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Overbeck-Rohte, Hermine, geb. Rohte

24.1.1869 in Walsrode – 29.7.1937 in Bremen

Hermine war das jüngste von sechs Kindern. Die Familie unterstützte ihre schon im Kindesalter sich abzeichnende künstlerische Begabung und ließ sie privaten Zeichenunterricht nehmen. Als sie jedoch nach Beendigung der Schule den Wunsch äußerte, Malerin zu werden, ging das den Eltern entschieden zu weit. Als feinsinniges Hobby war die Kunst für ein Mädchen aus gutem Hause gerade recht, als Profession kam sie nicht infrage. Sie musste stattdessen Hauswirtschaft und Krankenpflege lernen und arbeitete einige Zeit als Erzieherin. Jedoch nahm sie weiterhin privaten Malunterricht und ließ sich in der Kunst des Fotografierens unterweisen. Einige ihrer Landschaftsfotografien aus dieser Zeit haben sich erhalten und offenbaren ihren schon früh geschärften Blick für ungewöhnliche Bildausschnitte.

Im Alter von 23 Jahren schrieb sie sich als Malstudentin an der „Damenakademie“ in München ein. In Deutschland gab es zu dieser Zeit nur drei Damenakademien, und sie füllten ein Vakuum, denn Frauen blieb der Zugang zu den staatlichen Akademien noch bis 1919 verwehrt. Wollte eine Frau im ausgehenden 19.Jahrhundert also eine fundierte künstlerische Ausbildung erhalten, so war der Besuch einer Damenakademie ihre einzige Möglichkeit.

Hermine Rohte studierte vier Jahre in München, unter anderem bei der renommierten Landschaftsmalerin Tina Blau. Hier entwickelte sich ihr künstlerischer Blick für Landschaften und sie kam in Kontakt mit zeitgenössischen impressionistischen Strömungen. Als sie 1896 auf der Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast die Werke des Worpsweder Malers Fritz Overbeck sah, beschloss sie, bei ihm Unterricht zu nehmen, und reiste nach Worpswede. Nach ihrer Verlobung mit Fritz O. – nur drei Monate später – setzte sie ihr Studium in München nicht fort, sondern widmete sich zunächst, wie in bürgerlichen Kreisen üblich, der Erstellung der Aussteuer und später der Führung des Haushalts sowie der Erziehung der Kinder. Doch die Kunst blieb ihr wichtigstes Thema: Sie nahm intensiv Anteil am Kunstschaffen ihres Mannes und sparte nicht mit fachkundiger Kritik.

Ihre in der Verlobungszeit vielfach geäußerte Sorge, wie sich für sie die Rolle als Malerin mit der Rolle als Ehefrau und Mutter vereinbaren lassen wird, schien zunächst unbegründet: Die ersten Jahre nach der Hochzeit waren ihre produktivsten. In der freien Natur und im eigenen Atelier malte sie zahlreiche Landschaften und Wolkenstudien, die durch ihren koloristischen Reiz und ihre malerische Oberfläche mit kräftigen, pastosen Pinselstrichen bestechen. Anders als ihr Mann wählte sie oft kleine, intime Ausschnitte, sodass die Landschaft geradezu wie ein Interieur erscheint, hob scheinbar Nebensächliches hervor und fing in impressionistischer Manier das Sonnenlicht ein. Nicht die Weite der norddeutschen Tiefebene stand bei ihr im Vordergrund, sondern die Unmittelbarkeit des Naturerlebens.

Im Jahr 1898 wurde ihr Sohn Fritz Theodor geboren, 1903 Tochter Gerda. Die Fürsorge für die wachsende Familie drängte das Malen zunehmend in den Hintergrund. Zudem erkrankte sie an Lungentuberkulose. Wiederholte Sanatoriums-Aufenthalte brachten keine Heilung, und 1905 zog die Familie von Worpswede nach Bremen-Vegesack, unter anderem weil ihr das feuchte Klima im Teufelsmoor nicht bekam. Auch im neuen Haus richtete Fritz O. seiner Frau ein eigenes Atelier ein. Durch ihre geschwächte Gesundheit stärker als früher ans Haus gebunden, malte sie hier vor allem Ansichten ihres Gartens und zahlreiche Stillleben. Ihre kleinformatigen Obst- und Blumenstillleben kommen mit wenigen, einfachen Elementen aus und betonen in der bildfüllenden Darstellung von Äpfeln oder Tongefäßen die künstlerische Eigenständigkeit von Form und Farbe.

