte.

Nach 1945 erschienen sechs weitere Werke von ihr, doch die Hoffnung auf Rehabilitierung der Reformpädagogin und Schriftstellerin nach der Befreiung erfüllte sich nicht. Als sie sich 1951 in der Zeit des Kalten Krieges mit anderen namhaften Autoren für eine Ost-West-Verständigung einsetzte, bezeichnete die Wochenzeitung Die Zeit[3] sie als Kommunistin mit gefährlichen pazifistischen Ideen.[4] Man erklärte sie wieder einmal zur Staatsfeindin. Ihre materielle Grundlage wurde durch diesen Rufmord ebenso gründlich vernichtet wie im 3.Reich. Seither gehört sie bis in die jüngste Zeit zu den ignorierten Autorinnen der Nachkriegszeit. „Du sollst nicht schweigen…“ – was sie das 11.Gebot nannte – lautete die Überschrift des Schlusskapitels eines nicht mehr veröffentlichten Buches.

Die idealistische Sozialistin verbrachte ihre letzten Lebensjahre an der Grenze des Existenzminimums lebend in Überlingen am Bodensee und starb 69jährig nach einer Operation in München. Sie ist in der Familiengruft auf dem Friedhof in Bremen-Blumenthal beigesetzt.

In Bremen – Kattenturm wurden die Tami-Oelfken-Straße und in Bremen Lüssum-Bockhorn eine Ganztags-Grundschule nach ihr benannt.

Ihr Werk wurde erst nach ihrem Tod zunehmend wiederentdeckt.
In ihrer Blumenthaler Heimat ist sie noch heute gegenwärtig: denn sie hat sich in ihren Büchern auch kritisch mit der Entwicklung Blumenthals auseinandergesetzt. – „Du sollst nicht schweigen“ – lautet die Überschrift des Schlusskapitels eines nicht mehr veröffentlichten Buches, das eine Allegorie auf die überstandenen Schreckensjahre des 2.Weltkriegs darstellt. Mit dieser Aufforderung fand und benannte sie so das 11. Gebot – womit sie heute wieder ganz aktuell ist.

Publikationen:
Peter kann zaubern, Berlin 1931
Nickelmann erlebt Berlin, Berlin 1932
Tine, Berlin 1941, Dülmen-Hiddingsel,1947 und 1988 als Maddo Clüver.
Die Persianermütze (Traum am Morgen), Breslau 1942
Die Sonnenuhr, Überlingen 1946
Fahrt durch das Chaos, Überlingen 1946; neu herausgegeben, Konstanz 2004
Zauber der Artemis, Wedel 1947
Logbuch, Wedel 1948
Traum am Morgen, Gütersloh 1950
Stine vom Löh, Gütersloh 1953
Die Kuckucksspucke, Weimar 1954
Die Penaten, Düsseldorf 1954
Texte in Bremen einst und jetzt. Eine Chronik, Bremen, 1955

Anmerkungen:
[1] späterer Titel: Maddo Klüver.
[2] späterer Titel: Traum am Morgen.
[3] Die Zeit,3.5.1951.
[4] Habermann, S.188.

Literatur und Quellen:
Fiedler, Ulf: Vom roten Plüsch zur Räterepublik. Das abenteuerliche Leben der Tami Oelfken, in: ders. (Hrsg.): Dichter an Strom und Deich. Bremen 1995, S.41-49.
Habermann, Ursel (Hrsg.): Briefe nach Bremen 1945-1955, Dülmen-Hiddingsel 1988.
dies.: Befreiung aus dem roten Plüsch, in: stint Nr.7/1990.
dies.: Tami Oelfken. Lebensgeschichte – Zeitgeschichte, in: Schriftreihe der Wissenschaftlichen Einheit. Frauenstudien und Frauenforschung an der Hochschule Bremen. Band 3, Bremen 1991, S.141-162.
dies.: „Das Gewohnte und das Feste will ich lassen…“ Annäherung an eine vergessene Dichterin: Tami Oelfken (1888-1957, in: Allmende. Nr. 28/29, 1991, S.166-188.
Heilmann, Kurt: Kleiner Wegweiser über Leben und Werk der Blumenthaler Schriftstellerin Tami Oelfken, Bremen 1990.
Karrenbrock, Helga: Oelfken, Tami. In: Neue Deutsche Biographie, Band19, Berlin 1999, S.436f. (Digitalisat).
Pollem Jens: Tami Oelfken. Pädagogin und Schriftstellerin, in: Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte. Zeitschrift für die Regionalgeschichte Bremens im 19. und 20.Jahrhundert. Nr.20, 2008, S.63-69.
Röttges Brigitte: Tami Oelfken. In: VS – (Hrsg.): Verbrannt. Vergessen? Berlin 2007, S. 42-44.
Schulz, Kurd: Oelfken, Maria Wilhelmine gen. Tami, in: Bremische Biographie 1912-1962. Bremen 1969, S.356 – 357.
Tami Oelfken Gesellschaft e.V.,Cloppenburger Str.109, 26135 Oldenburg, E-mail: tami.oelfken@t-online.de, Kontakt: Ulrich Hartig.

Helga Fuhrmann (mit Ergänzungen)