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Röttgers, Brigitte Maria

2.2.1943 in Köln – 26.8.2014 in Berlin

Brigitte war die Tochter von Helene Maria, geb. Dumm, und Theodor Hermann Röttgers. Sie hatte zwei Brüder.

Sie träumte früh davon, Schauspielerin zu werden. Nach dem Abitur studierte sie in ihrer Geburtsstadt Köln Theaterwissenschaften und Pädagogik. Nach dem ersten Lehrerexamen wechselte sie 1966 an die Berliner Schauspielschule von Else Bongers. 1968 kehrte sie nach Köln in den Schuldienst zurück, arbeitete mit lernbehinderten Kindern und bestand 1970 ihr zweites Staatsexamen. Kurz darauf erhielt sie ihr erstes Engagement als Schauspielerin am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel.

Kein Geringerer als der bedeutende ungarische Schriftsteller und Theatermacher George Tabori (1914-2007) hatte sie in sein experimentelles Bremer Theaterlabor aufgenommen. Ein als groß erachteter Künstler war Tabori 1976 zwar noch nicht, als er vom damaligen Intendanten Peter Stolzenberg ans Bremer Theater geholt wurde, aber das sollte sich bald darauf ändern. Für Brigitte Röttgers und die anderen Mitglieder des zehnköpfigen Tabori-Ensembles wurde das Theaterlabor im Concordia an der Schwachhauser Heerstraße zu einem Raum ungemein intensiver Erfahrungen, zumal dem Theatermacher die Proben wichtiger als die Premieren waren. Wenn Tabori morgens auf der Probe sagte: „Kleine Änderung“, dann konnte es um eine Körperhaltung gehen aber auch um den Umbruch kompletter Szenen. Die Proben zogen sich monatelang und häufig täglich bis zu zehn Stunden in die Länge. Sie basierten auf Gruppenarbeit, beinhalteten gezieltes Körpertraining und Meditationsübungen.

Taboris intensive Arbeitsweise und das Miteinander des kleinen Ensembles prägte Brigitte Röttgers nachhaltig. Sie stand auf der Bühne, als im April 1976 die Tragödie „Die Troerinnen von Euripides“ bei der Bremer Premiere auf viel Unverständnis stieß, wobei rund 200 Zuschauer das Theater bereits nach zehn Minuten verlassen hatten. Sie stand auf der Bühne, als in der Hansestadt die Stücke „Sigmunds Freude“, „Talk Show“, „Verwandlungen“ und nicht zuletzt „Die Hungerkünstler“ viel Aufsehen erregten. Das frei nach Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“ vom Theaterlabor erarbeitete Stück entzündete bereits vor der Uraufführung am 10.6.1977 kontroverse Diskussionen in der Öffentlichkeit, ließ Tabori das Ensemble zuvor doch 40 Tage unter ärztlicher Aufsicht fasten, um die Schwäche von Hungernden auf der Bühne wirksam werden zu lassen. Von den 10 Spielerinnen und Spielern lehnte nur Brigitte Röttgers damals das Fasten ab, und Tabori erfand für sie eine im Text nicht vorgesehene Rolle: „Na gut, Briggi, dann spielst du eben die Krankenschwester.“ Die Tage des Theaterlabors endeten im Sommer 1978, als Peter Stolzenberg aus dem Amt schied und auch Tabori die Hansestadt verließ.

Die von 1976 bis 2012 mit ihrem Partner Detlef Michelers überwiegend in Bremen lebende Künstlerin hatte viele Auftritte als Schauspielerin – u.a. auch an den Bühnen in Frankfurt a.M. und Düsseldorf. Darüber hinaus war sie eine geschätzte Lehrbeauftragte an mehreren Hochschulen – nicht zuletzt für belletristisches Schreiben an der Bremer Uni. Seit 1975 machte sie sich zudem einen Namen als Autorin. Sie verfasste zwei Theaterstücke (mit Friedrich Schirmer), schrieb vor allem aber zahlreiche eigenwillig bildreiche Gedichte, die in vielen Anthologien und Zeitschriften wie „Akzente“ und „Merkur“ erschienen und teils auch ins Englische und Polnische übertragen wurden. 2006 erschien ihr Gedichtband „Drachentage“, sie verfasste Beiträge für den Rundfunk und arbeitete an einigen bemerkenswerten Hörbüchern mit. Das 2005 gemeinsam mit Detlef M. erschienene Werk „In Freiheit leben. Jean-Paul Sartre und seine Zeit“ wurde 2006 für den Deutschen Hörbuchpreis (Beste Information) nominiert.

Für die Interessen der bremischen Autorinnen und Autoren engagierte sie sich seit Beginn der 1980er Jahre. Sie nahm maßgeblich an der Planung und Gründung des Bremer Literaturkontor e.V. teil und war von 1993 bis 2006 Mitglied des Vorstands. Von 2006 bis 2010 wirkte sie als Mitglied im Landesbezirksvorstand Niedersachen-Bremen des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS). Für den VS übernahm sie zudem mehrmals die künstlerische Leitung von Schriftstellertreffen und – zusammen mit ihrem Lebenspartner Detlef M. – von Niedersächsischen Literaturtagen in Stade und andernorts.

Sie bereicherte jahrzehntelang das bremische Kulturleben – auf der Bühne und im Rahmen literarischer Veranstaltungen, im Kolleginnen- und Kollegenkreis. Ihr Tod reißt eine Lücke. Wie heißt es nicht in den ersten Zeilen ihres Gedichts „Nachmittag“:   „Himmelwärts stürmen / Mit wehendem Haar / Mit weinendem Herzen / Mit gebrochenen Beinen / Mit glühender Haut / Der Neugierde nach / Bis in die Milchstraße… .“ Hoffen wir, dass auch in der Milchstraße ein vertrautes Moin, Moin ertönt.

Die Schauspielerin und Lyrikerin Brigitte Röttgers war eine ungewöhnliche Frau – eine empfindsam kritische, hellwache Zeitgenossin durch und durch. Sie machte bei ihren Auftritten, Lesungen, bei privaten Treffen und Vereins- und Gewerkschaftssitzungen keine ausschweifend großen Worte; sie setzte stattdessen mit der ihr eigenen, geschulten und unverwechselbar eindringlichen Stimme gleichsam Wegweiser in Satzform. Die seit 2008 zunehmend zerbrechlicher wirkende Künstlerin erlag einer heimtückischen Krankheit; sie zerbrach im August „lautlos“ wie die Scherben in ihrem Gedicht „Um eine Illusion ärmer“. Wir noch Lebenden sind nun ärmer um die Illusion, sie könne wieder auf die Beine und die Bühnen der Welt und des literarischen Lebens kommen.

Publikationen
Feature:
Portrait des Schriftstellers Paul Schallück (1922 – 1976) „Gegen ein Leben aus zweiter Hand“
Drachentage, Lyrik, Bremen 2006
Hörbücher:
Große Geschichten – neu erzählt. Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher-Stowe, Halle 2009
Emile Zola: Nana, Halle 2010
Mit Michelers, Detlef: In Freiheit leben – Jean-Paul Sartre und seine Zeit, Frankfurt 2005
Mit Koautor Michelers, Detlef: Das Dschungelbuch – Rudyard Kipling neu erzählt, Halle 2007
Wolfskinder – Das Tier im Menschen, Halle 2007
Wiedergeburt – Das Leben nach dem Tod“, musicas, Halle 2007

Johann-Günther König