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Seebeck, Beta, verh. Raschen

18.2.1796 in Vegesack – 25.6.1819 in Vegesack

Beta war das erste von drei Kindern des Kapitäns Hinrich Seebeck und seiner Ehefrau Maria, geb. Dehls. Da sie lutherisch getauft worden war, konnte sie statt der reformierten Hauptschule nur die lutherische Nebenschule besuchen.

Der Vater starb, als sie acht, die Mutter, als sie sechzehn Jahre alt war, so dass die Älteste für sich und ihre Geschwister sorgen musste, was sie „mit Handlung sich ernährend“[1] – „d.h. im Geschäft von Verwandten helfend“[2] – auch tat.

Anfang Januar 1814 schloss sie sich unter dem Namen Heinrich Seebeck – anders als ihre Bremer Zeitgenossin Anna Lühring – nicht den Lützowschen Jägern, sondern der „Hamburger Kavallerie der Legion“ als Freiwillige/r an, kehrte aber im Sommer desselben Jahres nach Hause zurück. Am 27.12.1815 heiratete sie den Schiffszimmermeister Martin Raschen (1787-1870) aus St. Magnus. 1817 bekam sie eine Tochter, Marie Elise (1817-1895), 1819 kam der Sohn Johann Diederich[3] zur Welt, nach dessen Geburt sie – drei Stunden nach der Entbindung – erst 23jährig starb. Am 29.6.1819 wurde sie auf dem alten Friedhof in Lesum beerdigt.

Nach dem Tagebuch ihres Bruders muss sie „ein schönes, blondes, langgewachsenes Mädchen“ gewesen sein, das im „Schwimmen, Reiten, Schlittschuhlaufen…ihren Meister (suchte)“ und „(sich) oftmals…wünschte, ein Knabe zu sein“.[4] Auch habe sie überdurchschnittliche Kenntnisse der französischen Sprache gehabt. Ihr Poesiealbum zeigt ihre Beziehungen zu Freundinnen und Freunden aus Vegesacker Schiffer- und Bürgerfamilien, und aus den Eintragungen in ein Heft, das sie selber ihr „Tagebuch“ nannte, gehen Schwärmerei und Begeisterungsfähigkeit sowie ihr späterer Einsatz für die Befreiung von Napoleonischer Herrschaft hervor. So zitierte sie aus einem Gedicht des Dichters Friedrich von Stolberg die Zeilen: „Mein Arm ist stark und groß mein Mut, gib, Vater, mir ein Schwert.“[5]

Hintergrund ihrer Sensibilität für die politischen Ereignisse waren neben den Berichten von Gewalttaten der Besatzer mit Sicherheit auch die ruinösen Folgen der seit 1806 bestehenden französischen Kontinentalsperre für die von Schifffahrt und Warenhandel vor allem mit England lebende Bevölkerung Vegesacks. Hinzu kam im Dezember 1813 der Aufruf des russischen Generals von Tettenborn, dass nur „die würdige(n) Söhne“, „die für die Sache des Vaterlandes mitkämpfen…der Mitgenossenschaft an dem künftigen Glück wert“ seien.[6] Jedenfalls verließ sie am 5.12.1814 heimlich ihr Zuhause, ließ ihre Kleider am Ufer des Flüsschens Aue liegen und schloss sich in Männerkleidung und unter dem Namen Heinrich Seebeck der derzeit in Bremen lagernden „Hamburger Kavallerie in Legion“ an. Von ihrer Zeit beim Militär ist nur gesichert, dass sie dort zum „Quartiermeister“ avancierte und an der Belagerung Hamburgs beteiligt gewesen sein muss, dass sich „längst wieder in französischer Gewalt“ unter dem Oberbefehlshaber Davoût befand. Nach Erzählungen „scheint (sie) sich in die Rolle eines Mannes gut hineingelebt zu haben.“ So „soll sie mit einem hübschen Mädchen nach Soldatenart ein Liebesverhältnis unterhalten und den flotten Liebhaber gespielt haben“[7], und ihr Bruder schrieb, dass nie im Bataillon bekannt geworden“ sei, „daß ihr junger Quartiermeister ein Mädchen war.“[8]

