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Schweingruber, Dorothea, gen. Thea, geb. Westendorf

21.1.1927 in Bremen – 7.4.2014 in Bremen

Thea wuchs in einer politisch links eingestellten Familie in Bremen-Hemelingen auf. Im „Dritten Reich“ war sie einige Jahre im BDM.[1] Gleich nach dem Krieg wurde sie – ganz im Einklang mit ihrem Elternhaus – Mitglied der „Roten Falken“ und trat auch in die SPD ein. Gleichzeitig engagierte sie sich in der zum SPD-Milieu gehörenden Arbeiterwohlfahrt (AWO). Später übte sie Vorstandsfunktionen im AWO-Kreis- und Landesverband aus, von 1978 bis 1980 als stellvertretende AWO-Landesvorsitzende. Auf der untersten Ebene, dem Ortsverein, war sie lange AWO-Vorsitzende in ihrem Wohnbezirk Blumenthal. Nicht verwunderlich also, dass sie 2007 mit der Ehrenmitgliedschaft in dieser ehrwürdigen Organisation geehrt wurde.

Natürlich gehörte auch gewerkschaftliches Engagement von Jugend an zu ihrem Leben. Auch beruflich bot sich hier nach dem Krieg eine Perspektive für sie; die gelernte Stenotypistin wurde Gewerkschaftssekretärin. Man traute ihr mehr zu. Und so entsandte der DGB-Ortsausschuss Bremen sie 1948/49 zum 2.Lehrgang nach dem 2.Weltkrieg – dem 14. insgesamt – an die Akademie der Arbeit in Frankfurt/M.[2] Es handelt sich um die 1921 als „erste deutsche Hochschule für das Volk der Arbeit“ gegründete Einrichtung, heute eine vom DGB, dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt getragenen gemeinnützigen Stiftung. Durch die intensive Beschäftigung mit Ökonomie und Arbeitsrecht sollten und sollen berufserfahrene, gesellschaftspolitisch interessierte junge Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit Gewerkschaftshintergrund für Tätigkeiten in Wirtschaft und öffentlichem Leben ausgebildet werden.[3] Thea Westendorf war eine von fünf weiblichen unter 55 männlichen Teilnehmern dieses Lehrgangs. Reisen waren zu der Zeit noch sehr schwierig. Man benötigte für die Fahrt von Bremen nach Frankfurt eine besondere Kennkarte, die von der Militärbehörde ausgestellt werden musste. Sie wohnte in einem privaten Quartier. Ihr wurde erfolgreiche Teilnahme an Vorlesungen und Übungen in VWL und BWL bescheinigt und eine Empfehlung für den Status als Gasthörerin an der Universität Frankfurt ausgesprochen. Ob sie die wahrnehmen konnte, ist nicht bekannt. Die Kenntnisse, die sie in jungen Jahren in Frankfurt erworben hatte, wurden ihr für ihre spätere Beschäftigung in der Wohnungswirtschaft und im Amt für Wohnung und Städtebauförderung, wo sie von 1979 bis 1982 mit der kommunalen Wohnungsvermittlung befasst war, nützlich. Auch für die Position im Aufsichtsrat der GEWOSIE, der nordbremischen gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft, die sie von 1986 bis 1994 bekleidete, konnte sie sie gebrauchen.

1958 heiratete Thea W. Karl-Heinz Schweingruber, den sie schon als Jugendliche bei den Falken kennengelernt hatte. Mit ihm zog sie von Hemelingen nach Blumenthal, wo das Paar die Hälfte eines von der GEWOSIE erbauten Doppelhauses erworben hatte. Die andere Hälfte bewohnte die bekannte Pädagogin Eva Seligmann, mit der die Schweingrubers eng befreundet waren. Der Ehemann, ursprünglich Werftarbeiter auf dem Vulkan, in den 50er Jahren Vorsitzender der Bremer Gewerkschaftsjugend, dann hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär, qualifizierte sich durch ein PH-Studium zum Lehrer an Grund-, Haupt- und Realschulen und stieg später zum Oberschulrat auf. Auch er war seit der ersten Nachkriegszeit SPD-Mitglied.

Ihr gewerkschaftliches Engagement führte sie in den 70er Jahren zur Funktion einer Vorsitzenden des DGB-Kreisfrauenausschusses. Als solche sparte sie nicht mit deutlicher Kritik an den Gewerkschaftsmännern, wenn es z.B. um Fragen der Lohngruppeneingruppierung von Männer- und Frauenarbeit ging. Es müsse endlich ein Mentalitätswandel bei den männlichen Kollegen eintreten, forderte sie. Ihr lag daran, andere Frauen zu motivieren, sich für gesellschaftspolitische Fragestellungen zu interessieren und mitzuwirken beim Kampf gegen betriebliche und gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen. Dieses Ziel vertrat sie auch in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) und als Delegierte bei den Versammlungen des Bremer Frauenausschusses (BFA). Auch in ihren Vorträgen in der Volkshochschule (VHS), bei der Evangelischen Frauenhilfe und der SPD-Betriebsorganisation ging es darum.

