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Schütte, Eva Hedwig Laura, geb. Loeffler

25.10.1914 in Berlin – 26.1.1998 in Bremen

Eva zog als 15jährige mit ihren Eltern von Berlin nach Heilbronn, wo sie das Gymnasium bis zum Abitur 1933 besuchte. Durch ihre Eltern, die dem politischen Liberalismus nahestanden und viele Kontakte zu führenden liberalen Politikern im süddeutschen Raum hatten – ihr Vater, Dr. Loeffler, selbst war ein bekannter Liberaler – wurde ihr Interesse für Politik schon früh geweckt. Da ihre Eltern sich politisch vor 1933 exponiert hatten und bei den Nationalsozialisten als suspekt galten, wurde ihr ein Studium verwehrt. Sie ging zunächst als au-pair-Mädchen – würde man heute sagen – für einige Zeit zu einer Familie nach Spanien.

Nach ihrer Rückkehr absolvierte sie eine Ausbildung als Fotolaborantin und arbeitete in diesem Beruf bis zu ihrer Heirat mit Walter Schütte im Jahr 1938. Mit ihrem Mann zog sie nach Berlin, wo sich ihre Ablehnung des Nationalsozialismus angesichts des Leidens der jüdischen Bevölkerung in ihrer Nachbarschaft vertiefte. Nach Verlust der Wohnung durch Kriegseinwirkung 1943 und Evakuierung bis 1949 in der ländlichen Umgebung Bremens zog die Familie – es gab inzwischen drei Töchter – 1950 in die Stadt Bremen, der Heimat des Ehemannes.

Trotz Sorge für die fünfköpfige Familie verspürte Eva S. Lust und hatte die Energie, sich politisch zu engagieren. Geprägt durch ihr Elternhaus, wurde sie 1959 Mitglied der FDP und schon bald in den Vorstand der Partei und zur Leiterin der FDP-Frauengruppe gewählt. Zur Bürgerschaftswahl 1967 stellte ihre Partei sie erstmals auf, und da sie in ihrer Arbeit überzeugte, bei den folgenden beiden Wahlen 1971 und 1975, erneut. Sie war also zwölf Jahre lang Abgeordnete im bremischen Landesparlament. Wie Hannelore Spies von der CDU, die zur selben Zeit MdBB war, arbeitete sie in der Deputation für Bildung mit und von 1975 bis 1979 auch in der Deputation für zentrale Planung. In ihrer dritten Wahlperiode von 1975 bis 1979 saß sie zudem als Schriftführerin im Bürgerschaftsvorstand. Zumindest während ihrer ersten vier Jahre war sie neben ihrer Parlamentstätigkeit noch im Verkehrsverein beschäftigt.

Sie meldete sich häufig zu Wort, zu sehr verschiedenen Themen, mehrheitlich zu Bildungsfragen. Man kann sie als Linksliberale bezeichnen, die sich auf die Freiburger Thesen  der FDP von 1971 berief und für gesellschaftliche Reformen und mehr soziale Gerechtigkeit eintrat, wobei das Recht auf Bildung eine große Rolle spielte. Das von der SPD 1975 betriebene neue Schulgesetz, das den Aufbau eines integrierten, in Stufen gegliederten Gesamtsystems vorsah, lehnte sie zwar als FDP-Politikerin – anders als die CDU – nicht rundweg ab, riet aber zur „Reform mit Augenmaß.“[1] Als einmal in all diesen Jahren 1978 ein frauenpolitisches Thema auf der Tagesordnung stand, ein Bericht des Senats über die Lage der berufstätigen Frauen in Bremen, kritisierte sie heftig, dass immer noch in Schule und Medien die herkömmlichen Rollenklischees verbreitet würden, die es z.B. einer Schlosserin schwer machten, betriebliche und gesellschaftliche Anerkennung zu finden.[2]

Da die Bürgerschaft aber kaum ein Forum für Frauenpolitik bot, setzte sich Eva S. – wie ihre christdemokratische Parlamentskollegin Hannelore S. – später für diesen Politikbereich hauptsächlich im vorparlamentarischen Raum ein, nämlich in dem 1946 gegründeten überparteilichen Bremer Frauenausschuss (BFA). Sie engagierte sich dort im Staatsbürgerlichen Arbeitskreis, leitete ihn auch einige Zeit selbst und betonte immer wieder, wie wichtig die Kenntnis politischer Zusammenhänge gerade für Frauen sei. 1967 wurde sie zur Vorsitzenden des BFA gewählt, in demselben Jahr, in dem sie in die Bürgerschaft eintrat und Politikerin wurde.

