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Prill, Anna Maria

21.8.1895 in Altona – 26.9.1967 in Bremen

Anna war eine von fünf Töchtern des Arbeiters August Prill und seiner Ehefrau Berta und wuchs in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Wie viele Mädchen aus der Arbeiterschicht ging sie 1910 gleich nach der Schule als noch nicht 15Jährige „in Stellung“ und arbeitete die nächsten 12 Jahre in verschiedenen Haushalten. Anschließend übte sie sieben Jahre lang den Beruf einer Oberhemdennäherin aus. Offenbar hatte sie die entsprechende Qualifikation während ihrer Arbeit als Hausangestellte erworben, möglicherweise in Abendkursen.

Warum sie 1926 nach Bremen übersiedelte, ist nicht bekannt. Sie arbeitete von April bis Mitte August 1929 ehrenamtlich als Hauspflegerin bei der Bremer Arbeiterwohlfahrt (AWO), die mit der örtlichen SPD eng vernetzt war. Sie selbst war 1923 noch in Altona in die Partei eingetreten und war auch schon seit 1922 gewerkschaftlich im Bekleidungsarbeiterverband aktiv. Im August 1929 trat sie als fürsorgerische Ermittlungskraft beim Fürsorgeamt in den bremischen öffentlichen Dienst ein und hatte damit endlich eine sichere Dauerstellung – dachte sie. Ihre Aufgabe war es, Unterstützungsempfänger zu Hause zu besuchen, um ihre Bedürftigkeit zu überprüfen. Sie wollte sich aber beruflich weiter entwickeln und absolvierte von 1931 bis Februar 1933 nebenberuflich beim Bremer Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsverein (FEAV) eine Ausbildung zur Fürsorgerin, die sie mit der Note „gut“ abschloss.

Doch im Juni wurde ihr gekündigt – zwar ohne Begründung, aber der Hintergrund war klar: der Senatsbeschluss vom 23.3.1933, wonach eine Mitgliedschaft in „SPD, KPD und anderen marxistischen und kommunistischen Organisationen“ für Beamte und Angestellter des bremischen öffentlichen Dienstes verboten war.[1] Sie hatte offenbar gleich nach der Information aller öffentlich Bediensteten über den Senatsbeschluss ihre Mitgliedschaft streichen bzw. ruhen lassen, wie das alle Sozialdemokraten im Staatsdienst taten. Vielleicht erreichte sie deshalb einen Aufschub der Kündigung bis zu ihrer offiziellen staatlichen Anerkennung als Fürsorgerin. Am 30.9.1933 erfolgte die endgültige Entlassung.

In den Jahren bis zum Ende des „Dritten Reichs“ hielt sie sich als Reisedame für Miederwaren, mit Putzarbeiten auf der „AG Weser“ und als Schaffnerin bei der Bremer Straßenbahn über Wasser. In den letzten Kriegsjahren holte sie die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), der es an Fürsorgekräften mangelte, obgleich sie kein Mitglied einer NS-Organisation war. Immerhin war ihre Wohnungssituation gesichert. Sie teilte sich eine Dreizimmerwohnung in einem Dreifamilienhaus am Schwarzen Weg in Gröpelingen mit einem Mann, mit dem zusammen sie das Haus günstig gekauft hatte. Geheiratet hat sie ihn nicht, wie offenbar ursprünglich geplant; sie führe keine „eheliche Gemeinschaft“, wie sie ihrem Arbeitgeber im Mai 1933 mitteilte.[2] Kinder hatte sie auch später nicht.

In den ersten Monaten nach Kriegsende ließ sie das ihr zur Hälfte gehörende stark zerstörte Haus mit Hilfe eines Darlehens wieder herrichten. Sie hatte keine Einkünfte, bis sie im Juni 1945 wieder eine Anstellung als Fürsorgerin beim Wohlfahrtsamt fand, wo sie für die Wehrmachtsbetreuungsstelle, also für die entlassenen Soldaten und heimkehrenden deutschen Kriegsgefangenen, zuständig war. Diese Stelle befand sich zunächst am Hauptbahnhof, später am Halmer Weg in Gröpelingen. Dort leitete sie auch das Wohnheim für heimatlose männliche Jugendliche.

Ihre Tätigkeit mit der weitestreichenden sozialpflegerischen Bedeutung und dem größtem Wirkungsradius war wohl mit ihrer Position als erste Vorsitzende der 1945 wieder gegründeten Bremer AWO verbunden. Die der SPD nahestehende große Wohlfahrtsorganisation – 1920 gegründet von Marie Juchacz, von den Nationalsozialisten verboten – entstand nach 1945 überall in Deutschland neu. Die bremische Besonderheit war die Kooperation von Mitgliedern der beiden Arbeiterparteien SPD und KPD, von ehemaligen Mitgliedern der AWO und solchen aus der ehemaligen KPD-nahen Roten Hilfe. Der Verband hieß denn auch in Bremen Arbeiterhilfswerk (AHW) und erst 1952 wieder AWO, nachdem aufgrund politischer Grundsatzkonflikte die von vielen anfangs gewünschte politische Einheitsbewegung auf der Linken sich als unmöglich erwiesen hatte. Die in der SPD organisierten Verbandsmitglieder – auch Anna P. war gleich nach Kriegsende wieder Mitglied geworden – warfen den kommunistischen Kollegen und Kolleginnen Unterwanderdungsabsichten vor und wählten sie nicht wieder in den Vorstand. Deshalb kam es zur Wiederaufnahme des alten Namens 1952.

