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Schwöbmann, Leontine Wilhelmine, geb. Pieper

5.9.1854 in Zeven – 8.4.1928 in Bremen

Leontine Wilhelmine wuchs in bürgerlichen Verhältnissen in Zeven auf. 1877 heiratete sie den Buchhalter Heinrich Christian Schwöbmann aus Bremen, dessen erste Frau verstorben war. Aus dieser Ehe brachte er zwei Töchter mit. In Bremen baute der aufstrebende Finanzexperte in den folgenden Jahren die Bremer Genossenschaftsbank auf, die spätere Bremer Vereinsbank, deren geschäftsführender Direktor er auch war. Im Januar 1884 wurde Sch. wegen Veruntreuung von Geldeinlagen von seinem Posten suspendiert. Da der gesamte Aufsichtsrat der Bank in den Betrugsskandal verwickelt war, gelang es ihm zunächst, sein Gehalt weiterzubeziehen.

Seine Frau Leontine hatte inzwischen vier eigene Kinder geboren, überdies standen die beiden Stiefkinder in ihrer Obhut. Die Familie zog nach Achim, wo Sch. sogleich mit einigem Erfolg eine neue Bank ins Leben rief. Im November 1884 jedoch musste die Vereinsbank in Bremen Konkurs anmelden. Dieser Banken-Crash brachte viele Bremer Handwerker und kleine Kaufleute um ihr Vermögen. Erst jetzt wurde die Bank überprüft und die „Ausbeutung vertrauensseligen Publikums … zur Bereicherung Einzelner“ durch den Konkursverwalter Heinrich Sievers in allen Details aufgedeckt. Entgegen heutiger Praxis gab es für die Bank keine öffentlichen Subventionen, sie ging Pleite. Als gegen Bankdirektor Sch. als Drahtzieher und Hauptnutznießer der Betrügereien Haftbefehl erlassen wurde, nahm er sich am 21.11.1884 das Leben.[1]

Leontine Schwöbmann verschwand mit ihren vier Kindern für einige Jahre aus Bremen, ihre beiden Stiefkinder konnte sie bei den Großeltern unterbringen. 1887 kehrte sie nach Bremen zurück, um dort mit einem eigenen Geschäft Fuß zu fassen. Das Bremer Adressbuch bezeugt die gehetzte Lebensweise der Witwe in den folgenden Jahren. Sie eröffnete ein Putzgeschäft, zunächst am Wall, dann in der Wachtstraße. Sie wohnte nacheinander in der Ostertorstraße, vor dem Steintor und 1889 an der Contrescape. Die Angst vor den Gläubigern und die Wut verarmter Bankkunden ihres verstorbenen Mannes veranlassten wohl die vielen Umzüge. 1890 entschloss sich die nunmehr 46jährige Bankierswitwe, zur See zu gehen. Ihre Kinder wurden nach Auskunft ihrer Nachfahren in Bremen von einer langjährigen Angestellten ihres vormals großbürgerlichen Haushalts während der Arbeitszeiten auf See versorgt.

Auf Bremer Dampfschiffen arbeiteten bis zum 1.Weltkrieg nur einige wenige Stewardessen, die vor allem für die Belange der weiblichen Passagiere und in der Kinderbetreuung eingesetzt wurden. Von 1890 bis 1915 arbeitete Leontine Sch. als 2.Stewardess auf verschiedenen Dampfschiffen des Norddeutschen Lloyd auf der Linie Bremen – New York, wie vier ihrer Seefahrtsbücher im Besitz des Deutsche Schiffahrtsmuseums dokumentieren. Während ihrer ersten Reisejahre, solange die Kinder klein waren, verzeichnet das Seefahrtsbuch längere Aufenthalte in Bremen von ein bis drei Monaten Dauer. Ihr letzter Arbeitsplatz war der Passagierdampfer „Kronprinzessin Cecilie“. Als der 1.Weltkrieg begann, war sie an Bord und erlebte im August 1914, wie das große Schiff vor dem kleinen Ferienort Bar Harbor in Maine die Anker auswarf, um seiner Internierung zu entgehen. Später wurde das Schiff in Boston aufgelegt. Doch erst am 9.3.1915 konnte die inzwischen betagte Stewardess nach Bremen zurückkehren.

Die langjährige anstrengende Arbeit im Dienste vermögender Passagierinnen hatte ihren Tribut gefordert. Ein Bremer Arzt bescheinigte ihr 1919 Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Angstzuständen, Herzbeschwerden und Rheumatismus.[2] In ihren letzten Lebensjahren wohnte sie in der Gröpelinger Heerstraße. Sie starb im Alter von 74 Jahren im Evangelischen Diakonissenhaus zu Bremen.

Leontine Schwöbmann steht für die rechtlose Situation verheirateter bürgerlicher Frauen, die dem Ehepartner ihre Mitgift anvertrauen mussten und keinen Einfluss darauf hatten, wie damit umgegangen wurde. Da bürgerliche Frauen nicht in jedem Fall das Vermögen des Mannes erbten, endete so manche Versorgung durch eine Ehe mit seinem Tod. Im 19.Jahrhundert gab es keine Witwenrente, und weibliche Erwerbstätigkeit wurde als Schmach angesehen. So erlebten viele bürgerliche Witwen bei Verlust des Partners einen sozialen Abstieg und verarmten. Wenn der Ehemann seinen Ruf ruinierte, wie in diesem Fall, traf dies die ganze Familie.[3]

So betrachtet, war Leontine Schwöbmann eine starke Frau, die nicht klein beigab, sondern alle erdenklichen Möglichkeiten nutzte, um für sich und ihre Kinder Geld zu verdienen und in Bremen wieder Fuß zu fassen. Als ihr dies nicht gelang, brachte sie den Mut auf, zur See zu gehen. Der Schritt, in einer männlichen Besatzung zu leben, war im 19.Jahrhundert ein Affront gegen Sitte und Anstand und stellte somit eine Ungeheuerlichkeit für bürgerliche Frauen dar. Doch Leontine Sch. hatte ihren sozialen Abstieg bereits durchlebt. Auf den Passagierschiffen des NDL bediente sie nun Frauen aus der Klasse, der sie einst selbst angehört hatte.

Anmerkungen:
[1] StAB, Bericht des Konkursverwalters der Bremer Vereinsbank, Heinrich Sievers, Bremen, 20.12.1884. Bremer Nachrichten 22.u. 23.11.1884.
[2] Anlage Seefahrtsbuch, Archiv Deutsches Schifffahrtsmuseum.
[3] Kludas, Arnold: Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt. Bd. III: Sprunghaftes Wachstum 1900 bis 1914 (=Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums Bd. 20). Hamburg 1988, S. 127.

Literatur und Quellen:
4 Seefahrtsbücher der Leontine Wilhelmine Schwöbmann 1890-1915, Archiv Deutsches Schifffahrtsmuseum, Bremerhaven.
Kludas, Arnold: Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt. Bd. III: Sprunghaftes Wachstum 1900 bis 1914 (=Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums Bd. 20). Hamburg 1988.

Ursula Feldkamp