Viel Arbeit also, aber die als außerordentlich aktiv und einsatzbereit geschilderte Frau schaffte es, das übergeordnete Ziel des BFA, Frauen zur Mitarbeit in Politik und Gesellschaft zu motivieren, mit Verve innerhalb und außerhalb des Vereins zu vertreten. In zahlreichen öffentlichen Vorträgen als BFA-Vorsitzende zum Thema Frau und Politik rief sie ihre Geschlechtsgenossinnen auf, selbst aktiv zu werden, wenn sie wollten, dass ihre Interessen Gehör fänden. Sie wusste aber auch, wie schwer das war, denn „die Öffentlichkeit zwingt die Frauen immer noch in ein unzeitgemäßes Rollenbild hinein.“ In der Familie müssten Mann und Frau endlich als Team arbeiten und auch die Gesellschaft könne nur von Mann und Frau gemeinsam in völliger Gleichberechtigung zufriedenstellend gestaltet werden. Dafür müssten die Frauen in öffentlichen Gremien kämpfen.[3] Auch eine entsprechende Erziehung der Töchter zu selbstbewussten jungen Frauen gehöre dazu, um die Sache Emanzipation voranzubringen.[4]

Sie wollte Frauen auch ganz praktisch  helfen: Angeregt durch eine Aktion in einem anderen Mitgliederverband des Deutschen Frauenrings, initiierte sie im Rahmen des BFA sehr erfolgreich einen Babysitterdienst, der es jungen Müttern erlauben sollte, nicht nur mit dem Partner einmal auszugehen, sondern auch politische Versammlungen zu besuchen. Auch für ältere Frauen setzte sich der BFA ein. Eva S. – wie auch ihre Nachfolgerin Hannelore Spies – brachte die Diskussion um das Ehescheidungsrecht auf die Tagesordnung mit dem Ziel, durch entsprechende Eingaben die Rechte älterer geschiedener Frauen zu sichern.

Nach sechs Jahren, 1973, endete satzungsgemäß ihre Amtszeit als 1.Vorsitzende des BFA. Ihre Kolleginnen schickten sie für die nächsten vier Jahre als stellvertretende Delegierte des Frauenausschusses in den Rundfunkrat von Radio Bremen.

Für die Bürgerschaftswahl 1979 kandidierte die fast 65jährige nicht mehr. Ihr Parteifreund und Parlamentskollege Walter Ostendorf bezeichnete sie anlässlich ihres 70.Geburtstages im Oktober 1984 als „kämpferische Liberale.“[5]

Drei Monate zuvor war sie mit dem „Verdienstkreuz I.Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ geehrt worden. Die Vorsitzende des BFA der Jahre 1983 bis 1989, Rosemarie Steffen, hatte sie und Hannelore Spies für diese Auszeichnung dem Rathaus vorgeschlagen. Die Zeit war günstig, hatte doch der scheidende Bundespräsident Karl Carstens (Amtszeit 1.7.1979–30.6.1984) angeregt, mehr Frauen mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren. Der Vorschlag aus Bremen hatte Erfolg beim Bundespräsidialamt und so steckte Bürgermeister Hans Koschnick im Auftrag des Bundespräsidenten Eva Schütte am 12.7.1984 in der Güldenkammer des Rathauses den Orden ans Jackett. In der Ordensbegründung heißt es: „In dieser Funktion (als Vorsitzende des Bremer Frauenausschusses, die Verf.) setzte sie sich besonders dafür ein, die Stellung der Frau in der Politik zu stärken und ihr eine bessere Chance zur aktiven Mitarbeit zu verschaffen…Im Laufe ihres politischen Lebens…hat Frau Schütte als angesehene Politikerin viel für die Gleichberechtigung der Frau in Politik und Gesellschaft getan.“[6]

1989 zog die rüstige 75jährige in das Haus Riensberg der Bremer Heimstiftung, noch lange interessiert an Politik, Kunst und Literatur. Im Januar 1998 starb sie nach einigen Monaten auf der Pflegestation des Heims im 85.Lebensjahr. In der Traueranzeige der Bürgerschaft bescheinigt ihr Präsident Reinhard Metz etwas knapp „Sachkompetenz und Menschlichkeit“, mit der sie „ihre Aufgabe als Parlamentarierin wahrgenommen“ habe. Der Landesverband der FDP benennt sie in der Anzeige immerhin als überzeugte Bildungspolitikerin und weist auf ihr Engagement „für die Gleichstellung der Frau“ hin.[7]

Anmerkungen:
[1] Plenarprotokolle der Bremischen Bürgerschaft, 8.WP 67.Sitzung 22.1.1975 S.3659.
[2] Plenarprotokolle der Bremischen Bürgerschaft, 9.WP 65.Sitzung 27.9.1978 S.4157 ff.
[3] Wiedergabe eines Vortrages WK 18.3.1968.
[4] Das habe Eva Schütte 1971 als Vorsitzende anlässlich des 25jährigen Jubiläums des BFA gesagt, zitierte Bürgermeister Wedemeier auf der Feier aus Anlass des 40jährigen Jubiläums des BFA 1986. Er glaubte, die Früchte dieser Ermahnung bereits spüren zu können. WK 30.9.1986.
[5] WK 15.10.1984.
[6] StAB 4,631-111-22/1-487. Ordensverleihung mit Foto WK 13.7.1984.
[7] Beide Anzeigen WK 30.1.1998.

Literatur und Quellen:
Handbücher der Bremischen Bürgerschaft 7. bis 9.Wahlperiode.
Plenarprotokolle der Bremischen Bürgerschaft (Landtag) 7. bis 9. Wahlperiode.
StAB 4,63/1-111-22/1-487 (Ordensangelegenheiten).
Weser Kurier digitales Zeitungsarchiv.

Renate Meyer-Braun