Artikel

Riemer-Noltenius, Erika, geb. Noltenius

15.11.1939 in Kiel – 13.06.2009 in Bremen

Erika war das zweite Kind des Kaufmanns Friedrich August Noltenius (19.10.1909–Mai 1940), des jüngeren Bruders des Bremer Bürgermeisters Jules-Eberhard Noltenius, und der Ärztin Gertrud Elisabeth, geb. Heine (10.3.1906–19.7.1990). Ihr Bruder Friedrich Peter war 1938 zur Welt gekommen. Der Vater kam im Mai 1940 in Frankreich ums Leben. Die Mutter zog daraufhin mit den beiden Kindern nach Würzburg und arbeitete dort in einer Kinderklinik. Ende 1945 ging sie mit dem Sohn nach Bremen; 1946 wurde die Tochter nachgeholt.

Erika legte 1959 die Abitursprüfung ab, studierte in Hamburg Geschichte und Französisch, dann im renommierten Institut des Sciences Politiques in Paris Politik und erwarb – nach einem Umweg über das Berliner Otto-Suhr-Institut – an der Universität in Wien den Doktortitel in Politologie. Nach ihrer Rückkehr in die Hansestadt begann sie 1967 – als erste Frau auf diesem Posten – in der Handelskammer als Referentin für Außenwirtschaft und Öffentlichkeitsarbeit sowie Personalratsvorsitzende. 1974 heiratete sie den 28 Jahre älteren Werksarzt Rudi Riemer, mit dem sie eine glückliche Ehe führen konnte, bis er 1982 infolge einer Krebserkrankung starb.

Was ihr half, mit diesem für sie schweren Verlust umzugehen, war einmal der Tennissport, in dem sie es – im Tennisverein Nordwest – sogar zur Verbandsmeisterin brachte: „Tennis war 58 Jahre lang meine wichtigste Freizeitbeschäftigung“[1]; zum anderen wurde die zweite Hälfte ihres Lebens von ihrem geradezu leidenschaftlichen Einsatz für feministische Politik bestimmt. Hatte sie schon als Personalratsvorsitzende für gleiche Löhne nicht nur gekämpft, sondern sie auch durchgesetzt, dann brachte der Kontakt zur Bremer Frauenwoche, die 1982 an der Universität erstmalig stattfand, für sie den Durchbruch. Dabei sei „die entscheidende Frage, die mich bekehrt hat,…die…nach der Alibifunktion“ gewesen; „war…ich bei der Handelskammer und in den verschiedenen Vorständen…als Alibifrau missbraucht worden…? Warum war ich immer die einzige Frau gewesen? Ich bin dann 1985 nach drei Jahren frauenpolitisch aktiv geworden.“[2]

Sie befasste sich mit entsprechender Literatur, besuchte Vorträge und nahm an Konferenzen teil, so im August 1986 an der Internationalen Frauenkonferenz in Neuseeland. Aber sie handelte auch: 1985 wurde sie in den Vorstand des Landesverbandes des Deutschen Akademikerinnenbundes (DAB) gewählt, von 1989-1991 war sie zweite, von 1991-1997 erste Vorsitzende des Bremer Frauenausschusses (BFA), des 1946 gegründeten Dachverbandes von bald 40 Frauenverbänden und –Organisationen, „die mehr als 100.000 Frauen vertreten.“[3] 1988 gründete sie den Bremer Frauenclub e.V., der Bremerinnen einen Raum für kulturelle Veranstaltungen in Musik, Literatur und Kunst bot,[4] 1994 – nach dem Vorbild US-amerikanischer Frauenuniversitäten – den Förderverein Virginia Woolf Frauenuniversität, der bis 1996 im Gästehaus der Universität am Teerhof drei Konferenzen mit hochrangigen Referentinnen aus Bremen und der BRD veranstaltete, und 2002 ergriff sie die Initiative zum Landesverband der 1995 in Kassel entstandenen Feministischen Partei DIE FRAUEN. Für die Bürgerschaftswahl 2003 gelang es dem Verband, auf die Wahlliste zu kommen; zur Europawahl 2005 „erhielten (wir) bundesweit zum ersten Mal so viele Stimmen, dass wir an der Wahlkampfkostenerstattung vom Staat beteiligt wurden,“[5] und zur Bürgerschaftswahl 2007 veranstaltete der Landesverband in der Jugendherberge am Weserufer die Tagung „Feminismus Offensiv 2007“, deren Ziel es war, „dass das negative Bild vom Feminismus überwunden und als ernst zu nehmendes Politisches System…und Alternative zum Patriarchalen Kapitalismus begriffen wird.“[6] Sie verfasste auch das Manifest der Partei, das vom in Berlin sitzenden Bundesverband ohne Änderungen angenommen wurde.[7]

Dabei wehrte sie sich wiederholt gegen das „Missverständnis…, dass Feminismus ein Synonym für Männerfeindlichkeit“ wäre; „im Gegenteil…suchen (wir) immer fortschrittliche Männer,“[8] wie auch ein Mann in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Partei den Bereich Tierrechte und Verbraucherschutz vertrat.

Ihre wohl bekannteste, zugleich umstrittenste Leistung aber war der in der Neustadt gelegene Beginenhof. Als der damalige Bürgermeister Henning Scherf im Juni 1996 gesellschaftlich relevante Verbände ins Rathaus einlud, um ihre Vorschläge für die bremische Umsetzung der Agenda 21 zu hören – die Agenda ging auf die Verpflichtung der 190 an der Umweltkonferenz 1992 in Rio beteiligten Staaten zurück, nachhaltige Projekte zu entwickeln – schlug sie als Vorsitzende des BFA den Beginenhof vor. Er könne „umweltfreundlich gebaut werden, weil man auf kleinem Raum mit vielen Menschen wohnen und mit umweltfreundlichen Materialien bauen kann.“[9] Von ihren eigentlichen Vorstellungen, „nämlich eine Lebens-, Arbeits- und Wohngemeinschaft“ zu gründen, „in der Frauen sich gegenseitig helfen,“[10] sagte sie nichts.