Trotzdem kehrte sie, als ihre wahre Identität entdeckt wurde, nach Vegesack zurück, wo ihr die Verletzung ihrer Frauenrolle allerdings nicht verziehen wurde und die Verwandtschaft des späteren Ehemannes sich vehement gegen seine Verbindung mit einer „liderlichen Person“ wehrte; so wurden Freiheitskämpferinnen in der damalige Gesellschaft gesehen. In einem Brief an ihre in Verden lebende Freundin Amalie Rievers klagte sie, dass sie „nie die Seine werden (sollte)…Ach, Amalie, es würde alles so gut gehen, aber ich werde gar zu sehr verfolgt und von vielen schlechten Menschen…verleumdet.“[9] Die Ehe kam aber zustande und soll auch glücklich geworden sein.

Ihre soziale Isolierung wird dazu beigetragen haben, wenn nicht sogar die Ursache dafür gewesen sein, dass sie es sich als 20jährige „zur Pflicht“ machte, „nie von dem, was mir bis zu dieser Zeit begegnet ist, zu erwähnen.“[10] Auch ihre Tochter Marie wollte noch lange nach Betas Tod nichts über ihre „kriegerische Mutter“[11] wissen. Dagegen bedauerte ein Handwerksmeister aus Vegesack zur Zeit der deutschen 48er-Revolution gegenüber der Tochter, „daß solche Frauen wie ihre Mutter jetzt fehlten.“[12]

Heute erinnert eine Gedenktafel, die 1914 am Turm der Stadtkirche angebracht wurde, an die Vegesacker Freiheitskämpferin: Mit Philipp Müller, Christian Schmedes, Heinrich Paetsch und Johann Spötter wird Beta Seebeck zu denen gezählt, die „an dem Kriege für Deutschlands Ehre und Freiheit 1813-1814…aus Vegesack…als Freiwillige (teilnahmen)“.

Anmerkungen:
[1] Ortsfamilienbuch Bremen und Vegesack, Familienbericht.
[2] Stricker, S.3.
[3] Er stab im Jahr seiner Geburt.
[4] Wenzel-Seebeck, S.4.
[5] Als Mann verkleidet in den Krieg/ Beta Seebeck – eine wehrhafte Vegesackerin vor 170 Jahren. In: Die Norddeutsche 30.6.1984.
[6] Schwarzwälder, S.42.
[7] Steilen, Dietrich: Heldenmädchen. In: Zeitschrift Niedersachsen 15.7.1916.
[8] wie Anm.5.
[9] Briefe von Beta Seebeck.
[10] Stricker, S.6.
[11] Ebda. S.7.
[12] Ebda.

Literatur und Quellen:
Die Norddeutsche 30.06.1984.
Ortsfamilienbuch Bremen und Vegesack, Familienbericht. http://www.online-ofb.de/famreport php?ofb=vegesack&ID=11254. Zugriff 12.6.2015.
Schwarzwälder, Herbert: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen Bd.2, Bremen 1976.
Seebeck, Beta: Poesiealbum (33 Blätter) und Briefe (Nachlass Käthe Stricker; Museum Schloss Schönebeck, Archiv).
Stricker, Käthe: Vegesack im 19.Jahrhundert – aus Erinnerungen an Marie Raschen und Beta Seebeck, o.O., o.J. (Museum Schloss Schönebeck, Archiv).
Vitense, Otto: Deutsche Frauen und Heldinnen 1813/15, Stuttgart o.J. (1932).
Wenzel-Seebeck, Hedda: Eine Geschichte der Familie Seebeck, o.O., o.J. (1981) (Typoskript, Museum Schloss Schönebeck, Archiv).
Zeitschrift Niedersachsen 15.7.1916.

Romina Schmitter