Doch 1908 brach ihre Lungenkrankheit erneut aus. Fast ein ganzes Jahr musste sie im Schweizerischen Davos verbringen. Im Sommer 1909 wurde sie, wenn auch stark geschwächt, als geheilt entlassen. Nur drei Tage nach ihrer Rückkehr starb Fritz O. unerwartet im Alter von nur 39 Jahren an einem Hirnschlag. Der Verlust traf sie schwer. Neben der Trauer um den geliebten Ehemann musste sie nun allein für die Kinder sorgen und machte es sich zudem zur Aufgabe, den umfangreichen Nachlass ihres Mannes zu betreuen. Sie organisierte Gedächtnisausstellungen, legte ein Werkverzeichnis seiner Bilder an und nahm viele Entbehrungen in Kauf, um so wenige seiner Bilder wie möglich verkaufen zu müssen.

Das eigene Schaffen trat in dieser Zeit ganz in den Hintergrund. In den schwierigen Jahren des 1.Weltkriegs und der Inflationszeit forderte der Alltag ihre ganze Kraft. Doch sie gab das Malen nicht ganz auf. Sie begab sich auf Studienreisen auf den Spuren ihres Mannes: So malte sie auf Sylt und in der Rhön, wo auch er gemalt hatte. Eine Zusammenarbeit mit ihrem Sohn, dem Botanik-Professor Fritz Theodor O., führte in den Jahren 1933/34 noch einmal zu einer intensiven künstlerischen Tätigkeit: Sie fertigte für ein von ihm verfasstes Pflanzenbestimmungsbuch naturgetreue Illustrationen an. Ihre Liebe zur Natur, der geschulte Blick für das Detail und der souveräne Umgang mit Pinsel und Zeichenstift treten an den präzisen und zugleich lebendigen Pflanzendarstellungen deutlich zutage. Als Auftragsarbeit unter den strengen Vorgaben wissenschaftlichen Zeichnens entstanden, zählen diese Arbeiten dennoch nicht zu ihrem künstlerischen Oeuvre im engeren Sinn.

Vor allem in ihren Ölgemälden auf Leinwand und Karton zeigt sich die Künstlerin, die dem reichen Bilderfundus der Künstlerkolonie Worpswede durchaus einen eigenen Akzent hinzuzufügen hat. Mehr als 250 Werke belegen eindrucksvoll, dass sie weit mehr war als nur „die Frau von Fritz Overbeck“. Und doch stellte die Malerin ihre Arbeiten zu Lebzeiten niemals aus und hielt sich bewusst im Schatten ihres berühmten Ehemannes.

Als sie im Alter von 68 Jahren an den Folgen eines Autounfalls starb, hinterließ sie ein umfangreiches, vielseitiges und bis dahin vollkommen unbekanntes Werk. Es schlummerte noch weitere 50 Jahre in Privatbesitz. Erst mit der Gründung des Overbeck-Museums in Bremen im Jahr 1990 wurden ihre Bilder der Öffentlichkeit zugänglich.

Das Overbeck-Museum zeigt heute ganzjährig das Werk Hermine Overbeck-Rohtes in wechselnder Auswahl und erforscht und betreut den Nachlass der Künstlerin.

Ausstellungen:
seit 1990 Dauerausstellung im Overbeck-Museum, Bremen
„Deine Frau, Dein Freund, Dein Kollege, Dein Alles – Hermine Overbeck-Rohte. Die Retrospektive“ im Overbeck-Museum, Bremen 2011
„Hermine Overbeck-Rohte – Eine Worpsweder Künstlerin in Schleswig-Holstein“ im Wenzel Hablik Museum, Itzehoe 2012
„Naturgetreu – Die Pflanzenzeichnungen Hermine Overbeck-Rohtes“ im Overbeck-Museum, Bremen 2014

Literatur und Quellen:
Fiebig, Harald: Hermine Overbeck-Rohte, in: 3mal Overbeck. Fritz und Hermine Overbeck. Ein Worpswede Künstlerpaar, Oldenburg 2002, S.67-94.
Heidemann, Christine/Fiebig, Harald (Hrsg.): Hermine Overbeck-Rohte und Fritz Overbeck, ein Briefwechsel (1896-1909), Bremen, o.J.
Nachtwey, Birgit: Hermine Overbeck-Rohte, in: …und sie malten doch! Geschichte der Malerinnen. Worpswede, Fischerhude, Bremen. Bremen 2007, S.67-72.
Overbeck-Museum (Hrsg.): Hermine Overbeck-Rohte – Deine Frau, Dein Freund, Dein Kollege, Dein Alles, Ostfildern 2011.

Katja Pourshirazi