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Plate, Mathilde Anna

5.7.1878 in Bremen – 24.1.1963 in Bremen

Mathilde Annas Eltern waren der Lehrer und spätere Schulvorsteher Friedrich Plate (1854-1944) und Sophie, geb. Steinberg (1853-1938). Sie wuchs in Bremen-Walle auf. Die Familie zog 1913 mit den beiden Töchtern Mathilde und Frida (1892-1981) und dem Sohn Ludwig, dem späteren bremischen Strombaudirektor (1883-1967), in das Haus Chemnitzer Str.15 in Findorff, in dem Mathilde P. bis zu ihrem Tode wohnte. Sie absolvierte nach 4jährigem Volksschulbesuch in Walle 1897 erfolgreich die Höhere Mädchenschule mit angegliedertem Lehrerinnenseminar von August Kippenberg.

Ihre erste Anstellung als Lehrerin erhielt sie 1898 an der Mädchenschule von A.H. Dreyer, die sie 1902 verließ, um Sprachstudien in Paris zu betreiben. Nach Beendigung des Auslandsaufenthaltes wurde aus der ehemaligen Schülerin die Lehrerin am Privatinstitut von August Kippenberg in den Jahren 1904 und 1905. Doch Lernfreunde und Bildungshunger drängten sie zum für die damalige Zeit für Frauen noch ungewöhnlichen Universitätsstudium. Sie studierte ab Oktober 1905 – zunächst als Gasthörerin, da Frauen erst 1908 an Deutschen Universitäten zum Studium zugelassen wurden – Deutsch und Geschichte in Freiburg und Göttingen und machte 1908 ihr Staatsexamen. Ihre Arbeit „Die Entwicklung des Gewerbewesens in Bremen“ weist sie als kenntnisreiche Mediävistin[1] aus. Mit ihrem Lehrer, dem Göttinger Historiker Brandi, der ihr einige seiner Arbeiten widmete und dessen Foto ihren Schreibtisch zierte, verband sie Zuneigung und Freundschaft.

1906 kehrte sie nach Bremen zurück. Sie unterrichtete zunächst wieder an der Kippenberg-Schule, bevor sie 1916 als Studienrätin an das neu gegründete Städtische Lyzeum mit Studienanstalt an die Kleinen Helle berufen wurde. 1919 wurde sie Direktorin dieser ersten staatlichen Höheren Mädchenschule in Bremen. Neben die „kleine“ Politik in der Schule trat ab 1919 die „große“ Politik im Landesparlament.

Im Jahre 1919 zog sie als Abgeordnete der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) in die bremische Nationalversammlung ein. Es folgten acht Jahre intensiver Tätigkeit, in der sie in ihrer Doppelfunktion als Schulleiterin und Abgeordnete versuchte, ihre politischen und pädagogischen Interessen miteinander zu verbinden, indem sie sich bemühte, in der Politik verbesserte Rahmenbedingungen für ihre pädagogische und soziale Arbeit zu erwirken. Darüber hinaus war sie, durch die St. Petri Domgemeinde benannt, ab 1920 Mitglied des Bremischen Evangelischen Kirchentags, dem sie bis zu seiner Auflösung am 24.1.1934 angehörte. Und ab 1926 engagierte sie sich ideell und materiell in der Sektion Bremen des Deutschen Frauenbundes für alkoholfreie Kultur, dessen 2.Vorsitzende sie war.

In der Zeit des Faschismus hielt sie sich „bedeckt“. Ihr traditionsverhaftetes Geschichtsbewusstsein, das konservative Selbstverständnis und ihre protestantische Ethik bewahrten sie aber vor Anbiederungen an das neue System. Sie vermied es, vereinnahmt zu werden, ohne dabei wirklich anzuecken. Die am 23.3.1938 beschlossene Schulreform bedeutete für die Kleine Helle, wie Mathilde Plate später resümierte, „die Zerschlagung alles dessen, was in Jahrzehnten umkämpft und erreicht“[2] worden war.

