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Schmitz, Adèle Marie Henriette, geb. Roessingh

26.2.1868 in Bremen – 14.3.1951 in Bremen

Adèle war das älteste Kind der aus New Orleans stammenden Lucine-Marie Philomène de Buys (1846-1925) und des Baumwollkaufmanns und holländischen Konsuls in Bremen, Christoph Friedrich Theophilius Roessingh (1839-1890). Ihr folgten fünf Geschwister, von denen drei bereits als Kinder starben.

1871 zog die Familie in das neu erbaute Haus am Dobben 117, Ecke Feldstraße, wo Adèle eine glückliche Kindheit verlebte, deren Höhepunkte die Sommeraufenthalte auf dem Landsitz ihrer Großeltern in Kattenesch waren. Von 1874 bis 1884 besuchte sie die Höhere Töchterschule von Christian A.H. Habenicht in der Lerchenstraße und ging anschließend zur Familie ihrer Mutter nach Le Havre, wo sie ihren Mann, den aus der Schweiz stammenden Baumwollkaufmann Paul Schmitz, kennenlernte. Das Paar heiratete 1886 in Bremen. 1901 ließ es sich nach 15jährigem Aufenthalt in Le Havre, wo vier Kinder geboren wurden, in Bremen nieder.

Ihr politischer Weg begann, als sie 1904 – während eines Kuraufenthaltes in Meran – Helene Stöcker kennenlernte, die zum radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland gehörte, Mitglied zahlreicher pazifistischer Organisationen war und 1905 in Berlin den Bund für Mutterschutz und Sexualreform gründete.

Die Bremer Ortsgruppe entstand am 11.11.1909, maßgeblich unterstützt von Helene S., die dem Senat in mehreren Briefen die Notwendigkeit des Schutzes vor allem lediger Mütter darlegte und im Februar desselben Jahres in Bremen zwei Vorträge gehalten hatte. Schmitz wurde zur 1.Vorsitzenden und zur Delegierten der Gruppe für die Generalversammlungen des Bundes gewählt. Sie übte diese Funktionen bis 1924 aus; danach war sie bis zur Selbstauflösung der Gruppe 1933 als Schriftführerin tätig.

Außerdem gehörte sie der 1904 gegründeten Ortsgruppe des Deutschen Frauenstimmrechtsverbandes an, die sie 1912 als Delegierte auf der Berliner Generalversammlung vertrat. 1914 wechselte sie zur neu entstandenen Ortsgruppe des Deutschen Frauenstimmrechtsbundes über, weil dieser am gleichen Wahlrecht für beide Geschlechter festhielt, während der Verband sich auf die Anpassung seiner Forderungen an das Klassenwahlrecht in den Reichsländern zurückzog. 1915 waren sie und Auguste Kirchhoff, ihre langjährige politische Freundin, die einzigen Bremerinnen, die als Mitglieder der 28köpfigen deutschen Delegation an dem Internationalen Frauenfriedenskongress teilnahmen, der vom 28.4. bis 1.5.1915 – also mitten im Krieg – in Den Haag stattfand.

Ein weiterer Bereich ihres politischen Engagements war die Bewegung der Lebensreform. So gehörte sie nach dem 1.Weltkrieg für kurze Zeit dem Vorstand des „Bremer Vereins für alkoholfreie Speisehäuser“ an und trat für die Ziele des „Bremer Vereins für neue Frauenkleidung und Frauenkultur“ ein.

Als Erstgeborene war sie für ihren Vater eine Enttäuschung, weil sie kein Junge war, und außerdem hatte sie nicht die Schönheit ihrer Mutter geerbt. Diese beiden Faktoren mögen dazu beigetragen haben, dass sie einen starken Willen entwickelte und sehr ehrgeizig war. So verließ sie die Schule, deren Aufgaben ihr Freude machten, mit ausgezeichneten Noten. Die Einwilligung des Vaters zu ihrer Ehe mit Paul Schmitz setzte sie mit der Drohung durch, andernfalls zum Medizinstudium ins Ausland zu gehen. Im politischen Bereich vertrat sie durchgängig radikale Positionen und zeigte sich gesellschaftlichen Anfeindungen gegenüber gleichgültig bis amüsiert.

Sie setzte sich für die Streichung des §218 ein, für die Gleichstellung unehelicher mit ehelichen Kindern und die sexuelle Aufklärung in Elternhaus und Schule. Sie forderte den Zugang von Frauen zum Pastorenamt, das uneingeschränkte Frauenwahlrecht und vertrat die Auffassung, dass internationale Konflikte nicht mit militärischen, sondern mit diplomatischen Mitteln gelöst werden müssen. Dabei überschritt sie die gesellschaftlichen Grenzen ihrer großbürgerlichen Herkunft, indem sie vor Arbeiterinnen in Hastedt sprach und selbst das Kind einer sozial unter ihr stehenden Familie aufnahm. Aus der protestantischen Kirche trat sie 1918 – zusammen mit ihrem Mann – mit der Begründung aus, dass Pastoren den Krieg unterstützt hätten, und nach 1933 ließ sie Äußerungen über Hitler hören, die ihr hätten lebensgefährlich werden können. Von ihrem Mann wurde sie nicht nur moralisch, sondern auch tatkräftig unterstützt: Er arbeitete mehrere Jahre zusammen mit seiner Frau im Vorstand des Mutterschutzbundes und nutzte seinen beruflichen und gesellschaftlichen Einfluss z.B. dazu, im Gebäude der Baumwollbörse einen Raum für die Pflege unehelich geborener Kleinkinder einzurichten.

Publikationen:
Tagebuch für ihre jüngste Tochter Lucine-Marie (Familienbesitz)

Literatur und Quellen:
Bund für Mutterschutz und Sexualreform, Ortsgruppe Bremen, StAB 4,75/7-VR 110; 3-V.2. Nr. 541; 4,65-II.A.12.b.8.Bd.5; 4,121-272.
Internationaler Frauenkongreß, Bericht-Rapport-Report, Amsterdam 1915.

Romina Schmitter