Sie war nach Aussage derer, die sie gut kannten, ein hochpolitischer Mensch, hatte den Überblick über politische Zusammenhänge, diskutierte leidenschaftlich und galt deshalb für viele Jüngere in ihrem SPD-Ortsverein Lüssum-Bockhorn, heute OV-Blumenthal, als Vorbild. Auch auf der nächst höheren Ebene, im Vorstand des SPD-Unterbezirks-Nord, war sie aktiv; dort wirkte sie lange Jahre als stellvertretende Vorsitzende. Auf Antrag dieses Unterbezirks wurde sie 1979 als Kandidatin für die erste Direktwahl zum Europäischen Parlament (EP) in Straßburg aufgestellt. Das ging zu ihrem großen Kummer schief: Ein männlicher Genosse machte das Rennen. Der SPD-Landesparteitag nominierte am 25.11.1978 den Hochschullehrer Thomas von der Vring als Kandidaten für das EP und Thea Schweingruber als Ersatzkandidatin.[4]

Ganz wichtig war ihre kommunalpolitische Aktivität im Beirat Blumenthal, drei Legislaturperioden als ehrenamtliches Mitglied auf der SPD-Bank und von 1982 bis 1986 sogar als hauptamtlich Beschäftigte in der Position der stellvertretenden Ortsamtleiterin. Dafür gab sie ihre Stelle beim Amt für Wohnung und Städtebau auf. Die Belange dieses Stadtteils in Randlage lagen ihr sehr am Herzen und zusammen mit dem Ortsamtsleiter Carl Lüneburg bildete sie ein ideales Team. Besonders engagiert kämpfte sie auch noch nach Ende ihrer Amtszeit für den Erhalt des dortigen Freibades, weil diese Einrichtung ihrer Meinung nach eine wichtige Rolle für den sozialen Zusammenhalt der Bevölkerung spielte. Es ging dabei auch um ihre persönliche Betroffenheit, schwamm sie doch täglich dort auch noch als weit über 70jährige ihre Runden. Aus Ärger über die Kommunalpolitik ihrer Partei in Senat und Bürgerschaft, die dazu geführt hatte, dass das Bad schließlich doch geschlossen wurde und außerdem der Ortskern von Blumenthal verödete, verzichteten Thea und Karl-Heinz nach 58jähriger Mitgliedschaft auf ihre Mitgliedsrechte in der SPD, traten aber nicht aus der Partei aus. 2011 ehrte Bürgermeister Jens Böhrnsen die Parteiveteranin für ihre 65jährige Mitgliedschaft, ihr Mann war da schon gestorben. Ihre Verbundenheit mit Blumenthal zeigte sich auch daran, dass sie noch lange nach ihrer Verrentung im Dokumentationszentrum Blumenthal (DOKU) mitarbeitete.

Sie lebte mit ihrem Mann über 50 Jahre lang in großer emotionaler und politisch-weltanschaulicher Harmonie. „Nach dem Tod von Karl-Heinz ist etwas in ihr zerbrochen“, so eine Zeitzeugin. Beide waren aktive Gewerkschafter, beide aktive und kritische Sozialdemokraten. Anders als viele SPD-Mitglieder waren sie nicht kirchenfern eingestellt, sondern gehörten zu den aktiven Mitgliedern der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in Bremen- Blumenthal.

Beide waren zwar sehr beschäftigt, aber ihr Denken kreiste nicht nur um Politik. Ihr Einsatz für die Allgemeinheit erstreckte sich auch auf Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. So kümmerten sie sich, deren Ehe kinderlos geblieben war, intensiv um zwei Jungen, denen sie nach Kräften halfen, ihr Leben zu bewältigen.

Sie starb nach einem erfüllten Leben im 88.Lebensjahr in einem Heim, wohin sie gezogen war, als sie auf Grund einer Krankheit nicht mehr allein leben konnte.

Anmerkungen:
[1] Bund Deutscher Mädchen.
[2] seit 2009 Europäische Akademie der Arbeit.
[3] Informationen aus http://www.akademie-der-arbeit.de.
[4] Aus: Jahresbericht der SPD-Landesorganisation Bremen 1978/79.

Literatur und Quellen:
Die Norddeutsche vom 10.4.1982 „Thea Schweingruber löst Buse ab“.
Fernsprechbuch der bremischen Behörden der1970er und 1980er Jahre.
Jahresbericht der SPD-Landesorganisation Bremen 1978/79.
http:/www.awo-bremen.de, Zugriff 12.7.2015.
http:/www.doku-blumentahl.de. Zugriff 3.8.2015.
http://www. akademie-der-arbeit.de Zugriff 1.9.2015 und Auskunft einer Mitarbeiterin dieser Institution nach Archivrecherche.
Weser Kurier digitales Zeitungsarchiv unter Thea Schweingruber, diverse Artikel.
Zahlreiche Gespräche mit Weggefährten/Weggefährtinnen und einer Verwandten.

Renate Meyer-Braun