Die Resonanz war vor allem bei den mehrheitlich anwesenden Männern positiv. Am 30.April 1997 wurde der Verein Bremer Beginenhof Modell e.V. gegründet; im Juni wurde er durch eine Genossenschaft – Bremer Beginenhof Wohnungsbau Kooperative e.G. – ersetzt, zu der ein Aufsichtsrat, vier vom Arbeitsamt finanzierte ABM-Kräfte und mit Elke Schmidt-Prestin und Erika Riemer-Noltenius zwei Vorstandsfrauen gehörten. Der Bau begann 2000, im Mai 2001 waren die 85 Wohnungen – 1/3 Eigentums-, 2/3 Mietwohnungen – und die Gewerberäume bezugsfertig. Der Beginenhof wurde – schon in der Planung – als EXPO 2000 Projekt anerkannt. Nach der Fertigstellung kam der Preis der UNO – Habitat Scroll of Honour – hinzu und wurde am 1.10.2001 in Fukuka/Japan überreicht. Außerdem erhielt das Projekt den 1.Preis der Agenda 21 in Bremen.

Dass die Trägerinnen des Projekts trotz nationaler und internationaler Würdigung schon in der Bauphase mit zunehmenden Problemen zu tun hatten, hing einmal mit wiederholten Alleingängen der Initiatorin zusammen – so hatte Riemer-Noltenius 1996 im Rathaus ihren Vorschlag zwar als 1.Vorsitzende des BFA, aber ohne dessen Mandat gemacht – dann standen sie sehr bald vor dem finanziellen Aus. Die Gesamtkosten des Projekts betrugen 32 Millionen DM. Sie sollten durch den Verkauf von Genossenschaftsanteilen an Mitglieder und Mieterinnen, den Verkauf von Eigentumswohnungen, Bankkredite der Bremer Sparkasse, für die die beiden Vorstandsfrauen Bürgschaften von je 200.000 DM übernahmen, und 7,5 Millionen Fördergelder der EU zusammenkommen, die Bremen zur Hälfte tragen musste. Die Tatsache, dass der Senat seine Zusage, die er allerdings nur mündlich gegeben hatte – aus welchen Gründen auch immer – nicht einhielt und damit auch die EU-Gelder ausblieben, führte zur Insolvenz sowie dazu, dass die beteiligten Frauen ihre eingezahlten Gelder verloren, die beiden Vorstandsfrauen je 200.000 DM an die Bremer Sparkasse zahlen mussten und die Wohnungsbaugenossenschaft GEWOBA den größten Teil des Beginenhofs übernahm. Erika Riemer-Noltenius musste ihr Elternhaus in Horn verkaufen und zog in eine Wohnung im Beginenhof ein.

Trotz alledem blieb die Anlage bestehen und wurde als frauenpolitisches Projekt zum Vorbild für zahlreiche andere Städte. Im Jahre 2004 entstand in Kassel der Dachverband der Beginen, der jährlich ein bundesweites Treffen organisiert.

Erika Riemer-Noltenius aber konnte – schon als schwer kranke Frau und ein Jahr vor ihrem Tod – erleben, dass der BFA sie zum Internationalen Frauentag 2008 zur Bremer Frau des Jahres wählte und sie im Rathaus vor einem großen Publikum für ihre Lebensleistung geehrt wurde.

Anmerkungen:
[1] Riemer-Noltenius, Schattauer, S.23.
[2] Ebda. S.29.
[3] Eckler-von Gleich, S.45.
[4] Bremer Frauenstadtbuch 2005, S.186.
[5] Riemer-Noltenius, Schattauer, S.51.
[6] Flyer Feminismus Offensiv 2007.
[7] Flyer Feministisches Manifest.
[8] Brief von Erika Riemer-Noltenius an Tom Klose, April 2007, abgeordnetenwatch.de Zugriff 28.8.2015.
[9] Wie Anm.5, S.38.
[10]  Ebda. S.39.

Literatur und Quellen:
Beginenhofblatt, Bremen 2006 Nr.7, 2009 Nr.18.
Bremer Frauenstadtbuch 2005, Bremen 2005.
Eckler-von Gleich, Cecilie u.a.: „Wir rufen euch Frauen!“ 50 Jahre Bremer Frauenausschuß, Bremen 1996.
Flyer: Feministisches Manifest / Feministische Partei DIE FRAUEN Wahlprogramm 2003 / Bremer Beginenhof, Ein Generationsübergreifendes Wohnprojekt für Frauen / Feminismus Offensiv 2007 Tagung 14.–15. April 2007 / Bremer Frauen Club e.V.
Riemer-Noltenius, Erika/ Schattauer, Christa: Biografie von Erika Riemer-Noltenius, Bremen 2008 (Typoskript).
Weser Kurier / Bremer Nachrichten 16.8.2002; 14.12.2008; 26.6.2009.
Der Nachlass von Erika Riemer-Noltenius lagert im Frauenarchiv des Vereins belladonna e.V. Bremen, Sonnenstr. 8, ist aber nach dem Bremischen Archivgesetz vom 7.5.1991 noch nicht einsehbar.

Romina Schmitter