Sie erlebte den Zusammenbruch des Faschismus in Bremen. Die inzwischen 67jährige Frau fühlte sich jung und stark genug für den Wiederaufbau des Landes und ihrer Schule. Sie blieb bis 1949 als Schulleiterin im Amt. 1949 kandidierte sie auf Drängen der CDU im Bremer Westen für den ersten Bundestag und unterlag. Doch wacher Geist und ungebrochene Tatkraft ließen sie nicht ruhen. Bereits 1945 war sie von der St. Petri Domgemeinde zurückgekehrt in die Waller Gemeinde, in der sie getauft und konfirmiert worden war. Für sie zog sie als Mitglied in den nach dem Krieg wieder gegründeten Kirchentag. Ab 1953 gehörte sie auch dem Vorstand der Waller Kirche an. Daneben war sie in einer Vielzahl von Vereinen tätig. Ihre besondere Verbundenheit galt nach wie vor dem Deutschen Frauenbund für alkoholfreie Kultur und den Ottilie-Hoffmann-Häusern.

Befragt nach ihrem aufreibenden und vielfältigen Engagement neben Beruf und Politik in den vielen Vereinen und Verbänden, begründete sie dies mit Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein als Staatsbürgerin und mit ihrem Status als ledige Frau. „Es ist die Ehrenpflicht für uns Unverheiratete“, meinte sie, „die kulturelle Arbeit auf diese Weise zu unterstützen.“[3] Gegängelt durch den Beamtinnen-Zölibat und durch eine Moral, die Lehrerinnen einzig eine „geistige Mutterschaft“ zugestand, verzichtete sie auf Ehe und Familie.

Ihr Leben war Arbeit. Sie war Pädagogin aus Berufung, caritativ tätig aus christlicher Nächstenliebe, Kämpferin gegen den Alkoholismus aus Überzeugung und Politikerin, weil – wie sie es selbst ausdrückte – „die Politik zu ihr kam.[4] Sie lebt noch heute im Gedächtnis jener fort, die sie gekannt haben, die ihr begegnet sind. Sie wurde als Persönlichkeit erlebt, die man so schnell nicht vergisst. In den Erzählungen ehemaliger Kolleginnen wird eine Frau sichtbar, die beeindruckt hat. Den Schulweg zwischen Chemnitzer Straße und der Kleinen Helle legte sie immer zu Fuß zurück „gemessenen Schrittes“, wie es hieß, ebenso gemessen, wie sie auf den Fluren „ihrer“ Schule schritt. Sie hatte etwas Hoheitsvolles, ja Königliches an sich, das mit der Zuschreibung „Fürstin Mathilde“ charakterisiert wurde. „Fürstin Mathilde“ hieß auch das Spiel, das Schülerinnen der 12. und 13.Klasse am 11.5.1963 für die verstorbene Mathilde Plate aufführten. U.a. musizierten Renate und Birgid von Rohden, die Schülerinnen der Kleinen Helle gewesen waren.

Publikationen:
Die Entwicklung des Gewerbewesens in Bremen, Schriftliche Hausarbeit zur wissenschaftlichen Prüfung (Oberlehrerinnenprüfung), vorgelegt Universität Göttingen 1909
Die Kleine Helle von 1916-1949, in: 40 Jahre ‚Kleine Helle‘, Bremen 1956

Anmerkungen:
[1] Altgermanistik, Mittelalterforschung.
[2] Plate, Mathilde, S.13.
[3] ebda.
[4] BN 4.7.1953.

Literatur und Quellen:
Archiv bremische Evangelische Kirche, Protokolle der Kirchentage 13.11.1922, 11.6.1948, 24.2.1950.
Bremer Nachrichten 4.7.1953, 25.1.1963.
Bremische Biographie des 19.Jhdt., Bremen 1912.
Bremisches Jahrbuch 1962, Die Mitglieder der Historischen Gesellschaft, S.495.
Bürgerschaftsprotokolle 1919-1927.
Cyrus, Hannelore: Mathilde Plate, in: Meyer-Braun, Renate (Hrsg.): Frauen ins Parlament! Porträts weiblicher Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft, Bremen 1991, S.169-191.
Cyrus, Hannelore: Fürstin Mathilde. Ein (un)gewöhnliches Frauenleben vom deutschen Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2000.
Forck, Elisabeth: Rückblick, StAB i.VI, 7,500-41.
Nachlass Brandi, Briefe Mathilde Plate an Karl Brandi, Universität Göttingen.
Plate, Mathilde: Die Kleine Helle von 1916-1949, in: 40 Jahre ‚Kleine Helle‘, Bremen 1956.
Weser Kurier 23.7.1949, 17.5.1950, 31.3.1956.

Hannelore Cyrus