Unter ihrem Vorsitz leisteten AHW/AWO nicht hoch genug einzuschätzende Hilfe zu einer Zeit, in der sich sehr viele Menschen durch die Kriegsfolgen in einer verzweifelten Notlage befanden. Der Verband richtete Nähstuben ein, wo Wolldecken und Uniformstücke zu Kleidungsstücken umgearbeitet wurden, Helferinnen zogen mit dem Handwagen von Haus zu Haus, um getragene Kleidung, Hausrat und Möbel zu sammeln, Betriebe sammelten Geld für das AHW. Vielleicht die wichtigste Einrichtung im Rahmen der Überlebensarbeit, die das AHW leistete, war das „Kinderparadies Lankenau“, das der Verband am linken Weserufer im ehemaligen Strandbad Lankenau einrichtete. Hier wurden in Tageskuren Kinder verpflegt und medizinisch untersucht, viele waren unterernährt; sie konnten spielen und baden. Das alles musste organisiert werden. Außer diesem Kindererholungswerk richtete das AHW ab Herbst 1946 Kindergärten in ehemaligen Baracken, z.B. auf der Bürgerweide und am Halmer Weg, ein. Trotz der hauptberuflichen und zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen muss man sich fragen, wie Anna P. es schaffte, ihre Arbeit als Fürsorgerin beim Wohlfahrtsamt mit ihrem Einsatz als ehrenamtliche Vorsitzende dieses großen Sozialverbandes zu verbinden.

Eine weitere Aufgabe hatte sie in dem eng mit der AWO verbundenen Nachbarschaftshaus Beim Ohlenhof in Gröpelingen – heute Helene Kaisen-Haus – das mit Hilfe des amerikanischen Unitarierwerks entstand. Sie gehörte am 8.6.1951 mit zu den Gründungsmitgliedern und wurde zusammen mit Ella Ehlers Schriftführerin im „Verein Nachbarschaftshaus Bremen e.V.“, zu dessen Vorsitzender Helene Kaisen gewählt wurde.

Ihre berufliche Entwicklung verlief im Weiteren offenbar nicht sehr glücklich. Im Dezember 1948 wurde sie vom Wohlfahrtsamt an das Bremer Überseeheim in Lesum abgeordnet, das als Übergangslager für auswanderungswillige Deutsche in diesem Jahre eingerichtet worden war. Die Tätigkeit dort entsprach nicht ihren Vorstellungen. Durch Fürsprache des ihr gut bekannten Wohlfahrtssenators Adolf Ehlers (SPD) gelang ihr im September 1949 die Versetzung in ein anderes Senatsressort, und zwar an die Fachschule für Frauenberufe Abt. Wohlfahrtsschule. Deren Direktorin hatte die neue Mitarbeiterin nicht gewollt, die 54jährige erschien ihr zu alt. Tatsächlich gestalteten sich ihre letzten Berufsjahre offenbar alles andere als angenehm, nicht nur wegen der Spannungen mit ihrer Chefin, sondern hauptsächlich wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes. Schwerer Gelenkrheumatismus und heftige Herzprobleme hatten lange Fehlzeiten in der Fachschule zur Folge. Zum 31.12.1951 musste sie endgültig den Dienst quittieren; der Amtsarzt hatte ihr dauernde Dienstunfähigkeit bescheinigt.

Den Vorsitz in der AWO behielt sie noch bis 1954; Charlotte Niehaus wurde ihre Nachfolgerin. In den folgenden Jahren muss sie sehr zurückgezogen gelebt haben, weil ihr gesundheitlicher Zustand ihr keine andere Wahl ließ und wohl auch, weil es ihr finanziell schlecht ging. Sie erhielt nur eine kleine Rente. Ihre finanzielle Situation war schon vor ihrem Ausscheiden aus dem Dienst so verzweifelt gewesen, dass sie sogar Notstandshilfe bei ihrem Arbeitgeber hatte beantragen müssen. Die geringen Mieteinnahmen reichten gerade für die Abzahlung des Darlehens aus. Außerdem bat sie bei der Landesversicherungsanstalt im November 1951 um die Gewährung eines Übergangsgeldes. Ihre wiederholten Anträge auf Entschädigung – zuerst 1951 gestellt – für die durch das NS-Regime erlittenen Schäden in ihrem beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen hatten erst 1961 erste Erfolge. Das Landesamt für Wiedergutmachung verlangte Nachweise, dass sie 1933 wegen ihrer Mitgliedschaft in der SPD entlassen worden war. Es dauerte weitere sechs Jahre, bis ihre Ansprüche nach dem Bundesentschädigungsgesetz von 1953 anerkannt wurden und ihr im Juli 1967 eine erkleckliche Summe für entgangenen Verdienst während der NS-Zeit überwiesen wurde. Endlich hatte sich ihre finanzielle Situation gebessert, worauf sie so lange hatte warten müssen, doch lange konnte sie sich daran nicht erfreuen; denn drei Monate später starb sie.

Anna P. gehört als erste Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Bremen nach dem 2.Weltkrieg neben Charlotte Niehaus, Ella Ehlers und Helene Kaisen mit zu den Frauen, die in einflussreicher Position im Rahmen dieses traditionsreichen Sozialverbandes mithalfen, die großen Verwüstungen, die die Nazis angerichtet hatten, in materieller und immaterieller Hinsicht zu überwinden.

Anmerkungen:
[1] StAB 4,111Pers 4439 (Personalakte Anna Prill) Blatt 48. Als Basis wird die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933 angegeben. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde erst am 7.4.1933 verabschiedet.
[2] ebda. Blatt 51.

Literatur und Quellen:
Blandow, Jürgen: Von Friedrich Ebert bis Ella Ehlers. Die Vorgeschichte und die Geschichte der bremischen Arbeiterwohlfahrt, Bremen o.J. (1995), S.56 ff.
StAB 4, 111 Pers 4439 (Personalakte).
StAB 4, 54-E 3289 (Entschädigungsakte.

Renate Meyer-Braun