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Rosenberger, Eugenie, geb. Rosenberger

27.11.1838 in Bad Kösen – 21.9.1931 in Bad Kösen

Die Schriftstellerin Eugenie Rosenberger war die Tochter des Badearztes Dr. Otto Rosenberger und seiner Frau Julie, geb. du Bois Reymond, aus Bad Kösen. Ihr Großvater, Felix Henri du Bois Reymond (1782–1864), stammte aus einer angesehenen Hugenottenfamilie und war eine Zeitlang Regierungsrat und Abteilungsleiter des Preußischen Außenministeriums in Berlin gewesen. Im Umfeld ihrer Familie traf Eugenie Naturwissenschaftler, Politiker, Großindustrielle und ranghohe Marineangehörige, die früh ihr Interesse an fernen Ländern weckten. Neben den Eltern prägte sie vor allem der Großvater, der die unkonventionelle Ansicht vertrat, dass Frauen und Männer „auf gleicher Stufe“ stehen, wie er in seinem vierbändigen Werk „Staatswesen und Menschenbildung“ 1837 schrieb. Er beobachtete, dass Mädchen und Frauen durchaus tüchtig seien im Erlernen von Latein und Griechisch, aber auch von Mathematik, Physik und Astronomie. Deshalb empfahl er, dass sie ebenso intensiv auszubilden seien wie Jungen.

Eugenie R. heiratete mit 51 Jahren, am 4.12.1889, ihren zehn Jahre jüngeren Cousin, Kapitän Georg Rosenberger. Er fuhr seit 1862 zur See, erwarb 1875 im Alter von 27 Jahren in Bremen sein Kapitänspatent und absolvierte unter Kapitän Meyer bis 1889 einige Reisen als Obersteuermann auf dem Bremer Vollschiff „Regulus“[1] der Reederei W.A. Fritze. Im Dezember desselben Jahres übernahm Kapitän R., nun 40 Jahre alt, die Führung dieses Schiffes, das mit seiner etwa 20köpfigen Besatzung Reisen nach Ostasien machte und vor allem Reis transportierte. Insbesondere die Reederei Rickmers hatte sich früh in der Reisfahrt engagiert und betrieb einen Liniendienst nach ostasiatischen Häfen, wo sie auch Reismühlen unterhielt. Auch andere große Bremer Reeder engagierten sich dort. Der Transport von Massengut, Salpeter, Getreide und Reis, war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eine letzte geschäftliche Nische für Windjammer geworden. Stückgut oder verderbliche Waren übernahmen meist die schnelleren, regelmäßig verkehrenden Dampfschiffe.

Kurz nach ihrer Heirat durfte Kapitän Rosenberger seine Frau Eugenie auf einer Reise nach England mitnehmen, und 1892 erwirkte sie bei dem Bremer Reeder W.A. Fritze persönlich die Erlaubnis, ihren Mann auf seinen weiteren Reisen nach Ostasien zu begleiten. Die Mitreise einer Kapitänsfrau auf einem deutschen Segler dieser Größe in weltweiter Fahrt, betrieben von einem Großreeder mit einer ansehnlichen Flotte, war überaus ungewöhnlich.

An Bord der „Regulus“ beschäftigte sich die Kapitänsfrau vor allem mit Malen und Schreiben. In den Bordtagebüchern und Briefen anderer, jüngerer Kapitänsfrauen zeigt sich oftmals deutlich eine Abhängigkeit vom alles bestimmenden Ehemann, während Eugenie R. ihren Aufzeichnungen zufolge sehr selbständig agierte. Sie war eine Respektsperson und ging in den internationalen Häfen auch allein auf Erkundungstour.

