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Rupperti, Mathilde, geb. Richters

24.10.1895 in Lehe – 13.11.1986 in Bremerhaven

In bescheidenen Verhältnissen und unter schwierigen familiären Konstellationen aufgewachsen, arbeitete Mathilde schon mit 14 Jahren als Dienstmädchen und war dann als Plätterin tätig, bevor sie 1919 den aus Lehe stammenden Küper Anton Haupt heiratete. Über ihn, einen aktiven Gewerkschafter und Sozialdemokraten, kam sie zur Arbeiterbewegung, in der sie bald eigene Aktivitäten zu entfalten begann.

Bereits 1918 war sie zu der von Marie von Seggern gegründeten Arbeiterhilfe gestoßen, aus der 1920 die Bremerhavener „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO) hervorging. Dort war sie vor allem als Mitgründerin der Nähstube, einer lange Zeit wichtigen sozialen Einrichtung für bedürftige Menschen, und in der Frauenfürsorge engagiert. Als Vorsitzende des Vereins „Kinderfreunde“ und Leiterin der AWO-Jugendgruppe widmete sie sich ferner der Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die sich damals vor allem auf die Nah- und Fernerholung in Ferienheimen richtete.

Seit 1922 Mitglied der SPD, arbeiteten sie und ihr Mann nach deren Verbot 1933 unter Lebensgefahr im Untergrund. Sie beteiligten sich an der Verteilung von Flugblättern und Zeitungen der Exil-SPD und halfen bedrängten Parteigenossen. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten traf die Familie insgesamt hart. Anton H. verlor seinen Arbeitsplatz, den beiden Töchtern wurden aus politischen Gründen Ausbildungsmöglichkeiten versagt, und das Ehepaar war ständigen Repressionen, insbesondere mehrfachen Hausdurchsuchungen, ausgesetzt, die sie glücklicherweise unbeschadet überstanden. 1943, nach dem Tode ihres ersten Mannes, mit beiden Töchtern wegen des Bombenkrieges nach Bad Sachsa evakuiert, lernte sie dort den Maurer Wilhelm Rupperti kennen, den sie ein Jahr später heiratete.

Kurz nach Ende des 2.Weltkrieges kehrte die Familie an die Unterweser zurück. Mathilde Rupperti nahm unverzüglich ihre ehemaligen Tätigkeiten wieder auf. Zusammen mit Marie von Seggern und anderen alten Weggefährtinnen gehörte sie zu den Wiedergründerinnen der AWO und wirkte weitere 15 Jahre lang in deren Vorstand. Darüber hinaus erstreckte sich ihre ehrenamtliche Tätigkeit wiederum auf die Leitung bzw., seit 1974, Mitarbeit in der Nähstube, auf die Durchführung von Jugendfreizeiten sowie auf Betreuungstätigkeiten unterschiedlicher Art, denen sie bis zuletzt nachging.

Ihr Name steht für lebenslanges unermüdliches ehrenamtliches und unprätentiöses Engagement im Dienste der Arbeiterbewegung. Der ständige Einsatz für hilfsbedürftige Menschen war ihr auch deshalb möglich, weil ihre beiden Ehemänner, wenn auch nicht immer ganz freiwillig, ihr stets den Freiraum und die Unterstützung hierzu gewährten. Ihre Menschlichkeit und ihr Engagement hat sie an ihre beiden Töchter weitergegeben, die von klein auf wie selbstverständlich in das Wirkungsfeld der Mutter hineingewachsen waren und die später ihre Arbeit in der AWO fortsetzten. Ihre ältere Tochter Theda Klein war lange Jahre im Kreisvorstand und Landesvorstand der AWO aktiv; sie und ihre Schwester Anita wurden mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, eine Ehrung, die Mathilde R. für sich selbst stets abgelehnt hatte. Inzwischen hat sich die soziale Kompetenz auch auf die Enkel- und Urenkelgeneration vererbt.

Die AWO ehrte Mathilde Rupperti 1980 durch Verleihung der Marie-Juchacz-Plakette und 1989, indem sie das Seniorenheim in der Stresemannstraße nach ihr benannte.

Literatur und Quellen:
Bickelmann, Hartmut (Hrsg.): Bremerhavener Persönlichkeiten aus vier Jahrhunderten. Ein biografisches Lexikon, Bremerhaven 2.Aufl. 2003, S.284, Erstveröffentlichung.
Löwner, Martina: Mathilde Ruppertini [sic!]. Lebenslanges soziales Engagement, in: Heimat Nordseeküste 2009, S.57-59.
dies.: Mathilde Rupperti, in: Buchelt (Hrsg.): Frauen im Aufbruch, Bremen 2011, S.88-89.
Nordsee-Zeitung, 24.10.1975, 23.10.1985, 14.11.1986.
Brhv. Sonntagsjournal, 20.9.1998, 12.5.2002.
75 Jahre AWO, in: AWO. Mit Herz für Bremerhaven, 16.Jg. Nr.2 (Juni-Aug. 1995), S.1-17, hier S.3-11.

Hartmut Bickelmann