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Rodewald, Henriette Marie Verena

5.8.1866 in Bremen – 4.12.1937 in Bremen

Verena war das dritte von sechs Kindern des Kaufmanns Hermann Georg Rodewald (1814-1891) und seiner Ehefrau Marie Christine Verena (1840-1914). Der Vater stammte aus einer international sehr erfolgreichen und angesehenen Kaufmannsfamilie, die Mutter aus der berühmten Bremer Familie Gildemeister. Verenas Bruder Hermann Emil Otto (1869-1945) war u.a. Präses der Handelskammer und Senator in Bremen.

Nach dem Besuch der Elementarschule von Meta Müller und der Höheren Mädchenschule von Helene Laweg besuchte sie von 1897 bis 1899 die Gymnasialkurse für Frauen in Berlin und bestand im Oktober 1901 am Bremer Gymnasium (ehem. Altes Gymnasium an der Dechanatstraße) die Reifeprüfung. Sie studierte, moralisch und finanziell von ihren Eltern unterstützt, in Berlin, Kiel und Heidelberg Germanistik, Anglistik und Philosophie und promovierte als eine der ersten Frauen in Deutschland als 42jährige an der Heidelberger Universität.

Nach ihrem Studium ergriff sie keinen „eigentlichen Beruf“, beispielsweise den der Lehrerin, sondern engagierte sich öffentlich für Frauen- und Bildungsfragen. 1910 wurde sie Erste Vorsitzende des sicherlich von ihr mitgegründeten Frauenstadtbundes Bremen, der damals einen Zusammenschluss von fünfzehn Frauenvereinen darstellte: Bremer Bund für Mutterschutz, Bremer Frauenclub von 1908, Bremer Mäßigkeitsverein, Bremer Verein für Frauenstimmrecht, Bremer Verein für Verbesserung von Frauenkleidung, Deutscher Bund abstinenter Frauen, Ortsgruppe Bremen, Kaufmännischer Verband für weibliche Angestellte, Unterstützungskasse der Wochenpflegerinnen, Schwesterngruppe Bremen der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands, Verein Bremischer Hebammen, Verein Bremischer Lehrerinnen, Verein Bremischer Malerinnen, Verein Frauenarbeit, Verein Mütter- und Säuglingsheim, Zweigverein Bremen der internationalen abolitionistischen Föderation. Sie führte den Vorsitz bis 1915 und von 1917 bis 1925, ihre Nachfolgerin wurde Guste Schepp-Merkel (1886-1967).

Bis 1925 stieg die Anzahl der im Frauenstadtbund vertretenen Frauenvereine auf 43 mit 600 organisierten Frauen an. Diese Dachorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung, die zudem dem Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) angeschlossen war, wurde somit zu einem bedeutenden Sprachrohr, das Bürgerschaft und Senat nicht überhören konnten. In ihrer ersten Petition an den Senat formulierte Verena R. das Ziel des Frauenstadtbundes: „Der Frauenstadtbund bezweckt die Vereinigung aller Organisationen bremischer Frauen, welche die Förderung des weiblichen Geschlechts in wirtschaftlicher, sozialer, rechtlicher und geistiger Hinsicht und dadurch die Förderung des Allgemeinwohls anstreben. Er will die Vertretung ihrer gemeinsamen Wünsche und Forderungen bei den gesetzgebenden Körperschaften übernehmen.“[1] Sie richtete mehrere Petitionen an den Senat und an die Bürgerschaft, in denen sie aktuelle Probleme aufgriff und mit größter Hartnäckigkeit auf ihre Lösung hinarbeitete. Ihre wichtigsten Ziele waren die Frauenemanzipation und das Frauenstimmrecht.

Im November 1918 wurde sie in den geschäftsführenden Vorstand des Bürgerausschusses gewählt, in dem sich das Bremer Bürgertum aus Angst vor dem Verlust seiner Privilegien durch die Revolution organisierte. Bürgerliche Männer versuchten hier erstmals eine Verbindung mit Frauen, um deren Forderungen größeren Nachdruck zu verleihen, obwohl sich gerade bürgerliche Männer gegen eine politische Teilnahme der Frauen bisher vehement gewehrt hatten. Es war naheliegend, dass sie als Repräsentantin der bürgerlichen Frauenbewegung den Vorstand unterstützen sollte.

Als eine von achtzehn weiblichen Abgeordneten zog sie 1919 für die Deutsche Volkspartei (DVP) in die Bremische Nationalversammlung ein und gehörte anschließend bis 1933 der Bremischen Bürgerschaft an. Sie war Vorstandsmitglied der DVP und leitete die DVP-Frauengruppe, bis diese im Frühjahr 1921 durch einen Frauenausschuss unter Vorsitz von Dr. Johanne Lürssen (1880-1972) ersetzt wurde.

In ihren insgesamt 37 Redebeiträgen in Bürgerschaftsdebatten nahm sie hauptsächlich Stellung zu Problemen des Gesundheitswesens, der Kultur und der Bildung. Obwohl sie nicht Mitglied der Deputation für das Bildungswesen war, setzte sie sich besonders für die berufliche Ausbildung von Frauen und Mädchen ein und sprach sich gegen einseitige Rollenfixierung aus. In mehreren Artikeln, die u.a. im „Roland“, der DVP-Parteizeitung, abgedruckt wurden, setzte sie sich mit dem Frauenstimmrecht auseinander, indem sie das Verhalten aller Parteien kritisierte und analysierte und die Verantwortung auch der Frauen für den Staat beschwor. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihr politisches Leben abrupt beendet. Sie zog sich bis zu ihrem Tod ins Privatleben zurück.

Sie hatte neben ihren manchmal sehr konservativen, sehr oft auch bemerkenswert fortschrittliche Ansichten. Sie war eine hochintelligente, gebildete und streitbare Frau, selbstbewusst, aber bescheiden, die hartnäckig ihre Ziele verfolgte. Ihre Eigenschaften prädestinierten sie zur Politikerin und zur Frauenrechtlerin.

Publikationen:
Einige Gedanken über die Frauenfrage, in: Bremer Kirchenblatt 11.9.1921
Das Spiel mit dem Feuer, in: Der Roland 6.6.1920
Die nationale Gefahr, in: Der Roland 16.12.1923
Die Frau am Kochtopf und anderes, in: Der Roland 3.2.1924
Die Frauen und das Wahlrecht, in: Der Roland 15.6.1924

Anmerkungen:
[1] StaB

Literatur und Quellen:
Holzner-Rabe, Christine/Verena Rodewald, in: Meyer-Braun, Renate (Hrsg.): Frauen ins Parlament. Porträts weiblicher Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft, Bremen 1991.
Kulenkampff, Werner, in: Bremische Biographie 1912 – 1962, Bremen 1969.
Rodewald, Eduard: Der Rodewald Geschlecht, Hannover 1929.
Rodewald, Verena: Das „à part“ im Deutschen Schauspiel. Inauguraldissertation mit Lebenslauf, Heidelberg 1908.
StaB 3-S.4.a.Nr.528.

Christine Holzner-Rabe