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Oppel, Anna Amalie Elisabeth, genannt Lisel

14.10.1897 in Bremen – 11.7.1960 in Bremen

Lisel wurde als achtes und letztes Kind des Bremer Gymnasiallehrers Alwin Oppel und seiner aus der Schweiz stammenden Frau Amalie geboren. Da es in deren Verwandtschaft zwei anerkannte Malerinnen gab, hatte die Tochter mit dem Wunsch, Künstlerin zu werden, keinen Widerstand zu überwinden.

Vom Sommersemester 1914 bis Sommersemester 1915 nahm sie teil am Kunstgewerblichen Unterricht des damaligen Gewerbe-Museums in Bremen. Dann blieb sie für zwei Jahre – der 1.Weltkrieg hatte begonnen – zur Unterstützung der Eltern zu Hause. Vom Sommersemester 1917 bis Sommersemester 1918 studierte sie an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München. Die Idee, Zeichenlehrerin zu werden, um damit einen Beruf zu erwerben, der ihr ein sicheres Einkommen beschert hätte, verwarf sie und nannte der Schule als Berufswunsch „freie Künstlerin“.

Ab 1919 wohnte sie in Worpswede und blieb dort ihr ganzes Leben, unterbrochen durch lange, auch mehrjährige Aufenthalte in anderen Ländern. Fünf Jahre, von 1930 bis 1935, verbrachte sie am Golf von Neapel, zuerst im Künstlerdorf Positano, dann in Vietri bei Salerno, wo sie in einer Steingutfirma als Keramikerin arbeitete. Von ihrer Produktion hat sich dort nur weniges erhalten: Zwei große Vasen mit szenischen Motiven und eine kniende Madonna mit Kind auf dem Schoß befinden sich in Privatbesitz auf Ischia, wo sie im Sommer 1932, mit knapp 35 Jahren, unverheiratet ihren Sohn Claudio zur Welt brachte.

Als sie 1935 nach Worpswede zurückkehrte, erlebte sie die veränderte politische Welt im Künstlerdorf. Dem Anpassungsdruck des nationalsozialistischen Kunstdiktats erlag sie nicht, sondern entzog sich – selbstbewusst und mutig. Anfangs wich sie aus, indem sie im Frühjahr 1936 wieder nach Italien reiste, diesmal nach Kalabrien. Im Sommer 1937 kehrte sie zurück und war in Heimarbeit tätig für eine Steingutfabrik in Bremen.

Mit Beginn des 2.Weltkrieges wurde sie eingezogen als technische Zeichnerin auf der AG Weser und musste zur Untermiete in Bremen wohnen, während Claudio weiter in Worpswede zur Schule ging und dort betreut wurde. Diese Verpflichtung dauerte ein knappes Jahr, dann reiste sie mit dem Sohn wieder in den Süden, diesmal auf die Fraueninsel im Chiemsee. Dort fand sie Arbeit in der Inseltöpferei und produzierte Kacheln, Engel mit Kerzenhalter, auch Madonnen, kniend oder sitzend, mit dem kleinen Jesus im Arm. Sie wohnte bei einer Familie in deren Ferienwohnung; ihr Sohn wurde aufgenommen wie ein eigenes Kind. Da sie offenbar, vielleicht auch ausschließlich, auf eigene Rechnung arbeitete, schickte sie regelmäßig Kacheln an Martha Vogeler nach Worpswede zum Verkauf und brachte sie zuweilen sogar selbst hin. Neben dieser „Brotkunst“ vergaß Lisel Oppel allerdings nie ihr eigentliches Geschäft, das der freien Kunst.

Sie nahm in Bremen regelmäßig an Ausstellungen teil und machte sich bekannt mit ihren charakteristischen Bildern aus dem Teufelsmoor. Auf der Fraueninsel malte sie die Boote auf dem See und die Landschaft des Chiemgaus, porträtierte den Töpfer, seine Frau und ihre Wirtsfamilie. Diese Bilder sind dort heute noch in Privatbesitz. Als Claudio die Volksschule beendet hatte, brachte seine Mutter ihn im Sommer 1943 in ein Internat nach Krems an der Wachau. Dort fühlte sich der Sohn aber nicht wohl, so dass sie ihn an einem Bremer Gymnasium anmeldete, das – Stichwort Kinderlandverschickung – ausgelagert war nach Lofer in der Nähe von Salzburg. Dort bleibt Claudio bis September 1945. Währenddessen befreundete sich die Malerin in Worpswede mit einem französischen Kriegsgefangenen, wurde angezeigt, denn solche Kontakte waren verboten, und am 21.3.1945 verurteilt zu einem Jahr Zwangsarbeit. Zunächst inhaftiert in Wesermünde, dem heutigen Bremerhaven, dann verlegt nach Stade, verbrachte sie nur einen Monat im Gefängnis, da der Krieg dort am 21.4.1945 zu Ende war.

