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Preißner, Cläre, geb. Mehlhase

27.6.1900 in Bremen – 6.1.1991 in Bremen

Cläre wurde in das Jahr 1900 hineingeboren. Eine wirtschaftlich schlechte Zeit. Sie war das 13. und jüngste Kind. Die Familie war arm, der Vater häufig arbeitslos. Die Mutter arbeitete als Hilfe bei „feinen Bremern“, wie Cläre es nannte. Entgegen der damaligen Gepflogenheiten war es in der Familie selbstverständlich, dass Mädchen – genau wie die Jungen – eine Schulausbildung erhielten. Cläre durfte die Schule in der Schmidtstraße besuchen, die 1854 als erste staatliche Schule in Bremen gegründet worden war und an der kein Schulgeld gezahlt werden musste. Noch heute hat die Schule an der Schmidtstraße Holzschuhe – „Klünken“ – im Wappen, denn viele Kinder waren so arm, dass sie keine Lederschuhe hatten, sondern in Holzschuhen zur Schule kamen und die Schule deshalb „Klünkengymnasium“ genannt wurde.

Im Elternhaus wurde viel gelesen. Hier erwarb Cläre die Grundlagen für ihre Literaturkenntnisse. Schon in der Schule trug sie leidenschaftlich gern Gedichte vor. Auffällig war auch dort schon ihr Gerechtigkeits- und Eigensinn. So verweigert sie den Gehorsam, eines der für sie schrecklichen, vaterländischen Lieder zu singen.

Nach der Schule erlaubten ihr ihre Eltern, eine Ausbildung zur Kürschnerin zu machen.

Während der Bremer Räterepublik trat Cläre in die KPD ein, in der sie ihren Mann, den Schriftsteller, Journalisten und Widerstandskämpfer Carl Preißner (Peter Kast) kennenlernte. 1922 wurde ihr Sohn Uschka geboren. Da ihr Mann unregelmäßig Geld verdiente, sicherte sie als Kürschnerin den Unterhalt der Familie. Das war für sie selbstverständlich, aber dass sich ihr Mann und Vater ihres gemeinsamen Sohnes nicht um die Familie kümmerte, das nahm sie nicht hin und sie ließ sich scheiden. Ein Schritt, der damals nur schwer verstanden wurde, hatte sich Carl Preißner, zudem hoch angesehener Revolutionär und Schriftsteller, doch nicht anders verhalten als die meisten anderen Männer.

Den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn verdiente sie weiterhin als Kürschnerin. Doch ihre große Leidenschaft galt der Literatur und der Politik. In den 1920er Jahren trat sie den „Blauen Blusen“ bei, einer Bremer Agitpropgruppe, der wohl auch – nach Cläres Aussagen – kurzzeitig Erich Weinert angehört haben soll.

Während des Faschismus betreute sie im Auftrage ihrer Partei gefangene Genossen, die im „KZ Missler“ inhaftiert waren. Ihr Sohn wurde eingezogen. Er kehrte nicht mehr aus dem Krieg zurück. Diesen Verlust hat Cläre nie verwinden können. Nach dem Krieg schloss sie sich der „Sing und Spielgemeinschaft Oberneuland“ an; 1968 wurde sie wieder parteipolitisch aktiv, nun in der DKP.

Cläre Preißner war 82 Jahre alt, als sie mit weißem, in Wellen gelegtem Haar, lila Samtkleid und indischem lila Glitzertuch mit der Kabarettgruppe „Li(e)dschatten“ am 8.März 1982 auf der Bühne des Kulturzentrums Schlachthof in Bremen stand und das Publikum begeisterte.

Cläre trug nicht vor – sie deklamierte. Höchst professionell, mit aufrechter Haltung und großer Geste theaterreif, zeigte sie einen Ausschnitt aus der Bandbreite Ihres darstellerischen Könnens. Der „Brief an einen General von einer Mutter, deren einziger Sohn gefallen ist“ (Autor und vollständiger Text unbekannt) ließ Gänsehaut aufkommen. Jedes Wort war ein Stück ihres Herzens. Mit wunderbarer Selbstironie jede Silbe auskostend sprach sie „Der andere Mann“ von Kurt Tucholsky. Mit widerständiger Leidenschaft sang sie „Lili Marlen“ nach einem Text von Johann Sobich, der sich gegen die Aufrüstung in der jungen Bundesrepublik richtete, vor allem gegen die Aufstellung der Bundeswehr, mit dem Refrain „Wir können das nicht mehr verstehen, wollen nicht mehr vor Kasernen stehen, wie einst Lili Marlen“.

Der Auftritt mit der Frauenkabarettgruppe Li(e)dschatten war für sie ein wunderbarer Höhepunkt ihres Alters. Seit über 20 Jahren hatte sie zuvor auf keine Bühne mehr gestanden.

Die letzten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte sie in der Bremer Egestorff-Stiftung. Nach zwei Oberschenkelhalsbrüchen war sie weitgehend auf den Rollstuhl angewiesen. Die Sehkraft ihrer Augen hatte ebenfalls nachgelassen, so dass sie in den letzten drei Lebensjahren nichts mehr lesen konnte. Umso wichtiger wurden ihr Gespräche, Besuche, und vor allem auch das Radio. Am Radio verfolgte sie die politischen Ereignisse und die Musik – und Literaturprogramme. Daraus ergab sich immer anregender Gesprächsstoff bei Besuchen. Darüber hinaus hatte sie einen unglaublichen Fundus von Gedichten und Prosatexten im Kopf, die sie sich selbst und auch Besuchern immer wieder rezitierte, um den Geist wach zu halten.

Sie führte ein eigensinniges, politisch aktives, selbstbestimmtes und frauenbewegtes Leben, basierend auf einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Bis zu ihrem Tod war sie fest von der Idee des Sozialismus überzeugt. Sie starb im Alter von 91Jahren.

Ihre Beerdigung fand im kleinen Kreise statt; die Familie Sobich hatte sich in den letzten Lebensjahren um Cläres Angelegenheiten, so auch um die Beerdigung, gekümmert.

Das Interview, das sie für eine Ton-Dia-Show gab, ist von ihr geblieben, außerdem einige ausdrucksstarke Porträts der Malerin Marlis Glaser.

Literatur und Quellen:
Viele persönliche Gespräche mit Cläre Preißner und gemeinsamer Auftritt mit „Li(e)dschatten“.
Jung, Wolfgang/Lindemann, Barbara/Drechsel, Wiltrud: Bremer Freischülererinnerungen, Ton-Dia-Show, Schulgeschichtliche Sammlung.
Dies.: Interview mit Cläre Preißner; in: Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens, Heft 3, Bremen 1981, S.7-20.
http://www.glucke-magazin.de/2013/01/09/diebremerin-clare-preisner-revolutionarer-geist/ Zugriff 20.10.2015.

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