Als Kapitän Georg Rosenberger 1897 die Seefahrt aufgab, schrieb Eugenie einen autobiografischen Bericht über ihre Reisen, die erstmals 1899 unter dem Titel „Auf Großer Fahrt – Tagebuchblätter einer Kapitänsfrau“ erschienen.[2] Ihr Buch schildert zum einen die Lebenswelt der Besatzung aus der Sicht der Schiffsführung und zum anderen touristische Sehenswürdigkeiten sowie die Kultur der asiatischen Regionen, die sie besuchte, natürlich auch ihre persönlichen Erlebnisse unterwegs. Eugenie interessierte sich sehr für alle Belange des Schiffes, vor allem auch für Nautik und Meteorologie. Zwar schreibt sie nicht ausdrücklich, dass sie die Schiffsposition errechnen konnte, doch lassen ihre fachkundigen Anmerkungen auf detaillierte Kenntnisse schließen. Die „Tagebuchblätter“ erlebten zahlreiche Auflagen und wurden auch in der Fachwelt begrüßt. Stolz zitiert Eugenie R. Briefe von Bewunderern ihrer „Tagebuchblätter“, darunter den namhaften Ozeanografen Gerhard Schott und andere prominente Wissenschaftler. Bis heute genießt das Buch den Ruf, den Arbeitsplatz auf einem Windjammer authentisch zu schildern. Wie alle Kapitänsfrauen, nahm Eugenie R. jedoch die Belange der unteren Ränge, der Matrosen, kaum wahr, es sei denn aus Erzählungen im Kapitänssalon der „Regulus“. Entsprechend einseitig wird das Leben der „Leute vor dem Mast“ geschildert. Doch werden die Gegebenheiten auf einem großen Segelschiff und das Leben an Bord sehr anschaulich und fesselnd präsentiert.

Eugenie Rosenberger schilderte mit der „Regulus“ einen sehr luxuriösen Segler, der sich hinsichtlich seiner Größe und Ausstattung stark von den kleineren Eignerschiffen unterschied. Wenn der Kapitän Eigner des Schiffes war, konnte er selbst darüber bestimmen, ob er seine Frau dabei haben wollte, und musste keinen Reeder bitten. Die Kapitänsfrauen solcher Segler führten in internationalen Häfen ein geselliges Leben und besuchten sich gegenseitig. Eugenie R. kam jedoch nicht mit ihnen in Kontakt. Die Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Rangordnungen blieben bei ihresgleichen. In Kapitänskreisen blieb sie immer die einzige Frau. Doch konnte sie sich in den Häfen mit den Frauen der Geschäftspartner ihres Mannes oder der Reederei W.A. Fritze austauschen.[3]

Nachdem sich Eugenie Rosenberger durch die Publikation ihrer Borderlebnisse in maritimen Kreisen einen Namen gemacht hatte, konnte sie Kinderbücher, Kurzgeschichten und Märchen veröffentlichen. Im Alter von über 70 Jahren schrieb sie eine Biografie ihres Großvaters, die 1912 erschien.[4]

Anmerkungen:
[1] StAB, Sign.4.24–F.401, Schiffsakte Regulus.
[2] Rosenberger, Eugenie: Auf Großer Fahrt – Die Tagebuchblätter einer Kapitänsfrau. Editionen 1899, 1900, 1912, 1929, 1973, 1996 und 2009.
[3] Feldkamp, Ursula: Frauen an Bord von Frachtsegelschiffen in autobiografischen Quellen 1850-1939. Bremerhaven/Wiefelstede 2014. Darin: Die „Tagebuchblätter“ der Kapitänsfrau Eugenie Rosenberger 1891-1897. S.147-167; Schramm, Susanne: Kapitänsfrauen auf großer Fahrt: Die Bordtagebücher von Eugenie Rosenberger und Mimi Leverkus. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv 20, 1997, S.183-218.
[4] Rosenberger, Eugenie: Félix Du Bois-Reymond, 1782–1865. Berlin 1912.

Literatur und Quellen:
Feldkamp, Ursula: Frauen an Bord von Frachtsegelschiffen in autobiografischen Quellen 1850-1939, Bremerhaven/Wiefelstede 2014.
Rosenberger, Eugenie: Félix Du Bois-Reymond, 1782–1865. Berlin 1912.
Schramm, Susanne: Kapitänsfrauen auf großer Fahrt: Die Bordtagebücher von Eugenie Rosenberger und Mimi Leverkus. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv 20, 1997, S.183-218.

Ursula Feldkamp