Obwohl sie offenbar mit dem Gedanken spielte, nach Frankreich auszuwandern, blieb sie in Worpswede und lebte weiter ihrer „Sehnsucht in die weite Welt“: Sie hielt sich mehrere Monate in der Schweiz auf, besuchte Positano und Ischia, erschloss sich Spanien und Algerien – aus Marrakesch schickte sie lange begeisterte Briefe an einen Bekannten. Auf ihrer vorletzten Reise erlebte sie Ägypten und schrieb den prophetischen Satz: „Nun kann ich ruhig dahinfahren, denn meine Augen haben gesehen“. Obwohl sie sich nicht gesund fühlte, reiste sie zu den Osterfeierlichkeiten nach Sevilla. Krank kam sie zurück, wurde eingeliefert in das heutige Klinikum Bremen-Ost, wo ein Karzinom an der Halswirbelsäule diagnostiziert wurde. Kurz darauf starb sie.

„Worpswede verlor eine begnadete Malerin“ – schrieben die Bremer Nachrichten zu ihrem Tod. Sie gehört zur zweiten Worpsweder Künstlergeneration. Charakteristisch für ihre Kunst ist ihre expressionistische Handschrift in kräftiger Farbigkeit. Es sind zumeist Arbeiten in Öl, bei denen sie häufig den Malgrund, eine braune Pappe, stehen lässt als malerisches Element. Menschen und Tiere, das dörfliche Leben, Arbeit und Feste, die Landschaft der Hamme-Niederung sind ihre Themen. Daneben bewies sie immer wieder ihre hohe Kunst des Porträtierens – vor allem liebte sie es, Kinder zu malen, häufig auch beim Spiel, sommers wie winters. Die „Laternenkinder“ wurden ihr Verkaufsschlager der 1950er Jahre, die sie in unzähligen Variationen produzierte. Damit ist die eine Welt ihrer Themen umschrieben.

Die andere ist die ferner Länder. Von ihren Reisen brachte sie Stapel von Aquarellen mit nach Hause. Fischer und Bauern in Süditalien, Straßenszenen in Madrid, Sevilla, der Hafen von Tanger, das Leben in den Basaren von Marrakesch. 1954 zeigte die Bremer Kunsthalle ihre Arbeiten in der Ausstellung „Bremer Maler auf Reisen“ und das Publikum war fasziniert.

Ihre ungeheure Produktivität ermöglichte der Malerin eine durchaus auskömmliche Existenz, denn ihre Bilder verkauften sich, spätestens seit Kriegsende, gut. Zusätzlich erhielt sie seit 1929 die regelmäßige Zuwendung aus einer Bremer Stiftung, eine Art Stipendium, ausgezahlt bis zum Ende ihres Lebens. So konnte sie das Leben einer freien Künstlerin führen, wie sie es sich zu Beginn ihrer Karriere erhofft hatte. Nach ihrem Tod wurde das Interesse an ihren Bildern geringer und stieg erst wieder an mit den Erinnerungsausstellungen seit ihrem 100.Geburtstag.

2008 vermachte Claudio O. Bilder seiner Mutter zusammen mit dem Nachlass dem Worpsweder Archiv im Barkenhoff. Etliche ihrer Werke sind auch in der dortigen Großen Kunstschau zu sehen; der allergrößte Teil aber befindet sich in Privatbesitz. Heute erzielen ihre Werke in Galerien und auf Auktionen steigende Preise.

Literatur und Quellen:
Gudera, Alice; Holz, Donata; Nachtwey, Birgit; Schönbohm, Bärbel: …und sie malten doch! Geschichte der Malerinnen – Worpswede, Fischerhude, Bremen, Bremen 2007
Krause, Christine: Die Bilderwelt der Malerin Lisel Oppel, Bremen 2016
Krause, Christine: Die Malerin Lisel Oppel. Ein faszinierendes Leben in Worpswede und am Mittelmeer, Bremen 2010 (dort weitere Literatur und Hinweis auf Briefe und Schriften L.O.)
Nachtwey, Birgit: Station Schluh, offenes Haus und zweite Heimat für Künstler, Schriftsteller und Kunsthandwerker, Worpswede 1995
Rabenstein, Almuth: Lisel Oppel, Fischerhude o.J.
Richter, Dieter: Von Worpswede nach Italien. Lisel Oppel – Malerin im Süden, Bremen 2005

Christine Krause